Meine Schreib.- und Arbeitswoche schien mir diesmal wieder zu kurz … es dauerte ewig, bis ich das Ende vom Wollknäuel fand, aber auch wenn ich es zu fassen hatte, sprudelte, lief es zwar wie verrückt, leider so sehr, dass ich zum Teil meine Worte nicht schnell genug fand … Wortfindungsstörung, sagen die einen, ich hingegen nenne es
Wörterstau,
weil ich sie zwar Wörter finde, die Biester aber nicht rauskommen wollen … ich konnte es wieder mal drehen und wenden wie ich wollte – es lief nicht … jedenfalls nur mühselig, so war’s halt … manchmal läuft es wie von alleine, aber manchmal nur zäh, bis – gar nicht … auch irritierte mich meine neue Vergesslichkeit … wo kam die her? Und immer
bei speziellen Dingen,
ganz merkwürdig … war es der Herbst? … Oder eine Luftdruckveränderung, kosmische Strahlung? … Wer wusste es schon so genau … umso größer meine Vorfreude auf ein langes Wochenende mit Freunden … noch dazu im schönen Orange … Nicht nur, dass sich am 3.Oktober der Tag der Deutschen Einheit jährte, Gleiches galt für
Kumpel J.
und Kumpel T. der am 1.Oktober vorauseilte … und so geschah es … Donnerstag, gegen Nachmittag … der Himmel? Grau, trübe, irgendwie sieht er frisch und kühl aus … und die Sonne? Auch – die – schien eher müde, mehlig … jene heutigen 20 Grad fühlen sich für mich eher nach 10 an, weswegen ich ein paar Schichten mehr, von meiner
Zwiebel anlegte.
Überhaupt, hatten Geist und Seele den Kanal voll „wir müssen nur wieder zurück auf den Pfad der Tugend!“, so die Meinung meines Gedächtnispalast … doch wie finden, vor lauter Irrsinn und Nonsens, den wir da draußen bestaunen dürfen? … Habe mir deswegen auch vorgenommen, Themen wie AfD, Trump, Israel, Ukraine und viele andere –
auszuklammern.
Du behältst eine bessere Laune – und das – ist gut für deine Gesundheit … Nee, im Ernst, man konnte jeden Tag falsch abbiegen und beim Überqueren der Straße plattgefahren werden, wenn man nicht aufpasste … „Also, why worry?“ …Mit Nachdruck zieh ich den Reißverschluss meiner letzten Jacke und Schicht zu, spring auf mein
Kaltblut, Namen Elke.
Und der Himmel überm linken Berlin? … War mir einstweilig mal egal … los ging es, raus aus der Stadt, lockeres Traben Richtung Autobahn zum Mittelmeer …immer ein erhebendes Gefühl … auch nach so vielen Jahren … endlich kam unser langes Wochenende in Orange … mein Gaul wird warm, hat Bock zu galoppierten, dann die große
Maut-Station A61,
runterbremsen, Ticket ziehen … schon geht die Schranke hoch … Handschuhe an – und – los geht’s … wir sausen an Revel vorbei, gleich gefolgt von Limoux, Carcassonne … runter ins Corbière Weingebiet … hallo Narbonne, weiter Richtung Montpellier … Mist, was ist das? Schwarze Wolken … In den Nachrichten , sowie Instagram, Beiträge von
sintflutartigen Regengüssen!
