Unten rauschen HVV-Busse vorbei … Schiffe schieben in zweiter Reihe kleine Wellen vor sich her … weiter hinten baumelt die Köhlbrandbrücke in 60 Meter Höher über dem gleichnamigen Seitenarm der Elbe … wie eine bunte Perlenschnur schnaufen Auto’s und LKW’s auf ihr entlang, als hätte die alte
Augsburger Puppenkiste
eine neue Aufführung in Probe … Seit ein paar Tagen bin ich wieder im Norden … heute wollen Kumpel F. und ich uns im „Kick und Company“ treffen … gemütliches los-schüsseln mit knallrotem BMW e30, bei Sonnenschein und sommerlichen 30 Grad, was will ich eigentlich mehr?
Eben …
Habe alle Fenster runtergekurbelt, fühle mich wie Neal Cassidy bei „On the Road“, nur das weder Jack Kerouac, noch Alen Ginsburgh, oder andere mit im Auto sitzen … kann man Autofahren genießen, wo sich da draußen so viele die Köppe einschlagen und für zu wenig Geld unsere teuren Scheiß Kolonialwaren für zu …
wenig Geld herstellen?
Man kann, oder besser gesagt – ich kann! Zwar würde mir Hagen Rether dafür die Ohren langziehen, aber das kompensiere ich mit anderem Verzicht einigermaßen gut, wie ich finde … mit knappen 100 Kilometern pro Stunde trabe ich die A24 Richtung Horner Kreisel … links und rechts rauscht ein grüner Film von
großen alten Bäumen
an mir vorbei, dazwischen eingebettet, eingesäumt dies ebenfalls alte zweispurige Band aus Asphalt, das Berlin mit Hamburg verbindet … Porsches, dicke BMW’s und Audi’s fliegen an mir vorbei, selbst an Samstagen scheinen die Deutschen Termine zu haben … Autos! Immer noch des Deutschen liebsten Kind, auch
der Deutschin !
Heute fließt alles smooth und fein … während der Arbeitswochen jedoch? Du meine Güte, wie soll man es anders erklären, als mit dem Ausdruck „Dauerverstopfung“ … egal wann und wo, ständig herrscht Stau, man kriegt Pelz auf der Zunge, alleine schon beim Wort … bei der Landung letzte Woche, sah man es von oben:
Hamburg ist dicht!
Alle Straßen voller Fahrzeuge … alle Autobahnen verstopft … ständig sperrt man Elbtunnel, Autobahnen und Hauptverkehrsadern – noch dazu gleichzeitig … natürlich hab ich keine Ahnung, warum und wieso, weswegen mir nur Wundern und Staunen übrigbleibt … rolle weiter Richtung
Hamburger Hafen.
Unglaubliche Menschenmassen … Hamburg, die Touristenattraktion, besonders Elbe und Hafen, immer brennt hier der Block, selbst im Winter … mein rotes Coupé und ich schaukeln weiter Richtung Ottensen, immer entlang der Elbe, abertausende Bilder und Erinnerungen liegen in meinem Kopf wie
verschachteltes Laub
übereinander … Partystimmung die mich irgendwie an Ballermann erinnert … ständig sausen lautaufheulende Autos an mir vorbei, oder entgegen … Straßen – Laufstege der Eitelkeit … sehen und gesehen werden, Prêt-à-Porter … fehlt nur noch Karl, der ist jedoch im wohlverdienten Urlaub … dann in der Palmaille, Ecke …
Max-Brauer-Allee
parke ich vor großbürgerlichen Prachtbauten aus dem späten 19. Und frühen 20.Jahrhundert … habe noch ein paar Minuten, schlendere zum Altonaer Balkon … Open-Air-Music, überall liegen Menschen auf dem Rasen, picknicken, essen, trinken, lachen, plaudern, genießen dies seltene, fast tropisch-feuchte …
sonnige Wetter,
welch Idylle … Sonne, Wärme, warme romantisch-verklärte Erinnerungen, alte Heimat, Freunde, Freundinnen, ein buntes Kuddelmuddel, Verstopfung auch in unseren Köpfen … und es wird immer mehr und mehr … immer mehr vergisst man, wie Kleidungsstücke in unseren Schränken, längst vergessen, verdrängt, weswegen man alles
drei-und-zwanzigmal kauft.
