„Wer ist Nummer 85?“ … Eine Frau Mitte vierzig rennt aufgeregt herum … Männer und Frauen drehen sich um, außer mir, der weiß das er 97 hat … Minuten braucht es, bis ich begreif, dass alle Kunden Nummern haben … Irgendwie erinnert mich das ganze Theater an die
KFZ-Zulassungsbehörde,
(tolles Wort, oder?) in Bad Oldesloe … Jetzt ziehen wir also auch Nummern beim Schlachter, warum nicht … Vielleicht war das eine Maßnahme speziell für Weihnachten, um dem Andrang her zu werden, was in der Tat gelang … Jetzt warten unruhig herumrennende Fleisch.- und Wurstkunden auf ihre
Nummer,
während die vielen Fleischer-Fachkräfte warten, bis jemand mit Selbiger (#) vorprescht … Irgendwie ganz schön bizarr … vier Bedienungen lauern auf uns und unsere aufgerufenen Nummer … bis vor kurzem bediente man vier Kunden gleichzeitig … jetzt geht das nicht mehr … Ordnung muss sein, jawoll
links-zwo-drei-vier.
Nun also auch Verstopfung im Schlachterabteil … Deutsche scheinen geordneten Stau einem produktivem wuseligem Chaos vorzuziehen … Nachdem ich meine Liste im Einkaufswagen durchzähle komm ich endlich dran, wer hätte das gedacht … Auf dem Rückweg zum Auto treff ich noch ein befreundetes Pärchen.
„Ja, muss ja irgendwie …
kennst das doch“ … Schwer Anteil nehmend nicke ich, während ich tief drin zwar weiß, was mein Kumpel meint, aber irgendwie auch nicht … „ständig unterstellen wir uns Wissen“ … Wir verabschieden und versichern uns, das neue Jahr für ein Treffen zu nutzen … Gegen Nachmittag nach
Hamburg, Altona.
Kumpel F. und ich wollen uns im Gazoline treffen, unsere alte Stammkneipe von früher … „Ja, nee … das Aurel haben sie umgeschoben … geht heute alles ganz flott, ich sag dir das … überhaupt, schau dich mal um, fällt dir was auf?“ … seine Updates genieß ich immer sehr … was, wo passiert, oder
auch nicht.
Unverändert brennt in meiner alten Heimat Ottensen der Block … kurzer Kontrollgang zuvor durch den Nernstweg, sowie hier und da, worüber ich nachdachte, während ich F. lauschte … „naja und das bedeutet natürlich Krieg … ich weiß was du jetzt denkst …. aber so sieht’s nun einmal aus“ … Auch
im AK-Altona,
brennt es lichterloh, wie F. erzählt & beschreibt … wie überall, immer die gleiche Mischung … Effizienzsteigerung um jeden Preis, dann legt man Aktionären eine beeindruckende Bilanz vor, weswegen der Vorstand Boni-Erhöhungen bekommt, während die, die ihn erwirtschaftet haben, na gut,
lassen wir das.
