Wind pfeift Ohren betäubend … Landschaften sausen vorbei … erzeugen beim Hinsehen ein sich ständig veränderndes Bild mit Wischtechnik aus Feldern, Bäumen, Sträuchern, Weinreben, ansehnlichen Chateaus und langsam verfallenden Häusern … es ist kein Bus, oder Zug,
sondern mein Motorrad,
an dem ich mich festhalte … Gedanken versuchen um Themen zu kreisen, legen, verziehen sich aber immer wieder, nach nur wenigen Sekunden in ihren Ecken, aus denen sie kamen … Sonne, Himmel und der lärmende Sturm, der um meinen Helm herumbraust, sorgen zum Ausgleich für totale Stille,
in mir drinnen.
Wochenende in Bordeaux, so meine spontane Idee … im Eilzugtempos sause ich über die A62 von Toulouse Richtung Bordeaux … irgendwo in der Mitte hinter Agèn, so meine Idee, wollte ich in Vianne Halt machen, ein völlig mittelalterliches Dörfchen, das aus der Zeit gefallen scheint … Bilder von Salaten mit einem
Glas Rosé,
kommen mir in den Sinn … 50 Kilometer später, fahre ich von der Autobahn runter … langsam schraube ich mich durch ein paar kleine Dörfer … überall blüht es, duftet umwerfend … immer wieder knallen mir Insekten an den Helm, den ich immer wieder optimistisch aufklappe … endlich komme ich an,
habe Hunger und Durst.
„Tut mir leid, aber jetzt hat unsere Küche geschlossen“ … ich ahnte schon, dass die eiserne französische Regel auch Freitags gilt … rote zufriedene Gesichter, leuchten mich von der Terrasse an, man döst, trinkt, raucht, plaudert, feiert das Leben … diesmal jedoch ohne mich … fix schwinge ich mich wieder auf mein
Pferd,
gebe ihm die Sporen, gleite über die sattgrünen hügeligen Landschaften der Gascogne, wieder Richtung Autobahn … weiter geht es im Eilzugtempo … wieder saugt der tosende Sturm die Landschaft auf … ein kurzer Zwischenhalt für ein flottes Hotdog an einer Autobahnraststätte soll meinen Hunger besänftigen … dann geht es
weiter.
Gegen frühem Abend komme ich in Saint German du Puch an … Kumpel K. wartet schon, dass nenne ich einen tollen Empfang … „Herzlich willkommen“ … schon hab ich ein Glas Bier in die Hand … „Santé“ … und es geht weiter … „Unsere Freunde JM und P. kommen heute zum
Abendessen“
Ein neuer Morgen nach langer Sitzung bis zwei Uhr nachts … nach dem Frühstück schlägt K. vor eine gemeinsame Fahrt mit dem Boot über die Garonne zu machen, Ziel – irgendeine Bar, oder Restaurant … welch großartige Idee, find ich, habe so etwas hier in Bordeaux doch noch nie gemacht … eine Stunde später, wir besteigen
das Boot,
fahren mit der ersten Linie bis ins Zentrum, von da aus weiter, mit einer anderen, bis an die Endstation … eine Stunde auf dem Wasser, bei prallem Sonnenschein, was will man mehr … während der Bootsfahrt kommen mir viele Gedanken … Bordeaux und die sterbende Weinwirtschaft, ein Trauerspiel
ohne Gleichen.
Ungezählte Berge rausgerissener Weinreben, trieben mir auf dem Weg zur Stadt Tränen in die Augen … immer mehr brachliegende Flächen … keine Ahnung, wie viele Winzer bereits pleite gemacht haben … wie viele ihr Land eingeebnet haben, nach Jahrzehnten, zum Teil Jahrhunderten
von Erfolg
gekrönten Jahren … nun der Niedergang, „so ganz nebenbei“, dachte ich mir, „während man den Wetterbericht ließt“ … oder vom Heck der elektrisch betriebenen Fähre zuschaut, wie die Silhouette von Bordeaux kleiner und kleiner wird … „Warum ist diese Entwicklung so drastisch?“
Kumpel K.
