Freitag der Dreizehnte … Geburtstag von Kumpel F. und Freundin B. … irgendwann nachmittags glaube ich kam mir der Gedanke … Durst und meine Verehrung für Sonne und Leben schmiedeten schnell einen Plan … schon sah mich mein geistiges Auge Bier trinkend in der Sonne sitzen … und genau
So geschah es.
Schnur stracks schlenderte ich irgendwann los … Mein Ziel? So klar wie Kloßbrühe … Nirgendwo gibt es so lange Sonne, wie am Schambein von Toulouse, Ecke Place du Pont Neuf und Pont Neuf selbst … Auch die legendäre Bar dort auf der Ecke, mit seiner Terrasse direkt auf’m Trottoire …
„JA, SO MUSS DAS“,
dachte ich mir … Und so geschah es … und siehe da, die Griechischen Göttern sahen das es gut war und so war es – wirklich gut … Sämtliche Gedanken, vor Allem diese anstrengenden und lästigen hausgemachten Imperative, sie alle verstaute ich in all meinen geistigen Schränke … herrlich, diese seltene Ruhe im sonst so hektischen
Gedächtnispalast.
Smartphone auf lautlos, vibrationslos gestellt … Kumpel J. ist mittlerweile auch wieder aus Japan zurück … auch er fand die Idee ansprechend … und so geschah es, zeitgleich kamen wir an … zwei Pils wurden gebracht … und tatsächlich, geschafft, wir saßen in der herrlichen Sonne … um uns herum strömte farbenfroh
das Leben.
Autos, Busse, Lieferwagen strömten aus allen Ecken … kamen immer wieder ins Stocken, schoben sich gegenseitig an … ruckelten Zentimeter für Zentimeter, dazwischen quietschende Reifen ungeduldiger Hitzköpfe … Fußgänger, Fahrräder und Motorräder wuselten um die Blechlawinen herum, immer
nur um Haaresbreite,
an Kollisionen vorbei schrammend … wie durch ein Wunder passierte – nichts – alles geschah wie von Geisterhand … es kam mir vor wie ein Wunder … ein vermeintlich chaotischer Schwarm, der keine Ahnung hat warum er unfallfrei wächst, anschwillt, pulsiert, der nichts von seiner Existenz weiß, und genau nur
darum funktioniert.
„No mais, écoute moi …“ Immer wieder aufschnappen von Wort und Satzfetzen … „Oui, deux, pareille, merci“ … Brocken von Gesprächen … am Horizont steigen Flugzeuge in den Himmel … während die altehrwürdige Pont Neuf, all das, und noch mehr, über ihren alten gebeugten
Rücken rollen lässt.
Geruch von Abgasen … hier und da blühen Mimosas … im Wind wiegende Platanen … Blätter von kleinen Rhododendren, in rechteckige Blumentöpfe gesteckt, kitzeln meine Ohren … „Und ? Was hat sich geändert in der Zwischenzeit“ … will Kumpel J. wissen … während die Chefin der Bar, genauso um uns
herumwuselt,
wie Verkehr, Menschen und Leben … plötzlich merke ich, wie sich mein Sichtfeld erweitert, wie es wie von alleine magisch auf „weit“ stellt … langsam wird sämtlicher Fokus herausgenommen, als würde ich aus einem Fenster schauen, dem bunten Treiben zusehen … ohne zu denken, nur beobachtend, aufmerksam
konstatierend.
„Ja, so ist es …“ oder so ähnlich … alles geschieht, bewegt sich gleichzeitig … so auch sämtliche Geräusche dazu … Taubengurren, quietschende Reifen und Bremsen von Fahrrädern, Wortfetzen, Wind fährt durch Rhododendren, und Bäume … trötende Polizeiwagen, die mit Blaulichtern vorbeipreschen … trappelnde
Füße und Pfoten,
donnernde Triebwerke am Horizont … Lachen, Pöbeln, dazwischen Seufzen, Tauben gurren und Singvögel, die für Sekunden trällernd hervorstrahlen, wenn Inseln der Stille blitzartig auftauchen und genauso schnell wieder verschwinden, wie Atlantis, oder meine gestrigen Gedanken, von denen ich …
keinen erinnere.
