Danke für den Fisch

Es ist acht Uhr abends, der Tag vor dem fünften Advent. Ich habe Hunger. Den ganzen Tag habe ich nichts Gescheites gemacht, oder sagen wir besser mal, ich habe, nach gesellschaftlicher Betrachtung, nichts Vernünftiges getan, was auch immer das heißen mag.

Ich für meinen Teil, als derjenige, der sich, ganz offenkundig, auf der anderen Uferseite des gesellschaftlichen Flusses befindet, muss zugeben, nicht ganz ohne Stolz, dass ich sehr wohl Bedeutsames geleistet, ja regelrecht angestoßen habe und das nicht nur bedingt durch den erfreulichen Genuss von mehreren Apèro’s, mit meinem Freund Dionysos.

Geleistet – was für ein schönes Wort, was grundsätzlich missverstanden, missinterpretiert wird, hängt es doch immer im Auge des Betrachters, aus dem mehr oder minder vorverurteilt wird, was in den adligen Stand der Leistung erhoben wird und was nicht.

Ich für meinen Teil, und hier insistiere ich aufs Allerheftigste, halte es mit meinen bürgerlichen Urahnen, die den Müßiggang als Solchen, als das höchste aller vernünftiger menschlicher Ziele, nicht nur in den Adelsstand erhoben, sondern, und hier möchte ich es noch einmal in allem Ernst betonen, seine Wartung und Pflege, als das Wertschätzendste und Wertvollste betrachten, dem ich mich mit leichtem Herzen anschließen kann und muss.

Mittlerweile ist es zehn Minuten nach acht. Nachdem ich hier so barock und ausladend schwadroniert habe, merke ich immer noch meinen Hunger; ich greife nach einem Paket eingeschweißtem Räucherlachs, mich blauäugig der Illusion hingebend, das er von einem gesunden vollbärtigen, glücklichen, fair und gut bezahlten norwegischen Fischer gefangen wurde, der ihn von seiner schönen Wikingerin hat räuchern lassen, die ihm ein halbes Dutzend gesunder und schöner Kinder gebar, bevor sie sich ihrer Wurzeln besannen und zurück in den Schoße der Natur zogen, wo sie frei und zufrieden, meinen Lachs fangen und verarbeiten – und eben kein un-totes Industrie-Produkt, dass man in einem zu kleinen Wassergefängnis hat aufgezogen, um für einen frühen und fetten Tod glücklich zu sterben, bevor sein Leib von meinem Kiefer zermahlen wird, während ich ihn mit einem weißen Bordeaux herunterspüle , what the fuck!

Wie ich so gemütlich vor mich hin-kaue, denke ich über meinen bevorstehenden Umzug nach. Mir graust davor. Jegliche Form von Karton packen, versetzt mich in eine Art Schockstarre – das liegt mitnichten an der Veränderung oder Dergleichen, sondern mehr an den ganzen Relikten, die ich immer finde und die mich an all das Erlebte erinnern.

– Hier das Foto aus glücklichen Jugendtagen – man, weißt du noch? Anja, deine erste Freundin? Du warst so verliebt, dass dein pochendes Herz in keinen Raum passte, nicht mal unter freien Himmel. Regelmäßig musstest du dich betäuben, um Kopf und Körper abzulenken und mit etwas anderem zu beschäftigen.

– Dort ein Schlüsselanhänger, eine alte Schallplatte, ein paar besondere Bücher, Kleidungsstücke oder Pokale aus Zeiten, wo du nach Podesten strebtest.

Gerade sehe ich eines meiner ersten Tagebücher, als mir ein stechender Schmerz in die Magengrube fährt. Als würde mir einer in den Bauch treten. Ich verharre für Sekunden.

– Was ist das?

Ich blinzle verstohlen, blicke mich um, als würde man mich verfolgen, als könnte man mich beobachten und dabei zusehen, wie ich langsam durchdrehe. Mein Atem geht schneller, meine Augenlider flackern – eigentlich ist es mehr ein hochfrequentes Flirren, als Flimmern – das Leben findet wie in slow-motion statt – eigentlich großartig, wie wenn du einen rauchst – jetzt aber ist es richtig ernst. Ich fange an zu hecheln – Schweiß bildet sich auf meiner Stirn.

– Was ist das für eine Scheiße? Denke ich. Fuß und Fingerspitzen fangen an zu kribbeln. Mir wird kalt und kälter, auch meine Nase ist eiskalt. Was ist das? Mein Magen schwelt vor sich hin, fühlt sich an, als hätte man ihn mit glühender Lava ausgegossen

– Es fühlt sich an wie die ultimative Kernschmelze, als hätte ich eine Sonne geschluckt, die mich jetzt von innen heraus verbrennt, verzehrt und abrauchen lässt, wie eine zu fleischgewordene Wunderkerze, die noch ein letztes Mal, knisternd aufleuchtet, bevor sie zusammengekrümmt, verschrumpelt und verdorrt zu Staub zerfällt.