löchre ich nach Leibeskräften … mir will das nicht in den Kopf gehen, warum die Franzosen plötzlich, aus dem Nichts heraus 40% weniger Wein trinken … sowas kommt doch nicht von alleine, gar über Nacht, denke ich … „Wie immer handelt es sich um eine Verkettung vieler Umstände und natürlich vieler ungünstiger
Entscheidungen“,
so beginnt K. … „welchen Anteil die mangelnde Kreativität im Marketing, im Erneuern, oder entwickeln neuer junger frischer Weine hat, nehm doch zum Beispiel mal die Flaschen und ihre Etiketten, die zum Teil aussehen wie aus den 80igern … oder die immer gleichen glattgebürsteten Weine, die sich gegen die wilden Weine aus dem
Südosten
Frankreichs nur schwer behaupten können, weil La Clape, Minervois, Corbière, Terrasse-du-Larzac und Côtes du Rhone längst viel spannendere Tropfen erzeugen, zum Teil für weniger Geld“ … neugierig sauge ich alles auf, was mein Kumpel erzählt … ständig denkt mein
Bewusstsein
An Wörter wie „ewig gestrig“ oder „konservativ“, oder „festhalten / festklammern“ an Altem und vormals Altbewährtem, was offensichtlich heute nicht mehr gilt … Anpassungsfähigkeit, Klimawandel, veränderter Durst, Appetit des Kunden … während ich zuhöre, staune und wieder
die Garonne
entlang sehe, verschwindet auch das Wein-Museum, als Wink mit dem Zaunpfahl mit seiner einmaligen Architektur vom Horizont … seit das Museum da ist, geht es bergab mit der Bordeaux-Wein, welch merkwürdiger Zufall, „als wär‘s der Totengräber“, denke ich mir … natürlich gibt es auch noch …
Top-Weine,
ohne Frage … im Medoc, quasi auf der linken Seite vom Fluss, gibt es immer noch exzellente Lagen wie Medoc-Listrac und viele mehr … ob die mit Ähnlichem zu kämpfen haben? Keine Ahnung … Irgendwann kommen wir an der Endstation an … Hunger und Durst lässt uns bei einem
Restaurant einkehren.
„Moules frites und eine Flasche Weißwein“ bestellen wir … Muscheln und Wein sind exzellent, Kumpel K. und ich seufzen um die Wette, plaudern über Bordeaux-Wein und die noch komplexere Geopolitische Großlage der Welt, die einem zuweilen den Appetit verderben kann, wenn ich ehrlich bin …
Immer wieder
Blicke ich zur Garonne, die keine 20 Meter von uns vorbeifließt … „merkwürdige Zeiten“, stimmen wir in eine Art Betroffenheitschor ein, tun der Sache, werden ihr dennoch nicht gerecht … zu komplex, zu verworren, noch dazu zu viele Faktoren, die sich nicht greifen lassen, geschweige in ein Gesamtbild integrieren lassen …
keine Chance,
ein Bild der Wahrheit, ein Verständnis für Wirklichkeit zu entwickeln … denn, dass muss man auch sagen, es gibt immer noch Winzer, die ihren Wein mühelos loswerden … was also unterscheidet sie von jenen, mit weniger Erfolg? Wir reden über Qualität, Alleinstellungsmerkmale, Charakter und
vieles mehr.
K. führt seine Gedanken zu Bordeaux noch weiter aus … neugierig lausche ich, sehe die Wolken über uns hinwegziehen, das Wasser der Garonne vorbeifließen, höre dem bunten Erklärungs-Stroms meines Kumpels zu, schaue auf die Uhr, wundere mich, wie langsam die Zeit heute vergeht, wo sie doch
sonst zu schnell,
wie Sand durch unsere Finger rinnt … Gedanken an Wasser, dass nur einmal vorbeifließt, nie zwei.- gar mehrmals … an Wolkenkonstellationen, die sich nie wiederholen, die in jeder Sekunde einmalig sind, es für immer bleiben … Bäume, Pflanzen, natürlich gewachsen, sie alle sind Unikate und werden es
immer bleiben.
Trauer durchfährt, erfüllt mich plötzlich, als hätte sich etwas in mir von etwas anderem verabschiedet, für immer losgelassen … „Leinen los“, sage ich flüsternd, wieder hinein, in den Strom der Zeit, in den Fluss des Geschehens, mit seinen vielen unbekannten Möglichkeiten, „genau dort hinten, am …
unbekannten, weiten Horizont …“