Norddeutschland … Landschaft der Teutonen, Langobarden, Normannen, Wikinger, Germanen und Preußen … in meinem Kopf tobt der übliche Hurricane … Monsieur Thalamus wirbelt herum, hat alle Hände voll zu tun … Ende eines Zyklus, wenn Teile meines „Ich’s“ nebst dem ganzen Rest an spirituelle
Numerologie
zu glauben wünscht … wenngleich ich Arthur Rimbaud zustimme, seine, gleiche Meinung vertrete „Ich, ist jemand anders!“, was alle Glaubensfragen „ad-absurdum“ führt … Zurzeit fliegen – ungewöhnlich viele, wie überraschend anhaltend – Fragezeichen in meinem Kopf herum … Schön, festzustellen, dass es mich auch heute eher
erheitert,
anstatt beunruhigt … In Zeiten, wo die Lebenszeit minutiös auf Erfolg, Zielerreichung und Effizienz-Maximierung ausgerichtet ist, wo Freunde, sowie meine lieben Mitmenschen sich unwohl fühlen, wenn es vage, unklare Aussichten gibt … besser noch, unbekannte, vielleicht daher gefühlt eine unsichere
Zukunft zu erwarten ist.
In Zeiten wie den heutigen, erscheint mir mein eigenes unaufgeregtes Zurücklehnen mit positiven Gedanken wie „2026 wird spannend, neu und anders“ … (was rheinischen Frohnaturen ebenfalls gut zu Gesicht stehen würde; was genau ist da los; warum bin ich so unaufgeregt) … wie ein, ja wirklich …
rettender Leuchtturm.
Warum bin ich so gut gelaunt, während draußen mehr, statt weniger Dunkelheit erwartet wird? … Warum geht‘s mir also genau entgegengesetzt? … Bin ich nicht mehr ganz bei Trost? … Schnappe ich über? … Blende ich die Wirklichkeit aus, um mir keine Gedanken machen zu müssen, mache es gar
Pipi Langstrumpf nach
und male mir die Welt, wie sie mir gefällt? … Und wenn – ja – wäre das falsch? … Mein Kumpel F. und ich diskutieren gerade viel über genau dies Thema: Wie geht es der Bohème? … Hat der Kapitalismus gewonnen? Vielleicht sogar, weil er keine Gegner mehr hat? … Wieviel Einfluss haben Politiker heutzutage, wenn man von
Don Blondi absieht?
Wie sehr können sie das Kapital und seine Schachzüge, auf ein moralisches und menschliches Maß einhegen, hier und da zurechtstutzen? … Davon ausgehend, dass sie das zum Wohle der Bürger und Wähler auch wollen … Irgendwie habe ich über all die Jahre nicht bemerkt, dass ich …
vermutlich selber,
zur Bohème zähle … Sollte die Definition heute noch Gültigkeit haben, wie die letzten 100 Jahre, dass die Bohème ein bürgerliches Leben ablehnt … was auch immer, wie auch immer man das auch mit Leben fühlt, für sich ausrollt und interpretiert … wenn wir als nacktes Fundament die Grundhaltung
der Bohème
so festlegen, dass man sein Leben nicht in erster Linie nur Arbeit und Karriere unterordnet, sondern im Gegenteil, Nischen besetzt, in denen man genügend Freiraum findet, um Mensch zu sein, einschließlich der daraus resultierenden Inspiration und kreativer Schaffenskraft, was die …
Bohème
damit automatisch zum kulturellen Groß.- Haus.- und Hoflieferanten der gesamten Bourgeoisie, nebst Volk macht … inklusive, hier und da, als Gegenspieler, Gegengewicht von Macht und Oligarchen, sprich dem Großkapital fungiert, weswegen die Bohème hauptsächlich linke Gedanken, zum Teil …
kommunistische Utopien,
als erstrebenswert propagiert, obwohl sie weiß, dass es in der Realität natürliche Grenzen gibt … Wenn die Bohème so verstanden wird, dann sind Kumpel F. und ich Teil davon … Allerdings beobachten wir immer öfter und stärker, dass alle Freiräume und Nischen weniger, immer kleiner werden.
Wir sind in Gefahr!
Politik und Kapitalismus sind die Hauptgegner der Bohème geworden, was ein beeindruckend reichhaltiger Aufsatz von Diedrich Diedrichsen skizziert und analysiert … Zwar hat es bereits Gegenreaktionen wie z.bsp. von Boris Pofalla von der Welt gegeben, dessen Beitrag sich ebenfalls ganz gut zum Thema lesen lässt,
des Wurzels Übel
packen sie jedoch nicht an … Beide Beobachter beziehen gut argumentierte Stellungen, DD besonders, da er die Thematik bereits viel Jahrzehnte beobachtet und mit einem gewaltigen Wort.- und Wissensschatz daherkommt … Auch beleuchten beide den Abgesang der Bohème wenngleich zwar unterschiedlich,
aber durchaus treffend,
was mich dennoch nicht davon abhält, mit mächtig Wut in die Luft zu gehen! … Es ist letztlich so, wie wenn man mit einem Plattfuß auf dem Gipfel der noch befahrbaren Köhlbrandbrücke steht, den ADAC anruft, der sofort gelbe Engel ausrücken lässt, jedoch, ganz anders als früher, mit Werkstattwagen, er dir einen gelben …
buntbedruckten Bus
vorbeischickt, einem Party-Bus nicht unähnlich … aus dem acht Experten aussteigen und die Situation von Fahrer und Auto analysieren, um nach reichlichen Überlegungen zum Schluss zu kommen, dass man es hier mit einem ungeplanten plötzlichen Luftverlust im Reifen hinten rechts …
zu tun zu hat,
womit die analytische Arbeit vollbracht ist, wenngleich ohne auf die Idee gekommen zu sein, den platten Reifen gegen einen Heilen zu tauschen … Ursache und Wirkung … Entscheidende Frage ist doch in Wahrheit: das WARUM! Warum sind Politik und Kapitalismus Totengräber der Bohème?
