Ein Jahr, ein ganzes Leben

Es ist vorbei. Ein ganzes Jahr.

Das ist hier tatsächlich meine 52zigste Morgengrauen-Geschichte der Neuzeit. 52. Das kommt mir ziemlich viel vor. Auch ziemlich lange. Ich glaube, wenn ich nicht aufpasse, verrinnt die Zeit im Sand. Aber wahrscheinlich verrinnt die Zeit auch, wenn ich nicht aufpasse. Ich glaube es macht gar keinen Unterschied. Manchmal kommt es mir so vor, als wenn ich meinem Leben zusehe, wie ich es lebe, wie ich die Dinge tue die ich tue, ohne ganz dabei zu sein. Es ist so wie der Wasserkessel der nicht kochen will, wenn man ihm dabei zusieht. Wenn ich hinsehe, passiert nichts. Wenn ich kurz auf Klo gehe, wird die Krim eingenommen. Es ist so, als wenn das Leben einen günstigen Moment abwartet, um mir eine Speise zu servieren, die ich nicht kenne. Oder um mir die letzte Flasche Rotwein aus dem Vorratsraum zu klauen. Ich glaube so in etwa ist das.

Heute ist mir ziemlich komisch zumute. Keine Ahnung was es ist. Vielleicht hat es mit dem verflixten ersten Jahr zu tun. Ein kleines bisschen bin ich sogar stolz. 52 Wochen lang habe ich ohne auch nur einmal zu spät zu sein, egal ob ich in Frankreich, Spanien oder sonst-wo war, jeden Sonntag pünktlich meine Geschichte fertig gehabt. Ich weiß nicht für was, aber für irgendetwas muss es gut sein.

(Nennt man das nicht Disziplin? Wusste ich es doch: Das kann ich.)

Seit einigen Tagen rumort es in mir. Wie fühle ich mich? Will ich weitermachen? Und was könnte ich zum Jubiläum schreiben? Was? Mir fiel partout nichts ein. Gar nichts. Gestern Abend? Nichts! Wenn ich an etwas besonders stark denke, dann passiert meistens nichts. Heute Morgen wachte ich auf. Nada. Immer noch nichts. Dann nahm ich mir vor, meine Gedanken über Bord zu kippen und nur heimlich zu denken. Vielleicht klappte das. Vielleicht spür ich ja dann irgendetwas.

(Bis jetzt geht es ganz gut, immerhin schreibe ich gerade darüber.)

Aber ist jetzt irgendetwas anders? Wie sieht mein Fazit aus? Diese ganze Schreiberei kommt mir mehr wie eine Aufreihung von ein paar Lampions, eine kleine Kette von Novellen vor. Fast wie eine Art persönlicher Reisebericht. Ich glaube, im Grunde ist es das auch. Das Leben ist ja eine schöne Reise. Noch dazu denke ich mir auch nichts aus. Ich schreibe halt die Sachen, die ich erlebe. Mehr nicht. Jetzt hab ich es: Ich fühle mich wie Sylvester. Das ist es. Jetzt habe ich nicht nur 3 Geburtstage, sondern noch einen zweiten Sylvester dazubekommen.

Was war denn passiert in diesem Jahr? Eine ganze Menge. Ich habe viel gesehen, viel erlebt und noch mehr gelernt. Besonders viel über mich. Freunde verschwanden, gingen auf reisen. Andere verwandelten sich, verpuppten sich, bis ein neuer Schmetterling entschlüpfte. Maya war einer. Susanna reifte in Südamerika. Wir hatten wieder Frieden. Kristina lernte ich auf der Geburtstagsfeier des Präsidenten kennen. Maria-Antonia wurde eine gute Freundin und ist eine Femme fatale, par excellance. Piero wurde eine Mischung aus Salvator Dali und Don Chijote. Mein Freund und Winzer Jean-Marc hofft auf die Zukunft. Und deutschland wurde Fußball-Weltmeister, wo ich 3 reizende Kolumbianerinnen kennenlernen durfte, sogar die Fermina Daza der Neuzeit. In nur einem Jahr, habe ich so viele tolle Menschen getroffen, dass ich jetzt gerade einen ziemlich dicken Kloß im Hals habe. Vor Rührung, ehrlich. Ich schaffte es sogar, einen ganzen Monat bei meinen Freunden in Estellencs zu bleiben. Es war herrlich. Ich werde es wieder machen.

