Irgendetwas brüte ich aus … Etwas steckt in mir drinnen, keine Ahnung was, wo es herkommt, wer oder was es auslöste … Schlafen? Eher unruhig … ist schon länger so … Auch diese Woche zieht sich wieder scheiße-lang hin … Komisch: Während alle mir sagen, wie schnell die Zeit vergeht, passiert mir seit Jahren –
das Gegenteil.
Es ist zum Ausflippen … Keine Ahnung, ob mein Verstand sich verlangsamt hat, ob er die Welt da draußen manipuliert … oder ob es etwas völlig anderes ist … paranoid bin ich glaube ich noch nicht, bin dafür zu geerdet, im tiefsten Herzen eher bodenständig und so … auch wenn man das vielleicht nicht
oft merkt,
ich habe schlicht einfach zu wenig Zeit das zu zeigen … Aber woher soll man das wissen, ob man noch alle beisammen hat? … „Boah verdammt, ist schon 12:00 Uhr Mittags jetzt aber raus!“ … hab ’ne ewig lange Liste … grelle Sonne, bestimmt 30 Grad, jetzt schon, wunderbar … schlendere die Entenstraße hoch, Richtung Markt von …
Les Carmes.
Krass, was‘n das? … Höre plötzlich laute Bässe donnern … „Bumm-bumm-bumm-bumm“ … klingt nach Techno, oder Elektro … „was ist denn nun wieder los?“ … in dieser Stadt brennt irgendwie immer der Block … bleibe wie angewurzelt mitten auf der Kreuzung stehen … hab nicht mal auf die
Ampel gesehen,
bin ich gerade eben Franzose geworden? … Oder einfach erz-gleichgültig? … Autos schleichen vorsichtig um mich herum, entweder sind die Ampeln ausgefallen, oder ich bin im next Level gelandet, ohne es zu merken … drehe mich langsam, ein wenig irritiert um, sehe plötzlich eine endlose Reihe von Blech vor mir stehen, genauergesagt …
Regenbogen-LKW’s,
dann schaltet mein Gehirn einen Gang hoch … „Natürlich, ich hab’s, heute ist Gaypride-Parade in Toulouse!“ … Bumm-bumm-bumm-bumm … alter Schwede, die Bässe hämmern einem direkt in die Magengrube, gar nicht unangenehm, wäre ich nicht nüchtern … Radfahrer, elektrische und ein paar mechanische, sausen an mir vorbei.
Frauen-Parfüm
streicht durch die Luft, hier dort Röcke, Kleider, Sonnenbrillen und teure Handtaschen … Mein Leergut klötert im Jutebeutel … aus reiner Trotzigkeit feuere ich die Buddeln mit Schwung innen Glascontainer … streife weiter zum Kiosk … „Einmal Charlie“ … die lächelnde Hornbrille hinterm Gebirge aus Feuerzeugen, Zeitungen und Zigaretten
zückt sein Lesegerät,
zwei Mal piepen, bin endlich im Recall … „Troi-Öhro-quatre-veng-diß“ … trötet er mir entgegen … „Parfait. Aller“ … zahle 5€ cash, stecke das Wechselgeld ein … „Merci, bonne journée“ … „Ègalement“ … ab geht‘s weiter auf den Markt … Will Lamm kaufen, muss dann immer über den Witz von Kumpel J. lachen … „Lämmer sind keine Rasse, man isst
schlicht Kinder
von Schafen!“ … Will ein Stück Schafkind haben …hab ein Rezept aus Kreta im Kopf … hab da schwer Bock drauf … Welchen Schlachter nehme ich? … Ach, komm, schau mal, das sieht hier doch lecker aus … „die zwei Stücke bitte, ja, genau, merci“ … Schwarze, vielleicht 174cm schlanke
45-jährige Locken,
greifen nach dem Fleisch … „Danke, das wärs“ … Oliven, Oregano und Wein muss ich noch kaufen … ach ja und nicht zu vergessen, Brot … letzte Nacht hab ich mal wieder gut geschlafen … rechts glänzen mich Fische uns Austern vom Fischmann an … Hank hat Recht, auch heute noch … Sieh an, heute mal keine Schlange, bei der …
Oliven-Frau.
„Kalimera!“ … sie strahlt über alle vier Wangen … „Kalimeroudia“ … Man kann nicht zu soft mit Frauen umgehen, dann nehmen sie einen nicht ernst, so Hanks Theorie, hatte deswegen immer ärger, war zu romantisch, zu weich … keine Ahnung, ob was dran ist, hin und wieder Reibung ist wichtig, finde ich … gebe der Olivenfrau jedes Mal ein neues
griechisches Wort.
„dat heißt so viel wie, einen – wirklich sehr schönen Morgen!“ … sie fischt Kalamata-Oliven aus ihrem Pottt, füllt wie immer etwas mehr als ein halbes Kilo ab … „Macht 23€“ … wir flöten uns einen „schönen Nachmittag“ zu … dann geht’s ab zum nächsten Stand, zum Bäcker … hier gibt’s ’ne kleine Schlange.