Immerhin ist Weihnachten … im Gazoline lächelt der Kanzler von der Wand auf mich herab … irgendeiner hatte auf‘s Foto geschrieben „Er hat hier Hausverbot!“ … Wir trinken Glühwein, Weißwein und irgendwann alkoholfreies Weizen … F. achtet auf mich, was ich ihm hoch anrechne … er gehört
zu den Wenigen,
die sich um Menschen kümmern … kaum einer tut das heutzutage, jeder achtet nur noch auf sich … klingt irgendwie traurig, ist aber der aktuelle Trend … Selbstdarstellung über alles … jeder will Influencer sein … Fröhliche Weihnachten! sag ich da nur … Irgendeiner muss aber hin und wieder
den Müll abtransportieren,
oder Häuser bauen und Kranke pflegen und Kindergärten in Schuss halten … Erster Weihnachtstag, Einladung zum Mittagessen … seit einer Viertelstunde ist es still, wir sind über unsere Teller gebeugt und essen und kauen, und schlürfen Wein und lassen uns das gut gehen … „Möchtest du noch vom
Fleisch nachhaben?“
„Ist total lieb, aber danke – nein“ … Wie eine Drohne schwebt die Dame des Hause um uns herum, strahlt übers ganze Gesicht, außer wenn man Nachschlag ablehnt … „Möchtest du vielleicht von den Klößen noch ein wenig“ … schmunzelnd kaue ich weiter … „danke, ist wirklich super lieb, aber ich bin
echt bedient,
mit dieser Menge, bin froh wenn ich das schaffe“ … schon surrt sie zurück in die Küche … Töpfe und Pfannen klötern und poltern … etwas Schweres wird über ‘ne der Herdplatten gezogen … plötzlich steht sie neben mir … ich sehe, wie sie eine große Suppenkelle in einen großen Topf tunkt … „was ist
denn mit Soße?
Davon hat man ja nie genug … schau mal, wie trocken Teller und Klöße sind“ … schon fängt die Kelle an in meine Richtung zu schweben … „Danke, nein … wirklich, es ist mehr als genug, ich kann schon gar nicht mehr, bin froh wenn ich das alles“ … sie stößt eine Art Raunen aus, eine Mischung aus
Stöhnen und Ächzen,
und verschwindet in der Küche … jedoch nicht, ohne … ich ahnte es … erneutes Klötern, Scheppern … sie kommt zurück, mit einem anderen Topf … „Schau mal, das kleine Stück Fleisch hier, du willst doch nicht, dass“ … ob irgendetwas wichtig ist von dem was – ich will? Bin mir da gerade
nicht so sicher.
Schmunzelnd schaue ich sie an … sie macht wirklich Anstalten, mir ein weiteres Stück Hirschfilet aufzulegen … „Wirklich lieb von dir … aber, danke – nein. Sag mal, warum ist das Fleisch so unsagbar zart? Hast du das irgendwie“ … weiter kam ich nicht, während die anderen Teller um
mich rum
ordentlich nachbekamen … „Tja, das will ich dir erklären … schau, siehst du? Immerhin deine Tischnachbarn nehmen anständig nach, dass es eine Freude ist … das ist Hirschfilet aus Neuseeland … das ist so zart weil die das extra aus dem Hubschrauber schießen, mitten aus der Luft raus … “
Geradeso
Kann ich verhindern, dass ich über den Tisch pruste, als sie anfängt vom Helikopter-Fleisch zu erzählen … Donnerschlag, dachte ich mir, sowas hast du noch nicht gehört … „Oha, endlich geschafft!“ Demonstrativ streiche ich mir über den Bauch, wie jemand der zu viel gegessen hat, was nicht ganz stimmt,
aber was solls.
„Möchte jemand einen Digestif, einen Grappa vielleicht?“ … den konnte ich gut gebrauchen … „gerne“ … schon schweben Karaffe und Gläser auf den Tisch … scheinbar bin ich der einzige … „Prost“ dazu gibt es Kaffee … „Trink ruhig den Rest aus der Flasche, der wird sonst ja
schlecht!“
„Danke, einer langt mir – Danke, nein“ … sie meinte es wirklich gut mit mir … unsere roten zufriedenen Gesichter leuchten wie Ampeln … bald muss ich weiter, zum Geburtstag meines Bruders … Kaffee und Kuchen, auch hier alles hausgemacht und lecker … als ich auch hier vier Mal gefragt werde, ob ich nachhaben möchte,
geschah es:
Ungebremst pruste ich los … so einen Lachflash hab ich lange nicht mehr gehabt … als ob ein Damm bricht … höflich lacht man mit, aber ich merke, dass ich mich einfangen muss, wenn ich nicht all zu verstörend wirken will … und es gelang, den
Griechischen Göttern
sei es gedankt …