Die schönste Überraschung ist Giulia. Mir kommt es so vor, als wenn ich sie jetzt das erste Mal richtig sehe. Dabei kennen wir uns schon ein paar Jahre. Aber jetzt ist es so, als wenn sie richtig da ist. Vorher hatte ich immer nur eine Ahnung. Ich meinte sie zu sehen, aber sie war nicht völlig materialisiert. So als wenn sie nach dem Beamen an zwei Orten gleichzeitig geblieben war. Eben ein bisschen durchsichtig. Halt nicht ganz da. Ich hatte ihr es mal gesagt. Aber entweder hatte sie mich damals nicht verstanden, oder ich habe mich damals nicht gut ausgedrückt. Das kann ich manchmal auch ganz gut. Es gibt sehr viele Menschen die mich nicht immer verstehen. Vielleicht lag es an mir. Vielleicht war sie immer da, nur ich nicht. Oder wir waren beide nur ein bisschen sichtbar. Dafür heute aber ganz. Ist schon komisch. Für Manches braucht es viel Zeit. Für Vieles ist die Zeit nicht reif. Jetzt aber glaube ich, ist sie es.

Morgen werde ich mit Giulia essen gehen. Aus doppeltem Anlass. Einmal um mein verflixtes erstes Jahr ein bisschen zu feiern und weil sie nach langer Zeit endlich mit ihrem U-boot aufgetaucht ist. So eine lange Tauchfahrt habe ich wirklich noch nie gesehen. Ein paar habe ich schon erlebt. Doch so wie sie war noch keine unterwegs. Nur sie hat diese ganz besonders ausdauernde Brennstoffzelle, mit der man Jahre, Jahrzehnte im tiefen dunklen Meer umherschwimmen konnte.

Die Tiefseewelt ist sehr faszinierend. Das ist eine völlig Eigenständige, genauso wie die oberhalb des Wassers. Ich kenne viele die kurz aufgetaucht sind, Luft schnappten und wieder abtauchten. Schwups, waren sie wieder weg. So war das ständig. Sonnenlicht ist sehr hell. Für einige sogar zu grell. Wenn man sich nur in tiefem Wasser aufhält reagiert man empfindlich. Manch einer verliert über die Jahre seinen kompletten Seh-Sinn. Wie ein Grottenolm. Am Anfang, direkt nach dem Auftauchen, blendet die Sonne sehr. Mir ging es genauso. Irgendwann merkte ich, dass sich meine Augen daran gewöhnt hatten. Sogar meine Haut, mochte die Sonne. Und heute? Heute geh ich nicht mal mehr schwimmen, obwohl ich das Wasser liebe. Ich dachte mir, wo Giulia jetzt endlich da ist, werde ich sie schwupp-di-wupp auf mein Festland entführen, bevor sie aus Versehen wieder abtaucht. Mein Land bietet genug Platz und Stille, dass so eine einzigartige Blume wunderschön wachsen und gedeihen kann.

Darum geht es im Leben. Wir sollten uns mit Menschen umgeben, die uns gut tun. Die gut für uns sind. Die uns Dinge geben, die wir brauchen. Mit ein bisschen Sonne, Wärme, Wasser und Liebe, werden Olivenbäume viele tausend Jahre alt. Und Giulia? Die läuft schlicht Gefahr glücklich, zufrieden und sie selbst zu sein.

Es ist Zeit für Veränderungen.

Ich lasse sie ungezügelt auf mich einstürmen. Wenn sie kommen, nehme ich sie an. Das Leben trägt uns ganz natürlich die Veränderungen heran. Wir müssen sie nur erkennen. Deswegen werde ich auch umziehen. Es ist Zeit. Ich muss aus meinem Haus raus. Ich kenne meine Nachbarn ein bisschen zu gut. Sie fangen schon an sich wie Verwandte zu benehmen.

Ich möchte auch mehr von der Welt sehen. Nicht nur davon reden und davon schreiben: Ich möchte es erleben. Es gibt noch so Vieles, das ich nicht kenne. So Vieles, das ich sehen möchte.

Und sonst? Ich glaube, ich schließe eine Episode meines Lebens ab. Es ist genug jetzt. Ich brauche neue Ufer, neues Land, neue Umgebung.

Ich habe auch Lust etwas anderes zu schreiben. Vielleicht mache ich das. Was es wird? Keine Ahnung.

 

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