Siegfried ist faul

Gerade öffnet er seine Augen.  – Mist, schon wieder Montag, Lust aufzustehen hat er schon länger nicht – Es ist immer das Gleiche, die ganze Woche, von Montag bis Freitag. Im Wald herumrennen, Drachen und Brünnhilde suchen, edel und stark Aussehen, das Gute repräsentieren, das Böse furchtlos mit Axt und Schwert bekämpfen und ständig in die Unterwelt zurückdrängen.

Als Kind durfte er weder weinen, noch irgendeine Schwäche zeigen, natürlich nicht, bist halt ein Held. Als ihn die ersten Haare im dunklen Dickicht anfingen zu jucken, schlief er viele Male schlecht und unruhig. Ein paar hübsche Mädchen gab es schon in Nachbarschaft und Umgebung – nur im Traum besuchte er sie und machte muntere Sachen mit ihnen.

Schwer blieb das Schwert, dunkel-düster beängstigend der Wald und kaum zu führen, war sein nervöses Pferd. – Überhaupt, diese ewige Reiterei, noch dazu mit stolzgeschwellter Brust auf diesem störrischen Schimmel sitzen, der noch dazu einen nervösen Reizdarm hatte, was man leider zu spät entdeckt hatte, nämlich nachdem man ihn als Helden-Gaul auserwählte.

Als er nach langem Suchen, zum ersten Mal den gewaltigen Drachen auf einer Wiese im Fluss-Tal erblickte, wie er ein Nickerchen hielt und bald kurze Zeit später den erschreckenden Berg mit dem bedrohlichen Drachenschloss, mit dem des Nachts ewig-brennenden Helden-Feuer sah, dafür die zu rettende Brünnhilde gar nicht und sie nur vom Hörensagen kannte, da hatte Siegfried genug, ein für alle Mal!

Er ersann einen Plan. Er verstand gut, dass sein Schicksal, mit dem des Drachen und dem von Brünnhilde eng verflochten blieb, wobei er von Brünnhilde nur ein sehr schlechtes Bild hatte, auf dem sie hinter all dem Feuer ziemlich mies aussah. Naja und schlecht belichtet war es noch dazu. Es schien zum verrückt werden – wenn man nicht alles selber machte.

Heute wollte er alles ändern, für immer. Er würde sich mit dem Drachen nach Feierabend treffen, ihm von seinem Plan erzählen und alles dran setzen ihn zu überreden. Es wird gelingen, bestimmt.

Siegfried frühstückt ein paar kalte Kartoffeln vom Vortag, trinkt einen hastigen Espresso, schwingt sich auf seinen Gaul und reitet weit hinaus in die Feldmark. Das neue Futter zeigt erste Wirkung – sein ängstlicher Schimmel schafft fast fünfzig Minuten, bevor er den Himmel mit zusammengekniffenen Augen ansieht. Siegfried dreht sich währenddessen eine Zigarette und freut sich, dass es nicht mehr weit ist.

Endlich kommen sie an – geduldig reib Siegfried dem Pferd etwas Baldrian in die Nüstern, gibt ihm Wasser und Stroh und betritt die Ponywaldschänke – reger Betrieb, keine Spur vom Lindwurm. – Hey, Schankwirt wie geht es Ihnen? ( er mag den dicken Glatzkopf; er strahlt Ruhe und Zufriedenheit aus)

– Hallo Herr Siegried, sehr gut geht es, wollen Sie sich heute mit dem Herrn Drachen treffen?

– Ja, heute – er hat meine Idee sehr positiv aufgenommen, sie sind sicher dass er herkommt?

-Mein lieber Herr Siegfried – natürlich kommt er – fast jede Woche kehr er bei uns auf das ein oder andere Bier ein, wir servieren es ihm draußen, hinter dem Haus, er passt hier ja schlecht rein. Nein, keine Sorge, sie kriegen es schon mit wenn er kommt. Er ist ganz nett und hat im Düstertal einen kleinen Garten, zieht dort Bohnen, Tomaten und Zwiebeln – ein ganz umgänglicher Kerl.

Siegfried ist beruhigt und nippt etwas nervös am zweiten Bier. Plötzlich kommt starker Wind auf – lautes Tosen, ein ausgewachsener Blitz-Sturm. Gläser klirren in den Schränken, doch die Gäste trinken in Ruhe weiter, rauchen ihren mitgebrachten Tabak – lachen genauso ungebremst heiter.

– Herr Siegfried, das ist er, hier, nehmen sie dies Fass mit, es sind zwar nur fünf Liter, aber er freut sich immer riesig, sein Sie aber bitte vorsichtig mit ihrer Zigarette.

Siegfried tut wie ihm geheißen, greift das Fass, sein Glas und den Tabak und geht hinter das Haus. Eine große Lichtung dient dem Drachen als Landeplatz, wie er unübersehbar erkennt.