Alles geschieht gleichzeitig, während ich … bequem in der Sonne, vor der Pont Neuf sitze … auf einem Korbstuhl, daneben Kumpel J. … zwischen uns zwei kalte Bier auf dem Tisch … meine Hände und Arme auf Beinen und Tisch ruhend … kein Gefühl von Kälte, oder Wärme, alles genau richtig,
einfach perfekt,
als hätte es ein alter Meister, von langer Hand geplant und gemalt … keine Schmerzen, oder Wehwehchen … nur ein wohliges, angenehmes Gefühl … von den Fußspitzen bis in den Finger hinein … und jetzt, auch das noch … schon schiebt sich die Sonne an der letzten Platane vorbei … jetzt strömt sie direkt auf uns
hernieder,
als hätten kosmische Kräfte eine magische Symphonie begonnen, bei der ich, völlig ungeplant, Teil von geworden bin … für diesen einen Moment im Jetzt … während die Garonne unter der Pont Neuf hindurchfließt, auf ihrem Weg nach Bordeaux … vorbei an Moissac, Agèn, Marmande und Langon …
reinste Magie!
Alles geschieht flott, fast schnell und doch langsam zugleich … mir erscheint es, wie ein gewaltiges Getriebe, jeder Mensch, jedes Wesen, jeder Stein, jeder Gegenstand, jede Wolke mit eindeutiger Bestimmung und Funktion … man kann es nicht wirklich fassen, greifen und beschreiben … aber es ist ganz eindeutig da,
vor meinen Augen,
hier, jetzt geschieht es … jedes Ding mit seiner Rolle und Aufgabe … welch Meisterwerk … wie alles so vor sich hin wabert, unaufgeregt – geschieht … selbst meine Gedanken, die von Zeit zu Zeit, hier und dort aus Ecken, Schubladen und dunklen Kammern hervorspringen, wie bunte Kobolde, oder
betrunkene Satyre,
selbst sie, sind Teil davon … und fügen sich ganz harmonisch ein, in diese magisch-mystische Komposition … dann und wann höre ich mich sprechen … manchmal leise zu mir selbst, dann wieder zu, mit meinem Kumpel J. … wir segeln auf dem Strom der Zeit … nie tauchen wir in ihn ein, nie sind wir Teil seiner
natürlichen Architektur,
stattdessen surfen wir auf der Zeit nur herum … bis wir wieder an Land, irgendwo vor Anker gehen und wieder alles still steht, unbeweglich … weil wir wieder meinen eingreifen zu können, müssen … aus uns teils unbekannten Gründen … nur, weil wir es gewohnt sind … weil man uns, wir so aufgezogen worden sind,
mit besten Absichten,
natürlich, selbstverständlich … Gefangene der Vergangenheit … unfähig die Gegenwart, das Jetzt zu berühren, nur in solch seltenen magischen Momenten, wo wir unaufgeregt verweilen, dem Wu-Wei, dem Müßiggang frönen, uns versuchen natürlich in alles einzufügen, bis unsere Imperative wieder zum Angriff blasen und uns in …
Aufregung, Aufruhr
und Schlimmeres versetzen … „da sind sie! sieh nur da vorne stehen sie!“ … ganz deutlich sehe ich sie dort vor mir im prallen, bereits langsam schwächer werdenden Sonnenlicht stehen … jene drei dunklen, schattigen Musketiere, die mich ständig versuchen anzutreiben … mich vor sich herscheuchen, mit ihren Mistforken, dem bösen und
lautem Lachen,
die alle drei, so außergewöhnlich geschickt und geübt mit der Peitsche knallen … bravourös auf meiner Tastatur, Klaviatur herumklimpern, immer, am Liebsten den Knopf „Autopilot“ drückend, bis ich bemerke, nicht mehr selber hinterm Lenkrad zu sitzen, wenn sie wieder Wort.- und Rädelsführer sind … mit ihrem ständigen
Müssen, Sollen und Dürfen …