Ballade d’Amour cosmique

Als ich dich das erste Mal erblickte, war ich sprachlos und schwieg für eine halbe Ewigkeit. Nachdem ich dich und meine Sprache wiedergefunden hatte, merkte ich, was ich für eine Angst vor dir bekam. In meinem Kopf spukten zwar schnell Brüste, Aprikosen und pralle Schenkel herum, die darauf warteten berührt, gestreichelt und verspeist zu werden, aber immer war ich von der entsetzlich schönen Angst getrieben, das du dich dahinter verstecken konntest und mir deine zu heiße und zu kalte Klinge, zu tief ins Herz stoßen könntest.

Fast immer sind meine Gebeine und ich schneller als du. Doch ich weiß dass wir den kürzeren Atem haben. Schon einige Male bin ich langsamer als du gelaufen, sogar ganz bewusst, um mich von dir Biest schnappen zu lassen. Ich wusste schon seit ich das Licht der Welt erblickt hatte, dass du am Ende gewinnen wirst. Nein, wirklich. Doch solange mich meine Beine tragen wollten, würde ich rennen und zwar was das Zeug hält. Ich nahm mir vor, hin und wieder langsamer zu werden, dich wieder an mich ran zu lassen, um zu schauen wie groß meine Angst wirklich sein würde, wenn wir aufeinander treffen. Ob Greis oder Jüngling:

Dir war es schon immer egal, wann du mich fängst und mich in deine Sekte des Lichts führst.

Es waren nicht deine Flammen die ich fürchtete, obwohl ich mich schon oft an diversen Herden, Öfen, Kaminen und vulkanischen Feuerstellen verbrannt hatte und auch keine Angst vor deinem Feuer hatte, wusste ich doch, dass es sowieso versuchte alles zu verzehren. Wenn etwas alles verschlingt, ist es sehr einfach damit umzugehen: Es schnappt dich, oder nicht. Selbst deine ketzerische Hitze, fürchtete ich nicht. Mit Nichten.

Nein, all das war es nicht, was mich wie Espenlaub zittern lässt: Es ist dein gleißendes Licht, das alles überstrahlt, das alles verschlingt, bis es nichts mehr gibt außer Licht, Licht und noch mehr bescheuertes Licht. DAS fürchte ich. Es schockiert mich, versetzt mich in Angst und Schrecken, frisst es doch den Schatten auf, in dem ich verschnaufe, zur Ruhe komme und der mich am Leben lässt, wenn das Selbige wieder mal mächtige Wellen schlägt.

So oft habe ich dein einnehmendes Wesen verflucht, dich zum Teufel und wie ein lästiges Insekt zum Fenster hinaus gejagt, als wärest du die Pest, oder sonst etwas Beglückendes, wie Hunger, Durst oder Hass. Auch Gestalten hattest du viele, nahmst du Viele an. Quasi jede konntest du haben. Du kamst als Gras, Strauch und Gerte; mit Geradem, Lockigem oder gekräuseltem Haar; Stroh, Kupfer oder ebenholz-farbig; deine Kostüme, deine Gewänder hatten alle Farben: Bleiche, gelbe, rote, braune oder schwarze und noch mehr. Du konntest still, leise, laut oder hermetisch daherkommen; dein Charakter deckte alle Facetten ab, von lieb, nett, einfach, bis schlau, verschlagen und gefährlich. Es war herrlich, denn du warst immer du: Pur, hell und strahlend, als gebe es kein Gestern und Morgen.

Kummer? Herzschmerz und Elend? Ohne Ende hast du mir das gebracht. Es stimmt, ich dir nicht minder. Verflucht hast du mich, so wie ich dich. Doch unsere Bedürfnisse, von Ego und Neurosen befruchtet, sorgen dafür, dass wir uns gekränkt und zurückgesetzt fühlen, weswegen wir gute Manieren, Menschlichkeit und Achtsamkeit über Bord warfen und mit Tieren oft liebevoller umgingen, als mit unseren Ex-Partnern. Weißt du noch, damals? Dieser Satz funktioniert nur in einer glücklichen Beziehung. Alle anderen müssen ihn in Büchern suchen.

Geweint hast du? Frag mich mal. Aber das interessiert dich natürlich nicht, da du mich als armen Teufel bezeichnest, der sein Heil im Unglück sucht, unfähig dich, du ach so Liebevolle, alles Versengende, nicht annehmen zu können. Ja, auch ich habe nachgeschenkt, so manche Nacht, ohne auch nur eine einzige neue Erkenntnis, oder irgendeine Antwort gefunden zu haben, außer die, das es mit dir nicht ging. Ohne jedoch auch nicht. Gesagt habe ich das, verstanden hast du es nie, weil du es nicht wahrhaben wolltest. Du warst genauso Gefangene, deiner eigenen Erwartung, die nur erhellen will und den Schatten deswegen meidet.