– Man ist der groß! Herr Drache? Ich bin Siegfried.                                                                                  -Hallo, mein lieber, junger Herr Siegfried, ich grüße sie – Ihr Ritt war schön? Geben sie ihrem armen Gaul ein paar Kastanien zum Heu, das sollte seinen Stoffwechsel beruhigen – ich bin vorhin ein paar Mal über sie hinweggeflogen, wollte wissen, ob sie kommen – das ist ja ein Jammer, mit den ewigen Pausen – der Gute wird ja ganz wund.

– Das ist ein vorzüglicher Tipp, Herr Drache – vielen Dank. Hier, ich habe ein Bier für sie.

– Oh, wie aufmerksam von Ihnen, haben Sie vielen Dank, junger Herr Siegfried, Prost, wohl bekommt es.

Sie prosten sich zu, nehmen einen kräftigen Zug, Siegfried sogar zwei. Seit seiner Unzufriedenheit, schenkt er abends öfter nach. Langsam fing es an ihn zu stören. Unzufriedenheit ist eben auch ein scharfes Schwert. Er drehte sich eine Zigarette, sah den Drachen lachend in die Augen und fragte sich, warum sie sich nicht viel eher zusammengesetzt hatten – vermutlich hing das damit zusammen, dass er so groß wie zwei Postkutschen ist. Hatte er etwa Angst? Er, der furchtlose Siegfried?

– Mein lieber Herr Drache, sie erinnern sich, dass der liebe Herr Schankwirt uns zu diesem Treffen verholfen hat – ich freue mich sehr, dass Sie gekommen sind.

– Ganz meinerseits, lieber Herr Siegfried, wir arbeiten jetzt schon so lange zusammen, da fand ich, dass es Zeit ist – ich freute mich daher sehr über Ihren Antritt. Was haben Sie auf dem Herzen?

– Ich will kein Held mehr sein! bricht es aus Friedrich heraus. Der Drache sieht ihn erstaunt an. -Wie, sie wollen kein Held mehr sein? Sie sind es doch schon so lange. Niemand ist besser als Sie, lieber Herr Siegfried. Aber jetzt verstehe ich. Schon all die Jahre wundere ich mich, dass sie mich nicht angreifen, mich nicht in die Flucht schlagen – gesehen habe ich sie nämlich schon oft – wie sie mich beobachtet haben und nachmittags nach Hause geritten sind, um pünktlich zum Abendessen zuhause zu sein. Haben Sie schon einen Nachfolger? Entschuldigung, lieber Herr Siegfried, drehen Sie sich bitte mit Ihrer Zigarette ein wenig mehr weg – ich bin ein wenig nervös, wenn Sie rauchen – ja so ist besser, vielen Dank.

Siegfried geht ein bisschen zur Seite, freut sich, dass er mit einer so kleinen Gesten den großen Drachen zufrieden machen und erleichtern kann.

-Hm, eigentlich weiß es niemand, außer Ihnen, Herr Drache. Ich dachte da an Folgendes:

– Jetzt machen Sie mich aber neugierig, Herr Siegfried.

-Haben Sie Brünnhilde schon mal gesehen?

– Aber natürlich, Herr Siegfried – wo denken Sie hin? Ich beschütze sie – wir treffen uns dreimal täglich zu den Mahlzeiten – sie ist eine reizende Frau – bildschön, hat Stil und Geschmack – ich glaube, es ist nicht übertrieben, wenn ich sage, dass wir sehr gute Freunde sind.

– Das klingt schön Herr Drache – ich freue mich sehr. Wissen Sie, was meine Aufgabe eigentlich ist?

– Naja, als Held, sollen Sie vermutlich Frau Brünnhilde befreien, da ich sie bewache, müssen sie mich vermutlich überwinden, sie rauben, sie befreien – ich habe sogar darüber nachgedacht, dass es gut sein kann, dass Sie mich sogar töten sollen, oder es zumindest in Kauf nehmen könnten, aber weil Sie noch nie aufgetaucht sind, habe ich mir darüber keine weiteren Gedanken gemacht.

-Sie haben keine Angst, Herr Drache?

– Nein; wie gesagt – sie sind ja nie in Erscheinung getreten und der Herr Schankwirt sagte mir, dass Sie ein umgänglicher Kerl sind und dem kann ich nur beipflichten – ich freue mich, sie kennenlernen zu dürfen.

– Mögen Sie Frau Brünnhilde?

– Ja, aber sicher; wir sind sehr gute Freunde, Herr Siegfried.

– Hätten Sie sie gerne zur Frau?

– Was? Wie bitte? Also, Herr Siegfried, wirklich; ich weiß nicht, ob sie jetzt Spaß mit mir machen, oder ob sie mich testen wollen….

– Im Ernst, Herr Drache – mögen Sie Frau Brünnhilde? Lieben sie sie vielleicht sogar insgeheim? Sein sie unbesorgt, ich frage sie ernst und mit allem Respekt.

