Es war verhext, die Notarin antwortete nicht … Zu Anfang sehr höflich, ja hilfsbereit, man mochte wieder ans Gute glauben, hoch zu den Sternen blicken und das alles, und dann das … kein Anschluss unter dieser Nummer … keine Sprechstunde … ich kapierte es nicht … wieder und wieder las ich erst ihre, dann …
meine mail durch.
Alles okay, alles anständig formuliert … „Bon, c’est comme ca“, sprach ich mein kleines Jasmin-Bäumchen an, „n’est-ce pas?“ … Mein Smartphone vibriert … Zum hundertsten Mal versucht die Telekom mich zu erreichen … „danke für euer Gesprächsangebot – aber nein Danke!“ … Nachdenklich las ich mein Einschreiben …
Solche A4-Briefe
machen mich nervös … Immer denke ich sofort an Staat, Polizei, Steuern, oder anderen unangenehmen Kram … Als lediger kinderloser Kerl gibt es meines Wissens nach keinen / keine da draußen, der Anrecht auf Alimente hat … Hätte jetzt aber auch ausnahmsweise mal schlecht gepasst, wo mein Kontostand nach vielen Jahren mal wieder
echt Mist aussah.
Irgendwie sind mir wie den Polkappen einige Zehntausend Euro abgeschmolzen … Okay, natürlich hilft man Freunden, wenn sie mal Hilfe, gar Geld brauchen und natürlich fordert man das nicht ein … Aber wenn sämtliche deiner Aktien abstürzen, noch dazu der ganze verdammte Kryptoscheiß in die Binsen geht, dann lernst du
eine Sache
ganz ganz schnell: „Spar einfach deine Kohle und leg dir so ein langweiliges, aber sicheres Festgeldkonto zu … hör endlich auf Lotterie zu spielen!“ … Vorsichtig brach ich das Siegel vo diesen sehr dicken Brief auf. „Monsieur, nous vous informons que votre bailleur, la Congretation des Soeurs de la Présentation de la Vierge …“ und so weiter
und so weiter.
Meine lieben Glaubens-Schwestern, meine Vermieterinnen, es sind ja anscheinend mehrere, erklärten mir „en detail“ auf 8 Seiten, welche fundamentalen Umbaumaßnahmen an ihrer / unserer Wohn-Anlage vorgenommen werden sollen … fix die Lesebrille vom Tisch gefischt, wie war das noch gleich? … 27 Monate Bauzeit, wie bitte?
Start Q1-2027.
Wir könnten auch umziehen, wenn der Baulärm stört, man würde uns was anbieten … „Hast du das gehört, Jasmin? rausschmeißen, wollen sie uns, welch Unverfrorenheit! Daher das Einschreiben, damit sie sicher sind, dass“ … Meckernd reiß ich die Faust gegen den Himmel, will im Geiste eine Revolution, ach mehr noch, einen Marsch …
auf die Bastille anzetteln,
wenn die bloß noch da wäre … „so eine Schweinerei, noch dazu 27 Monate, über zwei Jahre, ja hackt’s bei denen?“ Noch immer wartet mein Rallye-Auto auf seinen Verkauf … Und obwohl, „Himmel, Sacra, leckt’s mich am Arsch!“ der Kosmos dort oben unverändert, wie eingefroren ausharrt, unser verzweifeltes menschliches …
Dasein belächelt,
kommt’s mir so vor, als zerbröselt, zerfasert und verwässert hier unten alles, ja, wirklich alles, zu einer farb.- und geschmackslosen Substanz, die im Abfluss der Zeit versickert, als hätte es die Welt, samt Menschheit und all den Elektroautos, Bäumen, Denkmälern, Museen, Regierungen, Gesetzen, Panzern, Atomkraftwerken, Katzen
und Matratzen,
nie gegeben, was mir, der als ständig Suchender herumstreift, so ein brennendes Gefühl, unter den Nägeln, nebst Seele und Geist gibt, als wäre alles ein absurder Dadaistischer Traum, den ich immer weniger kapiere … Oder es ist genauso, wie ich glaube zu träumen, nur entferne ich mich immer weiter von unserer Zivilisation wie ein
außerirdisches Artefakt,
