„Konfuzius hat mal die Geschichte vom alten Baum erzählt, der“ … so ähnlich fing das Buch an … es könnte auch Laotse, oder Zhuangzi gewesen ein … irgendein Weiser, mit langen weißen Haaren … so schrieb ich, während meine zwei Smartphones im Dauerfeuer eingehender Nachrichten
Leuchteten, brannten,
wie Christbaumkugeln der freien jüdischen Gemeinde in Bautzen am 20.April, oder wie bombardierte Gebäude in Teheran in den letzten Februar-Tagen 2026 … „Meister Bo Ziqui ging in den Bergen spazieren, als er einen großen, sonderbaren Baum erblickte … hunderte Tiere und Menschen fanden unter ihm
Schatten und Schutz.
Als er aber noch oben blickte, sah er nur dünne Äste, krumm und verwachsen, aus denen man keine Balken schlagen konnte … als er nach unten blickte, sah er, dass viele seiner großen Wurzeln gespalten waren, so dass man nicht mal Särge daraus hätte zimmern können … und als er ein schön geformtes Blatt kostete, schmeckte es …
ganz scheußlich,
sehr beißend scharf, sein Mund fühlte sich sofort wund und unangenehm an … und nachdem er daran roch, bekam Meister Bo Ziqi drei Tage lang Kopfschmerzen … einige Tage lang grübelte er über diesen merkwürdigen Baum nach, dann sprach Meister Ziqi: Das Holz von diesem Baum ist wirklich …
vollkommen nutzlos,
daher konnte er so groß werden … Ach, der geistige Mensch sollte aus solch nutzlosem Holz gemacht sein!“ … Im Staate Song gibt es einen Bezirk mit Namen Jing, wo Eukalyptos, Zypressen und Maulbeerbäume gedeihen … Bäume, die nur Armlängen hoch geworden sind, werden geschlagen, um sie als Stäbe für
Affenkäfige zu nutzen.
Bäume mit drei oder vier Spannen Umfang werden für prächtige Dachbalken geschlagen … Bäume mit sieben oder acht Spannen im Umfang, werden von Edelleuten und reichen Händlern geschlagen, um daraus schöne, auf ewig in Erinnerung bleibende Särge zu zimmern … daher haben sie ihre natürliche Lebenszeit gar nicht ganz
ausgeschöpft
und sind schon nach ihrer halben Zeit, im besten Alter unter Axt und Motorsäge gekommen … ihre Nützlichkeit brachten ihnen allen Unheil und großes Unglück!“ … ich klappte das Buch zu, dessen Namen ich gerade jetzt vergessen, nicht erinnern kann … draußen blüht in unserem Innenhof absichtslos munter und fröhlich,
unsere Magnolie.
Ein paar Spatzen, Drosseln und Amseln sitzen zwitschernd auf ihr … Tauben gurren am Boden herum, suchen pickend nach Essbarem … Wind streicht durch ihre Äste … wie jedes Jahr liegen bereits erste Blütenblätter am Boden … zwei rote Katzen sitzen in den Fenstern gegenüber, beobachten mich neugierig, so wie ich sie … hin und wieder
strecken und recken sie sich,
beobachten zwischendurch die weit entfernten, für sie unerreichbaren Vögel … weiße Wolken ziehen langsam wie große Watteberge vorüber … mein Radio spielt France Radio „Zen Piano“ … ich denke an den knorrigen verwachsenen alten Baum … an seine Nutzlosigkeit … und sehe immer mehr und mehr Nachrichten bei
den zwei Smartphones
reinrieseln, sie flimmern wie die Anzeige der Flugauskunft der Lufthansa am Flughafen Hamburg Fuhlsbüttel zum Streiktag der Piloten und des Kabinenpersonals … lächelnd drehe ich die digitalen Störenfriede um, so dass ihre hektischen Anzeigen das helle Kiefernholz meines Tisches erweichen können,
statt mich
und meine Aufmerksamkeit zu parasitieren und imperieren … eine durch und durch friedliche Stimmung erfüllt mich, beim betrachten der Magnolie … langsam stehe ich auf, ziehe mir Schuhe an und gehe raus an die Luft … welch ein Wetter, was ein magischer Moment … nehme mir vor in den Park
zu gehen.
Möchte ein paar alte Bäume besuchen, die mir schon seit Jahren gefallen … und nicht nur das, ein paar von ihnen strahlen solche Ruhe und Gelassenheit aus, dass mir nicht selten, die Worte ausbleiben, als wohltuender Gegensatz der hektischen digitalen Welt, deren fieberhaftes Zucken, ihre ewigen
Wehen,
einem wenig Wohltuendes schenkt, als hin und wieder Fotos und Kurz-Nachrichten, dessen Absichten ich genauso ins Leere laufen lasse, wie ihre Qualität und die vielen Meinungen, die sich mir dort offen, oder versteckt aufdrängen … Nutzlosigkeit als Absicht, als leuchtender spiritueller Pfad … schon die alten
Hellenen
sprachen davon … zur gleichen Zeit wie Zhuangzi, Laotse und Konfuzius … merkwürdig, welch Zufall … ich nehme mir vor, meinen geistigen Salon und Flur noch weiter auszukehren … raus mit dem ganzen Getue, dem sich Gebären, der Schauspielerei, als wäre man Erdmittelpunkt und Erdachsen-Verbieger, gar König eines eben solchen …
1000 jährigen Reiches,
hinfort mit dem vielen „wollen, sollen und müssen“ … gehe, scher dich zum Donnerdrummel, du egoistisches „ICH“ … das Arthur Rimbaud schon vor 100 Jahren zu Recht als „Ich, ist jemand anderes“ regelmäßig zu schelten gelobte, nicht nur als rhetorisch-kokettierendes Augenzwinkern mit seinem Freund und Lover
Paul Verlaine,
sondern durchaus bitter-ernst gemeint … Frühjahrsputz, ein schönes Wort … so wie jede Doppel.- und Dreifachdeutigkeit, um letztlich doch wieder auf das einfache, wenngleich magische, heutzutage fast unmöglich gewordene „aktives nicht eingreifen“ zurückzukommen … „Wu-Wei“ im Daoismus … wären da nicht die vielen
Gierigen und Mächtigen,
die sich heute, wie auch damals schon, sämtliche Haare raufen und ihren Weg aus dem selbst erschaffenen Labyrinth nicht hinausfinden … meiner Magnolie in unserem Innenhof ist das herzlich egal, wie viele Fensterscheiben in Caracas, Teheran, Dubai, Damaskus oder Kiew kaputt gehen …
sie blüht trotzig vor sich hin.
Sie und die Bäume im nahen Park, drücken keine roten Knöpfe … sie bauen keine Drohnen, kennen weder Freund noch Feind … sie sind wie der alte Baum in der Geschichte von Meister Ziqui … Endlich angekommen im Park … sieh nur, da stehen sie … alt, erhaben und ehrwürdig …
Welch Anblick …
Welch …