– Also, Herr Siegfried – sie sind der Held, der die schöne Frau Brünnhilde erkämpfen und der gewinnen soll – das ist ihre Rolle, als Held – sie sind der Gewinner – ich bin nur ein Wachhund, okay ich gebe zu, ein recht Großer, aber eben nur ein Bewacher.

– Mein lieber Herr Drache, sie haben angenehme Umgangsformen, sind ein sehr netter Kerl – sie mögen Frau Brünnhilde, und Frau Brünnhilde mag sie – ich kenne ihre Freundin nicht mal, habe sie nie gesehen – gut möglich, dass sie mich nicht mag, dass ich sie nicht mag, dass wir am Ende umsonst kämpfen, wer weiß das schon?

Der Drache schweigt und legt seine große Stirn in schwere Falten, denkt nach und kommt langsam hinter die Gedanken von Siegfried. Der fährt solange fort.

-Schauen Sie, Herr Drache, wenn wir uns heute verabreden und einigen, dass ich sie nicht mehr jage, bekämpfe, oder sonst etwas Gewaltsames tue, das ich hier formell bekunde, die süße Frau Brünnhilde nicht mehr zu wollen, dann könnten Sie beide zusammen glücklich sein, vielleicht eine Familie gründen -.vielleicht wäre Frau Brünnhilde glücklich Ihnen einen kleinen Lindwurm zu schenken? Klingt das nicht toll, Herr Drache?

Der Drache sieht ihn fassungslos an; ein paar Tränen stehen ihm in den Augen; er ringt um Fassung.

– Aber, aber, aber Herr Siegfried – sie sind doch der große Held – Frau Brünnhilde ist für sie bestimmt, nicht für mich – sie können ihrer Bestimmung nicht einfach so entkommen, genauso wenig wie ich – sie sind ein wichtiges Werkzeug, sie beschützen die Menschheit vor dem Bösen, zum Beispiel vor mir, ich könnte ganze Landstriche terrorisieren, in Brand stecken, Angst und Schrecken verbreiten, wirklich, das könnte ich – okay, ich bin seit einiger Zeit ein bisschen bequem mit dem Herumfliegen und Schrecken verbreiten – ist nicht gerade meine Lieblingsbeschäftigung – aber sie sind der Held – ich bin der böse Drache.

– Mein lieber Herr Drache, seit langer Zeit weiß ich, dass ich nicht kämpfen will – ich finde das öde, richtig langweilig – und Frau Brünnhilde interessiert mich auch nicht mehr, als andere Frauen – warum soll ich ihnen, die Freundin wegnehmen, wo sie sich beide so gut verstehen? Nur weil ich der Held bin? Weil irgendjemand gewollt hat, dass ich ein Held werde? Mich hat niemand gefragt und ich sage es Ihnen, lieber Herr Drache – Ich will kein Held mehr sein – ich war es nie – Helden sind Vollidioten – ständig zerstören, rauben und morden sie – und selber sterben sie früh – ich will auch ihre geschätzte unbekannte Freundin Frau Brünnhilde nicht – ich will nicht mit Ihnen kämpfen – ihnen auch nicht ihre Burg wegnehmen, für eine Frau, die ich nicht kenne, die mich vielleicht nicht mag.

– Mein überaus geschätzter Herr Siegfried, meinen sie das Ernst? Sie wollen mir Frau Brünnhilde einfach so überlassen? Sie wollen nicht mit mir um sie kämpfen? Sie sagen, ich darf sie einfach so haben?

– Ja, lieber Herr Drache, genau das meine ich. Ich gehe heim und suche mir einen andern Job. Ich sage meinem Arbeitgeber – das sie gewonnen haben und glücklich mit Frau Brünnhilde sind und das ich mir eine neue Aufgabe suche – meine blöde Heldenrolle nicht mehr will und es auch keine Helden mehr gibt – Helden sind nur dazu da, früh zu sterben und reiche Menschen oder Götter in Erinnerung schwelgen zu lassen!

Siegfried und der Drache tranken noch eine ganze Menge Bier; irgendwann lagen sie sich in den Armen, soweit das bei den Unterschieden möglich war, rauchten gemeinsam Zigarette, wobei es einmal eine große Verpuffung gab, die Siegfried fast in Flammen aufgehen ließ, was beide jedoch nur zum Lachen brachte, bis die Sonne wieder aufging.

Er hat zwar noch nicht seine neue Rolle gefunden, doch nachdem die Götter mit viel Zähneknirschen eingesehen hatten, dass Siegfried nur das Ergebnis ihrer Eitelkeit gewesen ist, strichen sie die Rolle von ihrer Kartei und ließen ihm freies Geleit.

Bestimmt wird man bald wieder von ihm hören, oder nie wieder und er wird unbekannt und glücklich und zufrieden leben, bis ans Ende seiner Tage.

 

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