Ich habe geraucht und getrunken, gebrandschatzt und gemeuchelt, ohne zu merken, dass es mein eigener Garten war, in dem ich gewildert habe. Bekam ich mit dir aber deswegen eine Oase, oder doch nur kargen Fels? Schmücktest du mein Leben? Oder merkten wir einfach nicht, dass ein Leben ohne dich, vergeudet und nicht nur vergebens war? Spät merkte ich, dass es andersrum ist: Mit dir ist man ein leuchtender Stern; ohne dich ein stumpfer Gesell. Nie merkte ich, wie sehr ich dich wollte. Doch gewollt hab ich dich nur für mich, für mich, für mich. Hatte ich dich, spürte ich, dass es andersherum war: DU hattest mich.

Manch ewig-dunkle Nacht brauchte ich, um dich davonziehen zu lassen. Wenn du entschwandest, ohne es mir vorher zu sagen, mir, der dich doch so sehr begehrte, war mir, als wenn ein Teil von mir mit dir hinfort genommen wurde, ohne zu wissen wohin du es entführtest. Kein Brief, kein Gedicht; keine Postkarte, kein Bericht. Du gingst fort und warst nimmer mehr gesehen.

Wie lange ich dich auch verabschiedete; wie lange ich dir auch nachsah, bevor ich mich von dir löste: Während du gingst, kamst du in neuer Gestalt. Du ließt mich nie zur Ruhe kommen, niemals. Zu heiß brannte dein Feuer. Ohne dich sind Farben matt, das Leben langweilig und glatt. Unser Blick wird schleichend stumpf und töricht; der Alltag öde und müßig. Vieles hält uns ab, dich zu finden, glauben wir. Doch eigentlich ist es ganz anders: Wir selber verhindern das, weil wir Angst haben, nichts als Angst. Deswegen spielen wir auch nur mit dir herum. Weißt du, so ein wenig Love-Light wäre doch toll, so ohne Verpflichtung und das Alles, oder? Dann kann jeder wieder ganz schnell das Weite suchen, wenn es dann doch nicht passt und man nicht die gleiche Lieblings-Fernsehserie hat und so. Und alles ist wieder wie früher. Das ist totaler Quatsch:

Du machst keinen Unterschied, keinen Halt vor Geschlechtern; du weißt nicht, was die Kirchen sich in ihrem kurzen Leben für einen Kram ausgedacht haben, um simple Macht auszuüben; du weißt nicht, was Macht und Ego sind, was sie uns Menschen bedeuten, weil du keine Begriffe davon hast, weil sie dich selber nicht interessieren, weil du nicht weißt was sie sind. Du selber bist die einzige kosmische Größe. Man hat dich, oder man hat dich nicht; man weiß was du bist, oder nicht. Das Leben fragt nicht danach, ob man dich kennengelernt hat; niemand wird Zeugnis darüber ablegen müssen, ob er dich in sich wohnen ließ und dir eine Heimat geben konnte.

Oft denke ich an dich und an all deine anmutigen Gewächse, die mich umrankten, mich von ihren prallen und saftigen Früchten kosten ließen, als wäre die ganze Welt ein Paradies, eine Oase der Erkenntnis, Gelassenheit und der Lüste, von der ich nie genug bekam. All die schönen Frauen, fürchteten sich nicht, waren Feuer und Flamme, erschütternd, bebend und gleißendes Licht zugleich, bis mich eines schönen Tages die Erleuchtung traf:

Ich war es selber, der sich fürchtete, weil ich es selbst bin, der einmal vom Licht verschlungen, für alle Zeiten mit ihm verschmelzen würde und unsichtbar blieb.

Nach all den Jahren und Jahrzehnten bekenne, gestehe ich es ein: Ich selbst bin der dunkle Schatten, den es dennoch immer ans Licht zieht, obwohl ich weiß, dass es mich auslöschen wird. Aber ich weiß auch, dass ohne Krieg und Leidenschaft alles ein großes Nichts ist. Ein Friedhof. Der Tod. Ich suche das alles  Verzehrende, wie das Gift nach dem Becher dürstet, um Gewissheit zu haben, das mein ewiges Pendeln eines Tages beendet wird, um von dir Heim gebracht zu werden, ohne mir Heimleuchten zu lassen, von der stoischen Hoffnung geleitet, dass es auch innerhalb des Lichts Unterschiede geben möge, das es dort vielleicht doch so etwas wie Schatten gibt. Dann wäre ich am Ende doch bei dir zuhause angekommen, nachdem ich all die Früchte, Keulen, Blüten und Säfte gekostet hatte, die munter aus allen Erdspalten, Fugen und Poren geflossen und gequollen kamen, als sei die ganze Erde ein verrücktgewordener glückseliger Organismus und nicht nur bloß, ein Planet.

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