Wildschweine auf Helgoland

Da lag sie vor uns: Die Nordsee. Seit ewigen Jahren wollte ich Herbststürme auf Helgoland erleben. Wenn kein Tourist mehr auf dem roten Felsen rumkrabbelt, wenn die Straßen, die Zigaretten und Schnapsläden leer sind, wenn die Insel nur noch von ihren treuen Eingeborenen vor den Schrecken des Meeres bewacht wird, wenn das Wetter nicht mehr weichgespült ist, dann wollte ich da sein. Jetzt war es soweit. Endlich kam es zu der Zusammenkunft.

Cuxhaven, Winterfähre. Gegen Zehn Uhr gingen Maya und ich an Deck der Funny Girl. Ein mausgrauer Himmel hatte Wolken und Sonne verhangen, verhedderte Freude wie ein nasses Knäuel Takelage. Norddeutscher Nieselregen hielt die Haut schön feucht und ließ unsere Augen rollen. Cuxhaven war auch architektonisch anders als Toulouse und Palma. Maya bekam ungefragt diesen derben Eintopf serviert. Weil Neptun ihn gut durchgerührt, noch dazu mit schlimmen Erinnerungen auf hoher See gewürzt hatte, begann ihr die Mahlzeit auf den Magen zu schlagen. Ich ließ sie in Ruhe. Schon lange war ich beeindruckt, dass sie mitgekommen war. Tiefes Läuten kam von irgendwoher. Es dröhnte durch unsere Gebeine, als wir uns stumm setzten.

Pünktlich legte die Fähre ab. Wir hatten Glück. Besonders Maya. Die See blieb glatt und friedlich. Das fand ich fair. Wenn sich eine Frau mit Angst vor Wellengang von Toulouse aufmachte, um die einzige Hochseeinsel Deutschlands zu besuchen, dann sollte man sie gefälligst freundlich empfangen. Ich fand, dass sie das verdient hatte. Das Schiff nahm Fahrt auf. Niemand störte sich daran, dass Cuxhaven  am Horizont verschwand.

Es war komisch. Die Weite der Nordsee ließ meinen Körper erwachen. Ich hatte eine besondere Verbindung mit den Naturgewalten. Je mehr sie an mir rüttelten, desto wacher und glücklicher wurde ich. Maya ist im Grunde auch Eine. Deswegen haben wir auch so eine besondere Beziehung. Sie ist so speziell, das ich es kaum beschreiben kann. Maya könnte das. Ich nicht. Manchmal glaube ich, dass solche Frauen nur geschaffen werden, damit sie der Welt wieder Ordnung und Gleichgewicht geben. Vielleicht sind sie so eine Art kosmischer Ausgleich für Typen wie mich. Ich bin mir sicher, dass Maya das alles für Quatsch hält, was ich hier schreibe. Nicht weil sie meine Schreibe ablehnt. Auch nicht, weil es eine zur Schau gestellte Zurückhaltung ist, die letztendlich das Gegenteil bewirken soll. Nein, mit Nichten: Das liegt einfach daran, weil Maya nämlich alles kann. Nein, wirklich, ganz im Ernst. Supergirl ist ein Scheiß gegen Maya. Sie ist super-intelligent, super-gebildet, super-sportlich, super-lustig und viele andere Super-Sachen noch dazu. Sie selbst sieht sich so natürlich nicht herumfliegen, logisch. Das ist ja auch das interessante an Frauen wie Maya. Ständig stopfen sie sich ihr rotes Super-Girl-Cape unter die Bluse und noch tiefer in die Hose, damit auch niemand sieht wer sie in Wirklichkeit sind. Sie ist immer inkognito. So eine Art Clarice Kent. In Tieren ausgedrückt, würde ich sagen, Maya zählt zur Gattung der Super-Delphine, während ich ein gemeines Wildschwein bin. Ich glaube, dass das sehr gut zutrifft. Damit ist auch alles Unausgesprochene gesagt, finde ich. Wir spielten für ein paar Tage die Hauptrollen in der neuen Serie der Augsburger Puppenkiste. Sie hieß diesmal nicht „Katze mit Hut“, sondern „Delphin mit Wildschwein“.

Nach 2,5 Stunden waren wir da. Helgoland. Der Himmel war mittlerweile aufgerissen und strahlte die letzten Wolken an. Die Sonne schien, hieß uns willkommen. Wir gingen an Land und schlenderten gemütlich an den Hummerbuden vorbei. Während wir mit unseren Trolleys die Promenade Richtung Hotel herunterliefen, kam mir wieder ein Gedanke.

