Müll und andere Geschenke

Seit einiger Zeit kann ich nicht mehr richtig schreiben. Keine Ahnung warum. Wenn ich anfange, ein paar dieser Worte aneinanderreihe, dann sehen mich die Buchstaben an und zeigen mir den Stinkefinger. Zum Glück geht es mir ähnlich, sonst wäre es wirklich schwer zu ertragen.

Alles was ich zur Zeit schreibe finde ich Scheiße – selbst wenn sich die Herren Buchstaben und Frauen Buchstabinnen noch so anstrengen, einen gescheiten Fluss herstellen zu wollen – es nützt nichts. Alles, wirklich alles, was mir seit ein paar Wochen aus der vermeintlichen Feder läuft, ist nicht besser, als der feuchte Film, der sich um alte Abflussrohre legt, mit dem man niemals in Berührung kommen will – schlimmer noch – alleine die Tatsache, dass man weiß dass es diesen Film gibt, ist mehr als genug.

Mir geht es da übrigens ähnlich wie mit Klopapier.

Ich weiß, dass ich es brauche, natürlich – aber ich will nicht wissen wofür, verdammt nochmal. Ich mag Fäkalien nicht sonderlich – natürlich kenne ich mich mit dem menschlichen Stoffwechsel hervorragend aus und das nicht nur, weil ich in Bio eine zwei hatte – aber ich würde es gerne lieber nicht wissen müssen. Und tatsächlich mache ich da keinen Unterschied, ob es sich um physische, schriftliche oder akustische Ausscheidungen handelt – ich kann sie nicht leiden. Nicht, dass ich mich ihnen verweigere, im Gegenteil.

Ich lebe in Demut mit und unter ihnen, aber das heißt nicht – verdammt noch Mal – dass man mich als Scheißhaus, als Komposthaufen, oder als Müllkiste missbrauchen darf oder gar kann – wo ja ständig irgendeiner kann oder muss – und dem man all die Dinge reinschaufelt, die man recyceln oder schlicht und einfach – loswerden will.

Es ist der Mechanismus der mich anwidert.

Dass die Dinge irgendwann raus müssen ist klar. Aber die Tendenz, dass es sich immer, wirklich immerzu um eine Art Einbahnstraße handelt, dass der Entleerer immer nur gibt, statt nimmt – dass ist eine Vorgehensweise, die ich nicht mag – wo ich mich wirklich schwer tue, ihn zu akzeptieren. Deswegen sind für mich auch die Müllmänner der Städte und Kommunen die wahren Helden der Zivilisation. Sie, und nur sie tun das einzig Richtige, was zu tun ist – die Welt am Laufen halten, damit nichts den natürlichen Fluss blockiert, damit die Dinge nachrutschen, damit wir alle weiteressen, weiterleben können – dank moderner Abfluss-Systeme und Müllmänner – einer, so wie ich.

Im Ernst – so ein bischen Dünger im Garten ist nicht schlecht – natürlich, ich weiß das und das nicht nur, weil ich ein grundsätzlich offener und hilfsbereiter Mensch bin, wenngleich es einige Menschen gibt, die das anders sehen.

Ja, wirklich – mit mir meint man über alles reden zu können!

„Schau mal, wie wäre es mit ein paar weiteren Pferdeäpfeln für deine Blumen – deine Rosen würden sich freuen, meinst du nicht? Nein? Warum nicht? Du hast dich doch sonst für jeden Mist hergegeben, warum jetzt plötzlich nicht mehr? Wir haben ein Recht auf Kontinuität – du kannst nicht einfach so nein sagen, dich aus dem Staub machen und so tun, als hättest du vorher nicht all die Gülle brav umgegraben, die wir dir in deinen filigranen Garten gedonnert haben, bis dir der Mist bis zu den Knien stand!“

(Welch wunderbares Bild, findet ihr nicht?)

Ich erinnere es genau – mein Garten sah so sauber und rein aus. Überall glänzte es. Welch Stolz und Freude ich spürte, wenn Besuch kam – wie er neidvoll staunte, über meine kleine Insel Mainau, einfach wunderbar. Ganz anders die dauerhaft verwüstete Runkelrübenlandschaft, nachdem man mir reichlich eingeschenkt hatte – eine Mischung aus Bombentrichtern und Erdhügeln, reichlich gefüllt mit dem Auswurf meiner Mitmenschen – und wie beeindruckend es bei mir stank – wie ich all das Hinkippen und Hinschmeißen sprachlos annahm – wie man mich immer mehr vollspritzte, bis ich von oben bis unten mit Matsch, Dreck und Unrat zukleistert war – wahnsinnige Vogelscheuche, die stolz und stoisch zugleich im Sturm des Lebens, im Orkan des Schmutzes und Unbills stehen blieb, den mir meine lieben Mitmenschen ungefragt angedeihen ließen – vermutlich ganz tief drinnen sogar irgendwie gut gemeint.

Genau so fühle ich mich – wie eine unsortierte, unüberschaubare Müllhalde.

Dort, wo einst mein kleiner sorgsam gepflegter Garten glücklich gedieh, der mit seinen feinsten Früchten und schönsten Blumen bis weit über die Grenzen des guten Geschmacks hinaus für Furore sorgte, dass die Menschen bei seinem Anblick beschämt zu Boden blickten und schwiegen – manche vergaßen sogar das Weiteratmen, weil ihr eigener Acker nur mit schweren Gummistiefeln begehbar blieb, auf dem speckige Rüben wie Pilze vor sich hinsprießen, ausgedrückt wie überreife Pickel, ausgeworfen von fettiger Erde, die ermüdet und ausgelaugt von ewiger Monokultur, zu einem elendigen Nutzacker verkommen war, nachlässig gepflegt, weil es mit mehr Freude erfüllt, die liebevoll gepflegten Gärten der Anderen zu verwüsten, ihre Blumen und Pflanzen niederzutrampeln, anstatt sich um den Eigenen zu kümmern, damit unsere Seelen vom Glanz abbekommen – die wir, zum Gluck, ein wenig gründlicher putzen als unsre Toiletten, die, verseucht durch scharfe Reiniger, einen genauso willkommen heißen , wie Abdeckereien in schwülen Sommernächten, die vor sich hin-ächzen, auf dass sich Pflanzen und Tiere am Boden wälzen, bis Müdigkeit und Abscheu sie in furchtbare Träume jagen, aus dem sie des Morgens schweißgebadet erwachen und hochschießen, als säßen sie auf dem elektrischen Stuhl – und nicht im Dental-Labor des Lebens – so wie ich.

Doch mein Zorn verfliegt leider schneller, als er aufbraust – was ich schade finde, so ähnlich wie das gute Essen, was meine Freundin kocht und was immer viel länger dauert, als die letztendliche Speisung. Kann man sich nicht mal etwas mehr Zeit nehmen? Zumindest ein klein wenig? Muss alles immer schnell schnell gehen?

Reinschlingen, hurtig gekaut, geschluckt und verdaut? Eben noch ein wunderbar dekoriertes Dinner, mit Kerzen und Silber, bald schon erdiger Herbst, gemalt von Beuys oder Hurst?

Vielleicht bekomme ich das ganze ja doch noch eingefangen, wenn ich mehr bei den Zubereitungen der Dinge helfe, sie selber mache, statt vorsetzen zu lassen.

Ist das die Antwort auf alle Fragen? Machen, um zu genießen – anstatt zu beobachten und nur zu konsumieren? Ein Versuch ist es allemal wert!

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