Kleine Geschichte des Lebens

In einem kleinen Dorf lebt ein Mann. 78 Jahre ist er alt, hat zwei erwachsene Söhne, ist geistig wie körperlich fit und macht regelmäßig Sport. Er genießt das Leben, schläft ausreichend und gut und verreist gerne.

Im Großen und Ganzen ist er recht zufrieden mit sich und seinem Leben. In manchen Momenten ist er sogar glücklich. Der Mann fühlt sich gut und ist total fit, was ihn nicht davon abhält, die von seiner Krankenkasse angebotenen Routineuntersuchungen regelmäßig wahrzunehmen.

Eines schönen Tages steht wieder eine an. Der Arzt und er kennen sich schon über 35 Jahre. Nachdem die Untersuchung fertig ist, knöpft der Mann sein Hemd zu und lauscht zufrieden und gelassen, den üblichen guten Nachrichten.

Doch diesmal ist alles anders. Sein Arzt möchte ihn zum Kardiologen schicken. „Was soll ich denn da?“, fragt er seinen Arzt. „Dein Puls ist etwas unregelmäßig und ich möchte sichergehen, dass deine Vorkammern in Ordnung sind.“, antwortet ihm sein Arzt und Freund. „Meine WAS? Vorkammern?“, fragt der Mann sichtlich überrascht nach. „Schau,“, fängt der Arzt an, weiter ausholend, „wenn deine Vorkammern zu unruhig sind und der Puls zu hoch ist, kannst du einen Gehirnschlag bekommen.“

Der Mann ist schockiert. Er glaubt sich verhört zu haben. Das Wort Gehirnschlag, brennt sich in seinem Gehirn ein, dort, wo es wegen seinem Herzen angeblich Schlägereien geben kann. Dabei fühlte er sich bis eben doch noch wunderbar. Wäre er doch nie zu dieser Routineuntersuchung gegangen, denkt er sich.

Zutiefst betrübt, hört er seinem Freund und Arzt zu, wie er ihm eine Überweisung zum Kardiologen ausstellt. Nach einigen Tagen ist auch diese Untersuchung geschafft. Er wird immer betrübter. Der Experte will ihm Betablocker verschreiben. Er sagt, sein Blut wird dadurch dünner und das Risiko ist kleiner.

„Wieso nur kleiner? Ich war doch vor zwei Wochen noch kerngesund? Was machen diese Quacksalber mit mir? Die machen aus einem gesunden, einen kranken Mann. Verdammte Scheiße!“ Obwohl er seit 35 Jahren zu seinem Freund dem Hausarzt geht, der ihm bisher immer gute Ratschläge gab, hat genau dieser, ohne das es beide merkten, ihm zum ersten Mal eine Krankheit eingepflanzt:

Die Angst.

Obwohl der gesunde Mann weiß, das nichts von all dem hätte passieren müssen, wenn er nicht zu der Routineuntersuchung gegangen wäre, traut er sich nicht die Betablocker-Therapie abzusetzen, aus Angst vor den beeindruckenden Worten des Kittels, die sich uneinnehmbar vor ihm auftürmen, wie die Eigernordwand.

Obwohl er weiß, dass Angst den Puls erhöht, so wie all die Gedanken die ihn jetzt quälen, weil das Herz vom gleichen Gehirn gesteuert wird, hat er zum ersten Mal Angst in seinem Leben, so sehr, dass all seine Überzeugungen, all sein Wissen, all sein gutes Gefühl wie weggepustet sind und nur noch von einem beherrscht sind:

Angst vorm Gehirnschlag.

Nachdem er ein paarmal mit dem Notdienst telefoniert, sowie sich kurz darauf mit dem Krankenwagen vorsorglich einliefern lässt, weil er mittlerweile 20 Mal am Tag den Blutdruck misst und die Angst vor zu hohen Pulsen und Drücken, diese in ständige Höhen schieben, dass er eines Abends mit rasendem Puls denkt, dass jeden Moment der Sensenmann an der Tür klingelt.

Eines Morgens, er trinkt wieder seinen Frühstückstee, da denkt er darüber nach, dass er es einfach nicht fassen kann, was diese verfluchten Ärzte aus ihm gemacht haben:

Einen ängstlichen, Tabletten schluckenden Mann.

In einem Moment der geistigen Schärfe sieht er dann klar. Ganz genau erfasst er sich und sein Leben. Er erkennt, dass er eine Wahl hat, so wie er immer eine hatte, dass er sich immer darauf verlassen kann, dass Richtige zu tun, weil er alleine die Verantwortung für sein Leben hat, so wie heute und zu allen Zeiten.

„Entweder ich gehe den von der Angst bestimmten Weg, den der Halbgötter in Weiß, die am Ende auch nicht wissen, wie ich mich fühle, oder ich verlasse mich auf mein Gefühl, wie all die Jahre vorher auch und vertraue mir selbst, weil am Ende alle Instrumente nicht wissen können, wie ich mich fühl. Das weiß und fühle nur ich ganz alleine!“

Plötzlich hat er wieder das gute Gefühl von früher, jenes, was ihm die Ärzte, „Diese Arschlöcher!“, für ein paar Wochen geraubt haben. Er fühlt sich wieder gut, so wie früher und vertraut sich und seinem Körper und begreift, dass er am Ende wieder genauso glücklich und zufrieden sein kann, wenn er wieder auf sich selbst vertraut und nicht auf die Ausführungen, seines vermeintlichen Freundes.

Da begreift er, dass die fälschlich gut gemeinte Gründlichkeit, theoretisch möglicher Extremsituationen, aus ihm einen ängstlichen Mann gemacht haben, der noch kurz zuvor kern gesund war, so wie die letzten 78 Jahre auch. Da lächelt er zufrieden, sagt alle nächsten Untersuchungen ab, schmeißt die Medikamente weg und verabredet sich mit seinen Söhnen auf eine gemeinsame Flasche Wein.

 

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