„Eine Eigenschaft verbindet uns, wenn-gleich wir sonst so verschieden sind, wie es irgend möglich ist: Wir fühlen uns wohl mit uns selbst. Sie fühlt sich wohl und normal, mit all ihren Super-Talenten und ich fühle mich total okay, mit meiner gleichmäßig und gut verteilten Talentlosigkeit.“

Das war es. So war es mit Allem. Ich war der Bauer, der wusste dass man Samen einpflanzen musste, um ernten zu können, während sie erklären konnte, warum dem Menschen Wachstum wichtig ist. Während ich behaupte Spanisch zu sprechen, weil ich im Alltag überleben und mich irgendwie verständlich machen kann, würde Maya sich nicht einmal dann als gut französisch-sprechende Erdenbürgerin sehen, wenn sie es jeden Tag professionell anwenden würde. Natürlich tut sie das auch in Toulouse. Ich bin schnell zufrieden, verkaufe meine Durchschnittlichkeit als Etwas, was okay ist. Für Maya ist stattdessen Exzellenz der Normalfall. Klar, Französisch könne sie wohl sprechen, aber richtig gut? Wir bekamen eine Menge Spaß. Eine spannende Unterhaltung jagte die Andere. Mal waren wir in irgendwelchen intellektuellen Stollen, wo sie mir Licht spendete, oder sie wartete auf einem achttausend Meter hohen Analytik-Gipfel, mit frisch aufgebrühtem grünen Tee. Natürlich mit nicht-kochendem Wasser aufgegossen. Radler und Bier kamen.

„Du meinst, „DU“ machst das, nicht „MAN“.

„Wie bitte?“

„Sag nicht, „Was MAN halt so macht“, sondern „was DU halt so machst. Du sprichst meistens von MAN, obwohl DU von DIR sprichst. Und pass mit deinen technischen Metaphern auf. Sie beeinflussen dich mehr als du glaubst.“

„Stimmt. Ich sage ziemlich oft man. Du hast Recht.“

„Es geht mir nicht um Recht haben, sondern nur um deine Wahrnehmung eben dessen.“

„Hab ich verstanden. Ist irgendwie eine blöde Angewohnheit. Ein bisschen so wie mit der „geschmierten Maschine“. Natürlich bist du keine, aber ich glaube ich habe das unbewusst eingesetzt. Komisch, oder? Man verwendet ganz schön oft unbewusste Floskeln, die nur halb-gut passen. Dies MAN eben habe ich aber bewusst eingesetzt, weil ich auch wirklich die Allgemeinheit meinte. Immerhin fällt es mir jetzt selber auf. Das ist doch ein Anfang.“

Ich bestellte zwei Bier.

„Ja, jetzt hast du dir das Wort sichtbar gemacht. Es wird dir nicht jedes Mal auffallen, sonst würden wir ja alle verrückt werden, wenn wir unsere 2 Millionen Reize pro Sekunde aufnehmen würden. Aber wenn du es jetzt jedes Achte Mal, in einer Woche eventuell jedes sechste Mal merkst, dann wäre das ein großer Schritt und eine tolle Entwicklung für dich.“

„Ich muss ehrlich sagen, dass ich die technischen Gleichnisse auch völlig unbewusst einsetze, jetzt wo ich darüber nachdenke. Verrückt, oder?“

„Nein, nicht verrückt. Ganz normal. Das Umfeld beeinflusst. Alles beeinflusst uns. Deswegen ist es so wertvoll, wenn du dich daran immer wieder mal erinnerst. Worte und Gedanken sind sehr machtvoll. Beide inspirieren sich gegenseitig. Ist so ein bisschen wie Henne und Huhn, weißt du?“

Ich wusste. Sogar jetzt noch. Ihre Worte hallten noch nach. Ich hatte etwas bemerkt. Das fühlte sich toll an, obwohl ich den Eindruck hatte, mit zunehmendem Alter immer weniger zu verstehen. Die Menschen? Nichts, aber rein gar Nichts verstand ich, was sie da machten. Maya verstand ich dafür total. Das war für mich zwar wie Zirkeltraining, während es für sie eher ein leichtes Aufwärmtraining war, aber es machte uns beiden Spaß. Jedenfalls fühlte es sich für mich so an.

(Ich muss etwas aufpassen. Ich verallgemeinere auch oft. Das ist nicht gut. Ich kann ja gar nicht für Maya, oder sonst wen sprechen. Vielleicht lag ich auch falsch und sie langweilte sich ganz fürchterlich. Sie ist was sie ist, ein entfesselter Wissens-Orkan.)

Was ihr ein wenig abging, jedenfalls fand ich das, war der Kontakt, das Verständnis zum Durchschnitt, zur Masse. Da bekam sie schwerer Zugang.

(Hier muss ich wieder aufpassen, weil es sein könnte, dass ich mich total täusche. Vielleicht würde sie ganz leicht Zugang haben, nur fand sie das nicht interessant. Wer weiß)

Das merkte ich auch an unseren Interessen und Reaktionen. Während ich „Der Mann mit der Ledertasche“ für ein großartiges Buch halte, fand sie es fürchterlich. Richtig schlimm sogar, weil es aus ihrer Sicht sehr vulgär, sogar konstruiert-vulgär, geschrieben und die Hauptfigur ein tragischer, saufender, völlig desillusionierter Mann war, der aufgegeben hatte.

