Wort und Totschlag

Sprachen sind ein scharfes Schwert, Worte wirken mächtig. Sie können zu Tränen rühren, liebreizend und im gleichen Atemzug ins Mark erschüttern, brutal und gewalttätig sein. Verbrannte Erde können sie hinterlassen und das Paradies auf Erden sein. Worte sind mächtiger als das Sein. Für manchen ist der magische Moment gar zu schnell vorbei, dann, wenn man kosmischen Momenten hinterhersieht, wie langsam den Sonnenuntergang hinfort-segelnden Schiffen, dann, wenn die zeitenlose Stunde des Wortes gekommen ist, das als Einziges, für ewig und alle Zeiten fortbestehen darf, für ewig in uns und allen kommenden Generationen weiterlebt. Literatur – das wahre Leben.

Sie ist das Bergwerk, meine Mine, in der ich jeden Tag auf Knien hockend nach Buchstaben, Sinn und Worten schürfe. Sie alt und neu kombiniere, manche verbinde, verändere, zu etwas Neuem verwandle und sie nach kurzer Zeit dann doch wieder zurück ins schwarze Loch werfe, um sie weiter reifen zu lassen. Vielleicht ziehe ich sie später ein zweites Mal an Land, baue neue Bilder und Melodien, in der Hoffnung, dass sie magische, oder zumindest angenehme Musik erklingen lassen, die uns leicht und luftig über die Lippen kommt. Oder sperrig, holzig, wie eine verstaubte alte Kiste – schön, anmutig wohlgeformt, oder stachelig, aufwühlend, den ein oder anderen Splitter im Mund hinterlassend.

Es ist eine mühselige Plackerei. Tag für Tag. Manchmal begegnen mir alte Worte, denen ich neue Namen geben muss, da sie sich zu etwas anderem weiterentwickelt haben, ähnlich wie Menschen. Manche sind selbst nach Jahrzehnten die gleichen geblieben, während andere sich verpuppten, um nach anschließender Metamorphose als was anderes erneut auf die Erde zu kommen. Noch mächtiger und zerrüttender sind Unterhaltungen zwischen Menschen. Wenn sich dann zu Worten noch Stimmen, Gesichter, das ganze körpersprachliche Orchester gesellen. Man kann so starke Erdbeben auslösen, dass sich tektonische Platten anheben, Verwerfungen entstehen, Tsunamis und Weltuntergangsstimmung auslösend, dass Menschengruppen, Gemeinden, komplette Regionen, manchmal ganze Völker Verstand, Seele, Geist und Herz verlieren und in menschenverachtende Kriege ziehen, von denen sie hinterher kaum was erinnern.

(Täglich Brot, unschuldig-pfeifend kommst du daher)

Manche sind schnell mit der Hand am Messer. Andere lieben es sich selbst reden zu hören. Nur wenige sind achtsam genug, um mit Worten vorsichtig und bedacht umzugehen, unabhängig der Sprachen die sie sprechen. Im Deutschen jedoch ist jede Wortwahl eine Lotterie, die nicht selten im Fiasko endet. Nahezu unmöglich, jedes Wort sorgfältig, mit Vorsicht zu gebrauchen, wo doch genau das aber vonnöten ist, ist sie doch die präziseste und schärfste Klinge von allen. Habe oft selber unbemerkt genug verwüstete Gärten und Landschaften hinterlassen. Zu unbekümmert war mein Gebrauch. Auf eine Art erscheint es mir heute daher wie eine Art ausgleichende Gerechtigkeit, wenn mir Gleiches widerfährt.

Der Vorteil von Französisch.

Man parliert oberflächlich, ohne oberflächlich zu sein, geschweige unelegant. Sprache der Diplomaten. Mit ihr geht es mir wie auf Kur sein. Sie stresst mich nicht. Es ist nicht schlimm, bei Grammatik und Wortwahl mal daneben zu liegen – ganz anders im Deutschen. Wie sehr wünschte ich mir, dass man diese reiche Sprache viel unsauberer, unkorrekter und mit anderen vermischt sprechen würde, um sie zu einer schmackhaften Melange zu verwandeln, anstatt einander ständig Sträuße scharfer Rasierklingen um die Ohren zu hauen, dass jeder wie ein von Bombensplittern sorgfältig sezierter Infanterist aussieht, der des Abends versucht sich ins abendliche Lazarett zu retten, um über Nacht Wunden zu lecken und am nächsten Tag von Neuem zu beginnen. Vielleicht kann er morgen mehr austeilen, als einstecken. Kriegerische Sprache wilder Herzogtümer des Nordens.

Einer der Gründe, warum ich kaum noch Deutsch spreche, dafür mit wachsender Hingabe schreibe. Zu zerstörerisch die Unterhaltung mit Deutschen. Zu eindrucksvoll ihre Worte. Zu verheerend und groß ihre Krater – ganz nebenbei auch viel zu viele zu’s für mich – zu furchtbar tief ihre Sprengtrichter, gleich schwarzen Löchern, die sie hinterlassen. Schnarrende Stimmen, wütende Visagen. Stählern-säbelnde Beine. Ständig sägende germanische Blutgrätsche. Erobern. Dominieren. Siegen.

Bin nach wenigen Tagen hinüber und springe ins nächstbeste Rettungsboot. Komme mir oft wie in einem Arbeitslager vor, wenn deutscher Materialismus, Kapitalismus, Exzellenzdenken und Effizienzsteigerung mit von der Partie sind. Moderner Gulag für Industrie-Sklaven – furchtbar. Oft langen eine Hand voll Tage. Jeder Tag im Lager braucht einen weiteren zum Erholen. Gelingt mir nur noch außerhalb von Teutonia.

Ähnlich geht es mir mit Englisch. Wenngleich auf weniger greifbare Art und Weise. Zu indirekt und kalt ist sie, als dass sich bei mir was regt. Auf dem ersten Blick mag sie erholend klingen, wäre da nicht immer der aristokratisch-imperialistische Unterton, der sich verstärkt, je dichter der Gegenüber an Großstädten lebt. Was nützt es, wenn man den Dolch nicht sieht, der einen von hinten erwischt? Sprache der Besatzungsmächte. Eigentlich müsste man sie boykottieren. Nützt doch niemandem was, wenn du Weltsprache geworden bist, nur weil du mehr Macht als andere Kirchen hast.

Auf Melodie und Schwingung kommt es an. Das Gesamtpaket zählt. Selbstverständlich kann man auch nicht permanent auf Kur sein – das verschleiert einem den Kopf, lässt einen feudalistisch-barock daher-kommen, ohne dass man‘s merkt. Irgendwann muss man wieder raus aufs offene Meer. Wir müssen in Bewegung bleiben. Keine Ahnung was als Nächstes kommt. Von Stahlhelm, Knobelbecher und Splitterschutzwesten habe ich erst einmal genug.

Santé – à la votre!

 

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