Viel erschreckender finde ich, an wieviel verbrannten Bäumen, Sträuchern und Landschaften ich vorüberfahr … und jetzt – die Sintflut … und ich fordere mein Glück heraus … „nee, das wird schon nicht regnen, wirst sehen“ … nur mit äußerster Mühe, konnte ich mich überreden, meine Regenklamotten einzupacken …
10min und 30km später
„Scheiße – wo bleibt der Parkplatz?“ … es kübelt wie beim Jüngsten Gericht … dann endlich, da sehe ich es, das fröhlich weiß leuchtende P auf blauem Grund … fix die Regenklamotten aus dem Topcase gerissen … zwei andere Mopedfahrer lächeln mich an … „du kommst aber echt auf dem Letzten Drücker“
Lachen sie
Irgendwie bizarr … du saust an verbrannten schwarzen Baumstümpfen hinüber, während es so böse kübelt, dass an Weiterfahren eigentlich nicht zu denken ist … mit knappen 100 rollen Agde und Sète an mir längs, später streifen meine Augen Schilder von Aigues Mortes, während sie im Rückspiegel verschwinden … alles fließt, ist vergänglich,
erneuert sich,
durch Neues, oder Altes, dass in neuen Kleidern daherkommt … heute biege ich nicht rechts ab, nach Marseille, um H. zu besuchen, stattdessen flieg ich weiter Richtung Avignon … gegen frühen Abend … parke mein Moped vor dem Kyriad Hotel … „Bonjour, hatten Sie eine angenehme Anreise?“ … alles läuft wie am Schnürchen, Karte, Info’s, Code,
Zimmer 109.
Kurze Blitzsiesta … dann rüber zu den Freunden … B. und J. sind schon da … „Santé, Geburtstags-Apéro und Toast auf Kumpel T. … Was will man eigentlich mehr vom Leben, als mit Freunden schöne Zeiten zu haben und gemeinsam gut Essen und Trinken? Was? … Tischreservierung im Restaurant „A la Maison“ … ein wunderbarer Abend endet
genau ebenso.
Freitag … langsamer Beginn, irgendwann zwischen 12 und 13 Uhr … ein leichter Brunch, alkoholfreie Getränke, danach Besuch beim Römischen Theater, eines der Highlights von Orange … und auch dieses Mal, erwischt es mich dann doch – überraschend – ziemlich schwer … beeindruckende antike Prunk-Bauten, vermischt mit
eigenen Erinnerungen,
Erlebnissen, die jeder bei sich trägt … faszinierend, beängstigend, nachdenklich machend … und doch voller Hoffnung bleibend … sitze ganz oben, auf dem letzten Rang, lasse mich sonnen … sinniere nach, bin auf der Brücke von Avignon, lernte das Lied in der Grundschule, Bilder vom Pont du Gard … wieder im Theater, schwarz-weiß
Bilder mit Nazis,
dann in Farbe, Landtagswahlen in Ostdeutschland … Einfluss des Eltern-ich und Über-Es, nebst daraus resultierende Sprachlosigkeit, Bedürfnisse und Wünsche auszusprechen … immer getrieben von Angst, Ungeduld, niemand weiß wirklich, warum … schaue mir die Statue von Imperator Augustus an … habe einen ganzen
Strauß Klöße im Hals.
Gegen abend kommt Kumpel J. aus Toulouse dazu … wir plaudern zu später Stunde über die Mediterranisierung von Nordeuropa, im Besonderen Norddeutschland, Hamburg und Berlin … selbst in der Heimat vom alten Fürst Bismarck, herrscht heute buntes Treiben wie in Marseille … und der Süden? „Meiner Meinung nach“, ich ernte Nicken und
Stirnrunzeln,
„scheint der mediterrane Süden von einer Welle der Balkanisierung erfasst worden zu sein“ … alles fließt, alles verschiebt sich, nicht nur das Klima wandelt sich … Klima macht immer den Anfang, Pflanzen, Tiere, Vegetation, wir Menschen folgen nach … mein kleiner Erkältungsvirus zwingt mich kurz nach Mitternacht zu Bett zu gehen.
Samstag
Heute gehen J. und ich zusammen ins Römer Theater … wir philosophieren, schweifen, mäandern weit herum … irgendwann landen wir bei einem unserer großen Themen … leben im Ausland … was es mit einem, mit dir macht … und mit den anderen, deinem Umfeld, besonders, wie es dich verändert … du wirst oft geduldiger, urteilst
seltener, weniger flott
Alles schöne Eigenschaften, allerdings mit einem Nebeneffekt, den man nicht bedenkt, den man zu Anfang – immer – übersieht, nicht wahrnimmt, nicht wahrhaben will … man verliert seine Wurzeln, verliert Dinge wie Heimat, Gefühle davon und darüber … meist schlägst du auch keine neuen Wurzeln im unbekannten Land, mit neuer
Sprache und Kultur
Zwar tolerierst, akzeptierst du mehr … erfreust dich am Andersartigen Gegenüber, und bekommst doch oft – keinen – Zugang dazu … nicht, weil man nicht eingeladen wird, Teil davon zu werden, nein, im Gegenteil, weil einem Sinn und Zweck von Kulturen und Traditionen, stückweise verloren, abhanden gehen.