Also, dass WAS ist geklärt.
Auf die bohrende Frage hat Diedrichsen eine profunde Antwort gefunden, mit der wir alle, mehr oder weniger leben können und müssen … Jedoch bleibt das WARUM ungeklärt … WARUM erschweren Politik und Kapitalismus immer mehr das Überleben der Bohème?
Warum?
Für mein Dafürhalten, samt aller Beobachtungen, mögen die Verantwortlichen durch meine preußischen Charakterzüge, ähnlich wie bei einer Treibjagd sich hoffentlich aufgescheucht fühlen … ja, diese Naivität und Utopie trage ich immer noch in mir … Wir alle sind es … Ja, genau:
WIR ALLE !
Jeder Bürger, jeder Konsument, Kunde, der aktiv, oder passiv … direkt, oder indirekt … Kritik und Zweifel weiter und weiter runterfährt, wer immer mehr, statt weniger bei Amazon kauft, statt beim Fachhändler nebenan, dessen Arbeitsplatz man damit absichert … so wie die Gemüsefrau auf meinem …
Markt von nebenan,
anstatt alles beim Supermarkt zu kaufen, weil Geiz eben immer noch geil ist … wenn der kulturelle Tiefflug so weitergeht wie bisher, dann heißt‘s – Bauchlandung, Houston! Lasen vor 40 Jahren alle meine Freunde Bücher und Zeitungen, halbierte sich die Zahl bereits zehn Jahre später.
Wiedervereinigung
und die völlige Entfesselung vomHeuschrecken-Kapitalismus, frei von jeglicher Ethik und Moral, sorgten gemeinsam für eine derartige hemmungslose Goldgräberstimmung, dass die Bohème zwar Rückenwind bekam, man denke nur an die vielen Möglichkeiten, die in Berlin entstanden.
Zur gleichen Zeit aber,
wurde Mordor und das „Orktum“ in jedem Einzelnen geweckt, dabei sein zu wollen … Statt Bücher zu lesen, wuchsen die Plasma-Bildschirme ins unermessliche … Neuwagen stapeln sich bis heute am Straßenrand … Bald gesellten sich Wohnmobile und Motorräder, die neuen Fetische dazu, ganz besonders nach Corona / Covid19.
Besitz und Eigentum,
die neue Religion, während eine ahnungslose Bohème sich sicher fühlte, da man seine Kunst zumindest in den kleinen Ökosystemen verkaufen, oder verschenken konnte … Immerhin bekam man Ansehen und Bewunderung, das einzig wahre kosmische Gazoline der Bohème. Doch wir
konsumsüchtigen
Bürgerinnen und Bürger kauften sich unterdessen Tablets … Buchdruckereien gingen pleite, das Buch an sich rutschte in die Krise, in genau jene hineingeschubst von jenen, die von sich behaupten, kulturschaffend, oder zumindest kulturell gebildet, wenn nicht gar …
intellektuell beschlagen zu sein.
Aus interessierten Lesern, Besuchern von Kunstausstellungen und Konzerten wurden Besitzer moderner Unterhaltungsindustrie, Grillmeister und Autosammler, die sich immer öfter in ihren neuen Nischen mit gleichgesinnten Treffen, während man als Bohèmien der Clique sprachlos …
zusieht und bemerkt,
dass man weder Zutritt, noch Zugang hat, weil man nicht nur die vielen anderen Dinge nicht nur nicht mitgemacht, sondern schlichtweg nicht mitreden kann … sei es aus Desinteresse, oder wütendem Verharren an Bohème Werten, frei nach dem Motto: Ihr kriegt mich nicht, auf keinen Fall ! … Ein wenig komme ich mir vor, wie der Eisbär, der auf seiner schmelzenden Scholle sitzt und zusehen muss, wie seine Eiswelt kleiner und kleiner wird, sich aber niemand anschickt, etwas dagegen zu unternehmen,
schlimmer noch,
ganz im Gegenteil … immer mehr Bürger, Freunde und Nachbarn beschleunigen diesen Prozess deswegen, weil sie ihr Konsumverhalten nicht nur NICHT hinterfragen / überdenken, sondern sich mit leuchtenden Augen, auf die neue Welle der Entmündigung stürzen …
der künstlichen Intelligenz
die jetzt noch schneller, noch gezielter unsere Bedürfnisse und Wünsche wie Sherlock Holmes identifiziert, was wir anstelle schockiert, ganz großartig finden und uns stattdessen ganz entgegengesetzt aufgewertet fühlen, wenn wir diese Technologie besser und besser nutzen und bedienen können …
Und alles nur,
weil wir verlernt haben nach dem Warum zu fragen, sei es, unser eigenes Handeln und Konsumieren zu hinterfragen, ob die zehnte Hose, das zwanzigste Paar Schuhe, das neue totschicke Sakko, sowie vergrößerte Uhrensammlungen wirklich nötig sind, oder ob weniger nicht vielleicht doch mehr sein kann …
um letztlich zur antiken Frage zurückzukommen,
was ist ein gutes Leben?