Erzähle ich dir die folgende Geschichte

Hamburg. Graue Wolken zogen durch meinen Kopf. Sie hatten dunkle Erinnerungen an die Hand genom-men, ihnen Raum zum Wachsen und Anschwellen geschenkt und ihnen eine behagliche saftig-düstere Heimat gegeben, um sich vor die lebendigen Augen meines sonnigen Jungengemüts zu schieben und mei-nen fast verdorrten Neurosen beim Wachsen zu helfen. Ihre erwachsenen Geschwister droben am Himmel machten es ihnen nach: Gewitterwolken, mehlig-blaugrau, vollgesogen wie listige Blutegel und alte Bade-schwämme, schoben sich lautlos wie riesige Supertanker heran, hofften darauf uns Menschen die Augen zu öffnen und unsere Arroganz krachend hinweg zu waschen, wenn sie ihre Fracht über uns auskippten. Ich setzte all meine Hoffnungen in sie, glaubte fest daran, dass sie die ein oder andere implodierte Seele wach-rütteln würden. Sie mussten heimlich hinter der Tür gestanden und gelauscht haben: Erste zuckende Säbel fuhren rasselnd zu Boden; tiefes Donnern ließ erahnen, wie rasend schnell die Stahlgewitter herangebraust kamen.

Ich saß auf dem Sofa, lächelte still und zufrieden in mich hinein, zwischendurch sogar aus mir heraus, als wäre ich ein Thor, der zum Glück keinem gefolgt war, aber zufrieden darüber, die erleichternde Erkenntnis aus der Schale gepellt zu haben, in einer Besenkammer mit Klo glücklich sein zu können. Ich sah mir die grobschlächtigen Poren der weiß getünchten Wand, die Struktur der Tapete an, die mich an kariertes Papier erinnerte, während draußen die Welt unterging. Ein paar wenige Andenken meines Lebens beobachteten mich dabei; antike Möbel leisteten mir Gesellschaft, als wären sie gute Freunde. Der Duft ihrer alten Körper, ihre Gelassenheit die sie wie eine Kostbarkeit in sich trugen, war wie Balsam für meine Seele. Neues erfrischte mich und spendete zusätzliches Licht in meinen Gedächtnispalast. Altes verband mich, brachte mich in Einklang mit dem Jetzt. Ein paar Bilder bedeckten die schüchterne Wand, als wollten sie ihr die Hand halten. Dankbar ergriff sie die Dargebotene, glücklich die nackte Scham bedeckt und eine Aufgabe bekommen zu haben.

Die erotische Verbindung der Beiden blieb mir nicht verborgen und verhinderte wahrhaftig nicht, dass ihre vertrauten Motive Behaglichkeit in mir auslösten, als seien sie verlorengegangene Verwandte. Ich dachte an die nächsten Wochen, wie ein Gemüsehändler, der zwar zufrieden mit dem Ertrag, aber skeptisch mit der Wettervorhersage blieb, als würde er stille Hoffnung und wachsenden Zweifel düngen, um selber endlich bestätigt zu werden, Pech im Glück behalten zu haben.

Das Jetzt ruhte sich aus, saß fett auf meinem Du, als wäre mein Ich im Urlaub und mein Selbst ein Selbstbedienungsladen für Lebenshunger und Durst. Ich trank Wein. Roten Bourgogne. Das Weinglas war mit Fehlern zur Welt gekommen. Gläsern ging es wie Menschen. Dicke Glastränen waren beim Erstarren an ihm herabgelaufen, als ob ein gleichgültiger Glasbläser es zu schnell erkalten hat lassen, als wäre seine Verantwortung im Dort und nicht im Da. Ich nahm einen Schluck und stellte das Glas zu den anderen Dingen auf dem Glastisch zurück, die ihn munter bevölkerten, als wären sie eine glückliche Zigeunerfamilie. Ein Motiv des Lebens: Stillleben bestehend aus Aschenbecher, leuchtender Kerze, gefülltem Weinglas und ein paar ungleichen Büchern.

Eine Zigarette hüpfte mir ungefragt zwischen die Lippen, blieb dort zitternd stecken und wartete auf Feuer. Lautsprecher massierten mir sanft und luftig die Ohren. Klaus Schulze „The Rhodes Elegy“ sorgte dafür, dass ich mich wie auf einem, von nebligen Wolken umkreisten Berggipfel fühlte, wo ich wu-wei-esk-wach vor einem tibetanischen Gebirgskloster saß und kleine Holzkugeln durch meine Finger gleiten ließ, während eine bunte, nach Weihrauch duftende Gebetsmühle um mich herumschwirrte, als wäre sie ein kosmisches Karussell, dessen Sitze mit bunten Geschenken für eine vermeintliche Zukunft besetzt waren, an die ich jedoch nie herankam, solange es sich drehte.