Wirbelschleppen, die sich vermischen, Farben und Formen verändern, Wolken bilden, dichter und dichter werdend, bis sie sich regenschwanger abregnen, oder zusammenkrachen, mit lautem Donner, so wie wir, die sich ihren Weg genauso verzweifelt hindurchbahnen, wie die
ersten Menschen,
die vor wilden Tieren und schlechtem Wetter flüchten … Darwin schlägt Kant … Steinzeitmenschen mit Smartphone und KI im Ohr … Schreiben als Lebenstherapie, wohin mit all den Gedanken und Ideen, den Sehnsüchten, Wünschen und Hoffnungen … Auch hier in Ottensen gilt‘s:
„Alles Baustelle!“
Ich stapfe über die völlig aufgerissene Elbchaussee … blank, bis auf die Knochen liegt sie da, mit all ihren offenen Wunden … stapfe hinüber, schwebe über den Kopfsteinpflasterrücken vom Klopstockplatz … Kumpel F. wartet schon vorm „Kick und Company“ … schon pflanzen wir uns draußen ein, bestellen …
Frischgezapftes … „Hast du schon gehört, wie“ … wir legen sofort los, ohne Anlauf, Arschbombe vom Zehner … „Nein, wirklich? So eine Unverfrorenheit, als hätte die Welt nichts besseres“ wir lassen laufen … springen von einem Thema zum anderen … was wir beide nie wahrhaben wollten geschieht letztlich doch:
Man sortiert aus,
oder das Leben tut es … längst sind unsere Zündschnüre kurz und feucht geworden, wie schnell man Interesse verliert, wie man sich zusammenreißen, konzentrieren muss, wie man keine Lust mehr hat, alles zu erklären, dass man, dass ich merke, wie ich keine Lust habe, ständig, wieder udn wieder die innere
Spannkraft
zu bemühen, sie nicht mehr mit der Gießkanne zu verteilen, alles und jeden mit seiner Leidenschaft seinem manischen Wahn zu überziehen, bis man seinen Kropf leer ausgewischt hat und wortlos in der Ecke sitzen bleibt und schweigt, bis das Glas wieder leer ist, man ein Neues bekommt, weitertrinkt
und weiterschweigt.
Wir plaudern über Brüder und Ältern, wie die Ältern älter werden, wie sie uns den Spiegel vorhalten, uns zum Grübeln bringen, uns zum Nachdenken und was nicht alles, und so weiter, Leben eben … Mal kriegen wir den Griff dran, mal nicht … „noch mal das Selbe“ … es geht immer weiter, heute jedoch nicht!
König Fußball
hält die Welt im Atem … So wussten alle Kneipen ohne Fernseher, was auf sie zukommt … gegen halb neun geht es in die Traube, Hamburgs älteste Weinstube … feinste Tropfen hoffen wir zu genießen … freudiges Studieren der Weinkarte … „Was? Wie? Rosé aus Agde? Muss
ich haben – sofort“
Draußensitzen in Ottensen bei 25 Grad, keine Ahnung wann Kumpel F. und ich das letzte Mal das zusammen erlebt hatten … noch zwei oder drei weitere Gläser probieren wir, bevor ich pflichtbewusst auf ein alkoholfreies Bier wechsle, um im Abklingbecken des vernunftgetriebenen Lebens wieder
fahrtüchtiger
zu werden, wer hätte das gedacht … so klingt kurz vor Mitternacht ein großartiger Abend aus, der noch lange nachhallt, wie etwas, dass man nur selten Gesicht bekommt und wenn nur flüchtig … du kannst dich noch so sehr bemühen, diese großartigen Momente mit Partnerin oder Freunden festhalten zu wollen, sie zu genießen,
ganz bewusst,
im Jetzt, ja, das wollen wir alle, jede Minute auskosten, sie aufsaugen, sie ganz langsam zerkauen, mindestens 100 Mal, bevor wir sie runterschlucken, am besten Widerkäuen, um sie immer wieder, am besten unendlich, „ach wie wäre das schön“ … und doch verrinnen solche raren
Momente
genauso durch unsere Finger, wie die Zeit beim Schlange und Stau stehen … auf Toilette, morgens vorm Spiegel, auf der Arbeit, oder auf dem Sofa … beim Einkaufen, oder Sport machen … immer auf der Hut, jeden Moment als einmalig aufzunehmen, und doch merken wir, wie alles weiterfließt, unaufhörlich
auf ein unbekanntes
Ziel hin …
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