Ich fand das spannend. So war das Leben eben auch. Meistens sogar. Nur mochten wir nicht hinsehen. In der dreckigen Alltagsdramaturgie, versteckte sich eine Leidenschaft, eine solche fesselnde Intensität, die nur noch vom täglichen Wahnsinn überstrahlt wurde. Ich verstand ihre Argumente, ihre Beschreibung. Interessant war, was es mit ihr machte, in ihr auslöste und was bei mir. Eindrücke, Gefühle, Werte und Geschmäcker sind verschieden. Das finde ich wunderschön. Die Tragik und Brutalität des Alltäglichen stießen sie wahrscheinlich ab. Ich verstand sie, fand das für sie verständlich. Sie spielte zum Beispiel perfekt Klavier und noch eine Hand voll anderer Instrumente. Ich hingegen spielte einen gekonnten Flaschenöffner. Niemand ließ Rotweinflaschen so schön ploppen wie ich. Sie wanderte zwei Monate durch die Pyrenäen. Ich lag solange auf dem Sofa. Sie schlug Heringe ein, ich hielt Gläser fest. Ich war vom Planet Erde und sie von Krypton. Ich liebe es mich mit Maya zu unterhalten. Es ist ein Geschenk.

Am nächsten Tag machten wir einen Rundgang über das Oberland. Wir sahen die lange Anna, den Lummenfelsen, Bombenkrater, sowie viele spannende Informationstafeln. Das Deutschlandlied hatte Herr Fallersleben hier komponiert.

(Halt! An dieser Stelle klingeln mir immer noch die Ohren und ich erinnere den O-Ton von Maya: „Hat Fallersleben nicht nur den Text gemacht? Die Musik stammt doch von Jemand anderem?“ Ich hatte nicht genug Wissen, um darauf richtig zu antworten. Ich sagte ihr nur, dass unten am Hafen die Büste von Fallersleben steht und dass er dort als Vater des Deutschlandlieds genannt ist. Ich glaube ich war früher oft der Überbringer von schlechten oder falschen Nachrichten. Ich habe dann bei Wiki nachgeschaut: Ratet was da steht? Die Melodie stammt von Josph Haydn. Na super!)

Der gute Werner Heisenberg hatte auf der Insel seine Unschärferelation entwickelt, die ein wichtiger Baustein für die Quantenmechanik darstellte. Künstler gingen auf der Insel ein und aus. Selbst der größte Seenotrettungskreuzer der Welt lag hier. Und jetzt gab es sogar noch Puppentheater. Delphin und Wildschwein am Meer hieß die Reihe. Die heutige Folge, „Delphin hilft Wildschwein in Smoking“. Noch dazu mit Fliege. Ich glaube, ich wäre jetzt gerne Leuchtturmwärter.

Er kam. Klatschend erbrach ein neuer Tag seinen Morgen vor unsere Füße. Sturm wurde angesagt. Während wir unseren Frühstückskaffee tranken, sahen wir die Gischt an der Kaimauer hochklatschen. Maya sorgte sich etwas. Ich versuchte ihre Sorgen zu zerstreuen, ohne dabei platt zu sein. Das ist nicht immer einfach für Wildschweine, auch wenn sie nur ganz vorsichtig nach Trüffeln suchten. Sie wühlten nunmal den Boden auf. Egal ob langsam, oder schnell: Die Wege waren unterschiedlich, das Ergebnis war das Gleiche.

Nach dem Frühstück ging Maya etwas arbeiten. Ich ging zum Seenotrettungskreuzer, um Geld zu spenden und Hallo zu sagen. Die Zeit verging wie im Flug. Wir kauften ein paar gute Klamotten. Jacken, Pullies, Mützen und so Zeugs. Dann machten wir Mittag. Die See wurde immer rauer. Wellen donnerten sogar schon in den Hafen. Der Wind pustete jetzt so stark, dass wir uns anbrüllen mussten, um uns zu verstehen. Irgendwann schwiegen wir. Wir konnten gut zusammen schweigen. Schweigen ist mit Maya so, als wenn du mit einem Porsche mit 100 auf der Autobahn fährst. Ich finde das schön. Das nenn ich richtig Muße haben.

16:00 Uhr. Das Schiff tutete und legte ab. Die Wellenbewegungen waren kräftig. Das Schiff schaukelte gut. Als wir die Hafenmauer passierten, wurden wir vom Kapitän begrüßt:

„Sehr verehrte Fahrgäste. Herzlich willkommen an Bord der Funny Girl. Wenn wir gleich aus dem Hafen auf das offene Meer fahren, kann es passieren, dass es schaukelt. Das ist aber nichts Beunruhigendes. Stellen sie sich vor, sie sind auf einem Schiff. Das ist dann ungefähr so, als wenn sie auf dem offenen Meer fahren.“

Der Kapitän war anscheinend auch von Krypton. Er hatte die Fürsorgepflicht für eine Horde Wildschweine übernommen und wollte alle heil ans Festland bringen.

Ich war privilegiert. 3 Tage hatte ich meinen eigenen Delphin, der um mich herum schwamm.

 

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