Ich dachte an Sprache und an Leben. Ich dachte an meine Reisen und an die fremden Orte die ich bereiste, als wäre ich ein Weltenbummler, den seine Neugierde an verschiedene Ufer geschwemmt hatte, um beim genaueren Hinsehen traurig feststellen zu müssen, dass auch in der Vielfalt der unterschiedlichen Orte die gleiche Behaglichkeit gesucht wurde. Vielleicht war der Antrieb, der Reiz etwas anderes:

Wenn ich dann da und nicht dort war, konnte ich sein, ohne daran zu denken. Schon immer brauchte ich die Distanz um davon zu erzählen, als wenn das Jetzt zu intensiv wäre, wie eine Droge, die mich umhauen würde. Es war so, als würde Monsieur Thalamus meine Sinne, meine Gefühle vom Verstand abkoppeln, gleich einem Schleusenwärter, der zwei Abschnitte des gleichen Flusses voneinander trennen musste, um sie harmonisch und zeitlich versetzt zusammenzuführen. Im Moment selbst konnte ich nur schwer sagen was mir gerade passierte. Ich fühlte mich dann immer so, als würde ich Fotos im Urlaub machen und mich hinterher nicht mehr erinnern, wo es gewesen war, weil mich der Blick durch die Linse auf den Ausschnitt beschränkte und die Welt als Ganzes verschwand. Ich spüre, also bin ich.

Erleben bedeutet für mich, dass ich über das in der Vergangenheit gespürte nachsinne. Um erleben zu können muss ich darüber schreiben. Wenn ich das tue, bin ich im Dort, im ehemaligen „da“ wo ich vormals im Jetzt war. Ich saß immer noch auf meinem Sofa, ließ all diese Ballons aufsteigen, dachte an mein Selbst und an die Dinge die es immer noch mochte. Natur mochte ich, aber nicht ständig. Krieg war furchtbar, aber unvermeidlich. Das heißt nicht, dass ich ihn mochte: Er war eher ein Ausdruck menschlicher Dummheit und Phantasielosigkeit. Macht durch Gewalt auszuüben war aus intellektueller Sicht das Unattraktivste, was sich menschliche Lebensformen einfallen lassen konnen. Wettbewerb ist nur eine andere Form von Krieg, eine vermeintlich Sportliche, in der alle bezeugen noch nie gedopt zu haben. Wirtschaft, sein Zyklopen-Zwilling, der erst bei Wachstum lacht.

Ich selber mag es auch lebendig, aber nicht laut. Ich finde Natur wichtiger als den Menschen und Katzen besser als Hunde. Schönheit ist eine Illusion, aber eine Schöne. Geld ein schlimmes Übel, eine Sekte, von der sich die Menschen nur allzu schwer lösen können. Meine Ansichten sind komisch, nicht konform. Oft können die Anderen deswegen so wenig mit mir anfangen. Sie können mich schwer greifen. Ich verstand sie. Manchmal ging es mir selber so. Aber das war nicht schlimm. Ich musste nicht alles kennen. Auch nicht jedes Detail von meinem Selbst. Wer wollte schon wissen und verstehen? Das machte doch alles nur noch schwieriger. Das, was bei den meisten funktioniert, ging bei mir nicht.
Manchmal glaubte ich, dass ich irgendeine komische Rolle bekommen hatte, so eine Art ausgleichendes Element. Wenn Menschen aufgedreht waren, kamen sie bei mir zur Ruhe; wenn sie beim Gehen schliefen, machte ich ihnen Feuer. Stillstand war vermutlich das Einzige, was ich nicht konnte. Es machte mich müde, irgendwann zornig. Vorstellen konnten sich das aber nur wenige, besonders wenn sie mich auf meinem Sofa sitzen sehen. Die meisten dachten, ich säße immer da und machte nichts. Dabei war ich sehr aktiv. Doch richtig glauben tat das niemand. Aber das störte mich nicht. Was andere tun oder denken? Das Meiste ödete mich nur an.

Wenn mir jemand eine langweilige Geschichte erzählte, ging mein Bewusstsein erst zurück in den Schongang und irgendwann auf Stand-Bye. Dann wurde mein Blick seidenmatt, schweifte in die Ferne und schon war es weg. Ich lächlte dann zwar noch, aber meistens ergriff ich schnell die Flucht und suchte mir eine stille Ecke. Dann hörte mein ganzes Ich Harfe, Oud, oder Didgeridoo und war weg. Wenn das passierte, konnte sich mein Selbst auf einiges gefasst machen. Dann holte mein Bewusstsein Reichsapfel und Zepter aus der Glasvitrine und wartete bis mein Unterbewusstsein wach wurde. Das war dafür bekannt, dass es immer sehr lange brauchte. Die meisten Dinge machte es ja nur indirekt selber. Wenn es dann merkte, dass mein Bewusstsein beide Insignien der Macht aus der eigenen Hand in die Seinige gegeben hatte und sich anschickte Siesta zu machen, dann kam es ganz aufgescheucht aus der Ecke gerannt und fühlte sich ertappt, natürlich unbewusst.