Man hat seinen eigenen Rucksack geleert und legt jetzt weniger, nicht selten, gar nichts Neues mehr hinein, nachdem man mühselig aufgeräumt hat … ein reinigender, erhebender Prozess, der dich zufriedener, aber auch einsamer sein lässt … irgendwann bemerkst du, dass man dich immer weniger versteht … du fängst an zu verkautzen,
wirst sonderbarer,
entwickelst dich mehr zum Einzelgänger, nicht bewusst, sondern als natürlicher Nebeneffekt … DANN lernst du, was wahre Liebe bedeutet … nur sie überlebt, schlussendlich … für jenen Mensch, der dich zutiefst berührt, für diesen Mensch trägst, bewahrst du sie und trägst sie herum … wie ein vom Himmel gefallener Stern. Und du merkst es.
Tiere und Kinder
gehen anders auf dich zu … auch Erwachsene, sie können es nicht erklären, im Positiven, wie auch im Negativen … du wirst, ohne es zu merken, spiritueller als zuvor … alles kann dir dann geschehen, wirklich alles … irgendwann gehen wir zurück zum Haus unserer Freunde S. und T. … es gibt Kaffee und
Kuchen zum Geburtstag.
Danach Siesta für mich und meine Erkältung … für die anderen, Weinprobe bei der Domäne „La Garrigue“ … Unser letzter Abend startet mit Roséwein und später mit großartigem Roten, zur gegrillten Entenbrust … Tage wie diese, an denen weißt du es, ganz genau: Sie sind es … sie sind das Salz in der Suppe, vielleicht sind sie sogar die ganze
verdammte Suppe.
Gegen Mitternacht gehen alle Lichter aus, ab zu Bett … bei einigen verabschiedete ich mich, weiß ich doch, dass ich am nächsten Morgen zeitig loswill … ein beeindruckend großes neues Regengebiet schiebt sich gerade über Narbonne und die umliegende Mittelmeerküste … bei bestem Sonnenschein fahr ich in
Orange los.
Eine Stunde hält mein Glück, dann muss ich meine Regenklamotten anziehen … und diesmal geht die Post ab … es kübelt und schüttet … offensichtlich schon Stunden … links und rechts von der Autobahn – alles landunter … kralle mich nachdenklich am Lenker fest, denke an diese, offensichtlich, immer härter werdenden
Klimabedingungen
Nach einer Stunde Starkregen sind meine Schuhe voll … meine Handschuhe sind als allererstes durch … kämpfe mich mit Tempo 80 durch Sturm und Wassermassen … „zuhause gönnst du dir eine heiße Dusche!“, soviel steht mal fest … bald erscheint Narbonne, ich biege rechts ab, Richtung Carcassonne … Dann endlich, nach fast zwei Stunden
Starkregen,
hört es auf … kann die letzten 30min wieder Reisetempo einschlagen … dann endlich Toulouse … meine bis zum Kragen mit Regen abgefüllten Schuhe lassen mich lachen … den griechischen Göttern sei Dank, haben wir 23 Grad, sonst wäre das unangenehm gewesen … mit offenem Visier und aufgeklapptem Helm laufe ich in Toulouse ein,
endlich zuhause
Und diese angenehme Wärme, herrlich … mein Kaltblut parkt von alleine ein … wie von Geisterhand schwebt mein Rucksack vom Topcase auf meinen Rücken … kaum habe ich meine Haustür aufgeschlossen, fliegen alle Klamotten von mir …
Und ich stehe …
Unter der …
Heißen …
Dusche …
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