dass dieser merkwürdigen Welt wahrhaftig verloren ging, bevor es überhaupt ankam … Ständig geht mir das so … Immer weniger verstehe ich, was da draußen passiert, von den großen Schweinereien, die in der Welt geschehen, will ich gar nicht reden, nein, Alles da draußen, ist irgendwie übertrieben, zu sehr übers Ziel hinausgeschossen … Ganz
Europa ist verloren
in nationalen Egoismen … jedes Land quakt herum, natürlich auf hohem Niveau, mit jeder aus der Hüfte geschossenen Nachricht in Sozial Media, zerbröckelt ein Stückchen mehr dieser vormaligen Gemeinschaft, weil sich jeder, zutiefst egoistisch, in Szene setzt … Anstatt konstruktiv nach Lösungen
gemeinsam zu suchen,
zeigt man mit Fingern aufeinander, suhlt sich in Vergangenheit und Gegenwart und merkt gar nicht, wie Wirtschaft und Großkapital den Sack zu machen … Aber genug vom Frühschoppen-Gelaber, statt meinen, lasst mich ehrlich sein, Luxusproblemen, eines privilegierten, weißen, blauäugigen, männlichen Europäers nachzugeben, ich möchte auf
keinen Fall
wie die Heulboje vor Helgoland wahrgenommen werden, dessen Verwöhntheit bei alleinerziehenden Müttern und Vätern Würgereize auslöst, als wäre ich eine verweichlichte Prinzessin in Lummerland … „Nein! Auf keinen Fall, kommt nicht in Frage, es ist alles ganz anders!“ … Ich habe nur irgendwie begrenzte Möglichkeiten,
mich auszudrücken.
Mein Kopf hängt mir voller loser Fetzen … Und in Momenten wie jetzt, wie diesen, bekomme ich einen richtigen Rappel, so stark, dass es alle meine Fundamente erschüttert, als würden mich Sonnenwinde, oder die Vorsehung selbst, samt der 12 griechischen Göttern gründlich durchschütteln … „Endlich ist der Sommer gekommen, oder?“, Jasmin hört zu,
gibt aber keinen Mucks von sich … Seit Sommer letzten Jahres läuft sie nun schon, meine Metamorphose, seitdem schreibe ich nicht mehr an meinen aktuellen Büchern … Nur meine täglichen Gedichte kriege ich rausgehauen … alles andere ist auf dem Prüfstand … l’Amour, Schreiberei, Broterwerb noch dazu, bröckelt es auch …
drinnen wie verrückt.
Kaum noch was interessiert mich, wenn ich von Frauen, Essen, Trinken, Sprachen, Schreiben und Büchern absehe … In solchen Situationen mache ich eine Tour … Rauf auf’s Mopped und los geht’s … Richtung Bordeaux, vorbei an der Steppe vom Gers, immer die A62 hochgeschippert … Diesmal jedoch will ich hauptsächlich Landstraße fahren,
Entschleunigung und so,
gemütlich mit meinem Kaltblut durch schöne Landschaften reiten, so mein Plan … Irgendwann hinter Agèn, könnte bei „La Réole“ gewesen sein … runter vom High-Speed-Band, ab in die Landschaft voller Weinreben, die in der Ecke alle ums Überleben kämpfen, so wie wir in Europa, wo sich jetzt die großen drei gegen UN und den Rest zusammengeschlossen haben … Und wirklich:
Zwischen Wein
hindurchzuknattern hat was Meditatives … Ständig will ich anhalten, die Reben anfassen, besonders die Beeren, als würde von ihnen eine große Faszination ausgehen, was in meinem Fall auch stimmt … Ein paar Mal halte ich, mache Fotos, als wäre ich Redakteur beim Merian … Gegen Abend komme ich an … Kumpel K. wartet mit Rosé. Wenn wir
auf Godot warten,
wenn das menschliche Leben absurd und sinnlos ist, dann sollte man es sich wenigstens mit lecker Wein, gutem Essen und l’amour toujour versüßen, bis der letzte Vorhang fällt und uns in der Zwischenzeit, die Bewohner des chaotischen Planeten Erde in … Atem halten. Selbst hier, im Blog, drehe ich immer engere Kreise,
wie jemand,
der den Ausgang nicht findet, oder sich dem Zentrum nähert … Keine Ahnung, was es von beidem ist … Also weitermachen, bis ich aus dem Labyrinth komme, oder zum Zentrum … Und wo genau bitte liegt da überhaupzt der Unterschied?
Erkenne es – und dich selbst …