Es sind schon so viele komische Dinge auf der Welt passiert, da kam es auf einen merkwürdigen Menschen mehr oder weniger auch nicht an. Sie waren noch nicht ganz vorüber; ein paar besonders langsame dunkle Wolken, wollten nicht aus meinem Kopf abziehen. Ich saß immer noch auf dem Sofa. Mittlerweile hatte ich nachgeschenkt und ein paar weitere Zigaretten geraucht. Man lebte um Geschichten zu erzählen. Meine, deine oder irgendeine. Manches wurde niedergeschrieben, für später aufbewahrt. Doch was änderte das? Wie vergänglich war die Zeit? Wie sehr die Eigene?

Mir langte es. Ich schob das letzte Grau aus meinem Kopf und schoss ein paar Pfeile von meinen Burgzinnen hinterher, damit sie ja nicht überlegten wiederzukommen. Dann ließ ich das Burgtor fröhlich-donnernd runter und roch an meinen schönen, weißen Lilien, die ich gestern gekauft hatte: Herrlich, so duftet das Leben. Ich sap noch immer lächelnd auf dem Sofa, als Thomas zu Besuch kam. Ich holte einen neuen Krug Wein und stellte ihn zusammen mit einer Schachtel Zigaretten auf den Tisch. Wir hatten uns lange nicht mehr gesehen.

„Hey Don, schön dich zu sehen; wie lange warst du jetzt eigentlich weg?“
„6 Wochen. War schön.“
„Erzähl doch mal, wie ist es dir ergangen?“

Ich kurvte ein wenig in meinen letzten Wochen herum. Bunt und plastisch sprangen mich die Bilder an. Giulia, Bordeaux, Pilat, Wein und Karsten. Ein paar weitere Leuchttürme sprangen mir beim Erzählen ins Gesicht, ließen sich von mir umsegeln, hochleben und betüddeln, als wären sie Fabergé-Eier. Sofort hatte ich wieder die Bilder und Erlebnisse vor Augen; ich konnte es spüren, wie ich es beim Erzählen erlebte. Das menschliche Bewusstsein ist ein merkwürdiger Geselle. Das Unterbewusstsein ist ein Bastard wie er im Buche steht. Man selbst kann ihm kaum Herr werden, jedenfalls nicht einfach.

Noch immer saß ich auf meinem Sofa. Thomas erzählte von seinem Urlaub, seinen Kindern, dem Leben, seiner Freundin und dem großen Ganzen, mit all den kleinen Dingen darin. Es sprudelte aus ihm heraus, als wäre die Welt eine Quelle ewigen Lebens. Ich hörte ihm neugierig zu. Seine Geschichten waren spannend und lustig; er lachte sogar an den gleichen Stellen wie ich. Wir tranken noch eine ganze Weile, rauchten ein paar Zigaretten, aßen ein paar Chips und erzählten uns Geschichten. Irgendwann tranken wir das letzte Glas, rauchten die allerletzte Zigarette. Wir redeten immer noch genauso lebendig wie am Anfang, nur unsere Gesichter sahen aus, als hätten sie einen dreitägigen Gewaltmarsch durch die spirituelle Wüste Westdeutschlands gemacht, ohne auch nur ein leuchtendes Augenpaar getroffen zu haben.

Wir verabschiedeten uns wie Brüder. Jeder hatte etwas aus seinem Becher beim Anderen reingeschüttet. Jetzt war die Mischung noch bunter, noch lebendiger. Ich saß nicht mehr auf meinem Sofa. Ich stand im Bad. Müde sah ich mein faltiges Gesicht im Spiegel an und begann mir die Zähne zu putzten. Danach wusch ich das Gesicht. Es fühlte sich an, wie eine schroffe Felswand. Nachdem ich einen großen Schluck Wasser getrunken hatte, krabbelte ich unter die Decke und rollte mich zusammen. Schnell segelte ich weg. Weit weg, zu den weißen schönen Schaumkronen, eines weitentfernten Meeres.

Ich sah den Horizont: Überall nur Wasser, soweit das Auge reichte. Die Segel knatterten fröhlich; die Sonne schien und gerbte meine Haut. Ich sah auf meinen Kompass. Der Kurs stimmte. Dann dachte ich an Hamburg und an all die grauen Wolken, die mir dort manchmal im Kopf herumschwirrten und wie sie meine dunklen Erinnerungen so gerne an die Hand nahmen und wie sie ihnen Raum zum Wachsen gaben und ich beschloss eine Geschichte über sie zu schreiben………

 

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