Bumm-bumm-bumm-bumm,
draußen hämmert Techno … sind anscheinend noch nicht abgefahren … luschere hin und wieder über die erste Seite von Charlie Hebdo … „boah, wieder großartig, meine Güte, die Franzosen trauen sich was … wenn ich die Wochen-Taz lese, mit ihrem belehrendem, linken Zeigefinger, noch dazu dieser Klassensprecher-war-ich-
auch-mal-Ton,
merke ich, dass ich darauf keinen Bock mehr habe … DieZeit habe ich schon vor Jahren abbestellt … Auch die knickte irgendwie ein, seit Opa-Schmidt weggesegelt ist, zumindest hatte ich den Eindruck, dass man Sachlichkeit, gegen mehr Meinung ersetzte … „Sie wünschen?“ … zeige auf‘n dunkel-gebranntes Payot, ein besonders dickes
rustikal-gebackenes Baguette.
Erst rennen wir alle wie doof los, wollen alles machen und wissen, wie Faust, fallen hier und dort mal auf’n Pinsel, bis man, ja was eigentlich, keine Ahnung, naja, vielleicht, bis man früher, manche später, die endlosen Regeln, Prinzipien und ihre Wiederholungen erkennt.
„Macht 2€ 30“
Zahle mit Karte, habe vergessen, dass ich heute Bargeld habe … natürlich sieht alles, die ganze verdammte Menschheits-Geschichte immer irgendwie neu und anders aus, aber hinter dem Vorhang, unterm Rock der Zeit, befindet sich der gleiche ranzige Buttergeruch, wie schon zu Zeiten zu …
Grass und Kafka.
Und damit muss man erstmal klar kommen … Hank aber, alter Ego von Charles Bukowski, brach das Leben auf weniges runter … und natürlich war auch er nicht der erste, sondern der Zehn-Millionste, in den letzten 3000 Jahren, ist doch klar … „Verdammt! Hab immer noch keinen Wein!“ … für Frauen ist es sehr
sehr wichtig,
dass es weiter geht, dass die Beziehung sich weiterentwickelt, zumindest, dass man das Gefühl hat, dass sich etwas bewegt, dass sich etwas, irgendetwas verändert, auch wenn die Dinge oft gleich bleiben … hab da oft drüber nachgedacht, wieder immer wieder … bin da aber irgendwie immer aufs Gleiche bei rausgekommen … Man lebt halt
irgendwann zusammen,
oder eben nicht … wenn man, wenn beide es nicht wollen, dann ist das zwar merkwürdig, aber durchaus ein Gewinn, vorausgesetzt, man weiß warum und ist ehrlich mit sich … Grundsätzlich finde ich Zusammenleben schön, jedoch nicht um jeden Preis … Irgendwie muss es eine robuste Basis geben, ist doch so ähnlich …
wie beim Kochen,
sonst gibt es einen lauten Knall, wie im Chemie-Labor … Hank, sowie die Epikurer, was mich einschließt, weil ich einer bin, sind der Meinung, dass in Wahrheit „Frauen, Wein und Musik“ … das Wichtigste für im Leben eines Mannes über 45 ist (das mit der 45 habe ich mir dazugedacht), wenn ich mal Bücher, Sport und Schreiben insgesamt als wichtige
Basis annehme.
Verdammt! Habe immer noch keinen Wein, jetzt aber zack-zack … zum Supermarkt, oder heute endlich mal? Genau, heute ist der Tag … Wir haben auf dem Markt einen Kerl, der losen Wein zum Abfüllen verkauft … habe ihn aber noch nie probiert … „Bonjour, ich brauche Weißwein“ … Er füllt mir eine 1,5L Petflasche
Weißwein voll.
„Wo kommen sie her?“ … Erkläre ihm, mit meinem uralten Witz, dass ich aus Preußen, oberhalb von Hamburg wegkomme … „Sie sehen gar nicht Deutsch aus und klingen auch nicht so; ich höre irgendeinen anderen Akzent bei ihnen“ … das denke ich auch über ihn, ehrlich gesagt … „Und Sie?“ … bin gespannt, was er ist, wo er geboren ist.
„Komme aus Toledo“
Na wer sagts denn, hier scheint niemand Franzose zu sein … „Wie lange sind Sie denn schon“ … will wissen, wie lange er schon er so … „30 Jahre schon“ … na siehste … „Sagen Sie, der Rote da, was ist das für einer? Und was ist da hinten im Fass drin? … „Mein Roter ist ein Corbière und kommt aus Carcassonne … da hinten ist Rosé drin.
Großartig.
„Dann nehme ich ’ne Flasche vom Roten mit“ … kann so heute Abend mein Lamm angemessen genießen … ach ja, Frauen, seufz, seufz noch Mal, was eine tolle Erfindung der Heelnischen Götter … alle wie sie da sind, echt jetzt, was für ein Glück man so, also wirklich … was für großartige Frauen es gibt, man könnte verrückt werden,
dass man,
naja, das klemme ich mir jetzt … auch Faust irrte, nicht nur bei Goethe, auch im wirklichen Leben … da waren die alten Chinesen und Griechen einiges weiter … warum also zurückschreiten, wenn‘s weiter gehen kann? … Eben, sag ich ja! Nur: Welchen Fortschritt Frauen meinen? … Scheint ein anderer zu sein, deswegen interessiert es mich ja …
so brennend.
Letztendlich zählt doch nur eines … man rauft sich zusammen, lebt auch so, oder eben nicht … ist am Ende wie auf der Arbeit … alles ein einziger Kompromiss … wenn man es schafft, zufrieden zu sein, mit der gegebenen Situation, dann hat man‘s geschafft, glaube ich … muss gleich erst Mal vom unbekannten
Weißwein probieren …