Längst habe ich angefangen zu zittern. Mir ist schweinekalt, mein Mund ausgedörrt, wie die Wüste Gobi; mein Magen glüht und brennt vor sich hin; Schweiß läuft mir in Bächen die Stirn hinab; meine Zehen krampfen sich zu Krallen, als würden sie sich auf einem unsichtbaren Ast verhaken und festbeißen.

Langsam raffe ich mich vom Stuhl auf, schlurfe zur Spüle, lasse Wasser laufen – mit zitternder Hand halte ich das Glas unter den festen Strahl – mein vibrierender Arm verschüttet die Hälfte. Mein Linker packt das Handgelenk der Rechten; jetzt geht es; keine Ahnung was es ist; es reißt mich hinfort, in einen Strudel, dem ich nicht entkommen kann; vielleicht sollte man einen Exorzisten kommen lassen, denke ich noch und schlüpfe in voller Montur unter die Decke, wo ich mich zu einem überdimensionalen Fötus zusammenrolle und geduldig weiter vor mich hinklapper.

– Mein Gott, ist mir arschkalt! Zwei paar dicke Socken, Hosen und Pullover nützen nichts; ich schlottere wie ein Eskimo unter der dicken Decke; keine Ahnung, wie lange; mittlerweile knirschen auch meine Zähne wie wild.

Stundenlang wälze ich mich von links nach rechts; irgendwann wird mir warmer; Bahl sei Dank! Meine Rückenmuskulatur ist verspannt vom ewigen Krampfen; auch meine Bauchmuskeln sind hart wie Gletscherspalten, was ist nur los? Hin und wieder trinke ich Wasser aus einer Flasche, die ich mit Engelsgeduld gefüllt hatte, von erster dunkler Ahnung genährt, dass es eine längerfristige Geschichte sein könnte.

In den schlotternden Stunden träume ich schräges Zeug; keine Ahnung ob ich träume, halluziniere oder wach bin; vor vielleicht fünfundzwanzig Jahren habe ich mit Pilzen experimentiert; irgendwann hatte ich die richtige Dosierung raus; es fühlte sich ähnlich an.

Gegen ein Uhr in der Nacht geht das Telefon, meine Freundin. Was ich so mache, wie es mir geht. Sie ist sehr modern, wechselt von Audio auf Video-Call – ich lächle vage vor mich hin, sehe furchtbar aus. In wenigen Augenblicken wird die Unterhaltung militärisch.

„Was hast du gegessen?“

„Nichts besonderes; Räucherlachs vom glücklichen Per-Arne.“

„Wie bitte?“

„Ist nur ein Wortwitz; ich habe die Vorstellung, dass ein gut bezahlter…..“

„Ja-ja, ist klar; hast du aufs Haltbarkeitsdatum geschaut?“

„Auf was? Auf das Haltbarkeits..? Wieso denn das?“

„Ich meine es ernst, hast du, oder hast du nicht?“

„Wieso denn? Nein, habe ich nicht – mache ich nie!“

„Du willst mich auf den Arm nehmen, oder? Du willst mir sagen, dass du über vierzig Jahre zählst und noch nie nachgesehen hast, ob du verderbliche Ware zu dir nimmst?“

Meine Freundin ist sehr besorgt; ich liebe das, wenn sie so ist, auch wenn der Anlass Mist ist – nicht, weil ich Mitleid bekomme, nein, ganz im Gegenteil;  jemandem etwas zu bedeuten ist das Schönste überhaupt; wenn jemand mir zeigt, dass ich ihm wichtig bin; ist der Gipfel der Menschlichkeit, jedenfalls für mich; für sie ist es glaube ich gerade was Anderes.

„Würdest du bitte nachsehen, wie alt der Lachs ist!“

„Ja-ja, sicherlich – warte.“ Mein Magen glüht immer noch wie ein Schmelztiegel; mittlerweile habe ich einige Gläser Wasser heruntergestürzt, keine Ahnung wie viele. Schleppend erreiche ich den Mülleimer.

„Bist du noch dran, Schatz?“

„Ja, natürlich – und?“

„Warte – gleich hab ich es; so, was steht denn da; man, ist das schlecht lesbar. Oh!“

Langsam lese ich das Datum, von einem namenlosen Digitaldrucker auf die Plastikfolie geplottet; ich lese es nochmal und nochmal; zwischendrin drehe ich die Verpackung um hundertachtzig Grad, um jeden Irrtum auszuschließen.

„Und? Wie lange ist er noch haltbar; was steht denn da; mach es nicht so spannend, du brauchst nur ablesen!“ Sie wird ungeduldig, warten ist nicht ihre Stärke.

„Was soll ich sagen, Schatz: vor über vierzehn Tagen abgelaufen!“

 

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