Nach neun Tagen Athen flog ich nach Hamburg … Eine alte Freundin war plötzlich, für alle überraschend verstorben … Autoimmunkrankheit, böse Sache, erst traf es die Nieren, dann weitere Organe … 70 Jahre hat sie geschafft … Ungezählte Erinnerungen tanzten mir im
Gedächtnis herum,
als wir in Hamburg landeten … draußen empfing mich Sonnenschein, norddeutsche Effizienz und hanseatische Sachlichkeit … frisch war es auch, aber in der Sonne ging es … Mein Taxi kam, wie benommen sah ich Hausfassaden, Bäume, Sträucher, Menschen, Autos, LKW’s und Fahrräder vorbeiziehen …
Ich hing Gedanken nach.
Es dauert immer eine Zeit, bis an einem Ort ganz ankomme … Viele lächeln darüber, weil ich dann abwesend aussehe, was ich dann wohl auch bin … wo ich dann wirklich bin, kann ich nicht genau sagen, vielleicht überall und nirgendwo … Und auch dieser Freitag nahte … zu Tod und Beerdigungen habe ich ein
gespaltenes Verhältnis.
Ahrensburg, alter Friedhof … Viele alte Freunde waren schon da, ich freute mich sie zu sehen, wir wunderten, bedauerten die Tatsache, dass es irgendwie immer nur Beerdigungen gelang, alle zusammen zu bringen … Zutiefst berührt sah ich in all die Gesichter, auch die des Witwers, die ihrer beiden längst
erwachsenen Kinder.
Mittlerweile haben auch ihre Kinder Kinder bekommen, der Lauf der Zeit und Dinge, dachte ich so bei mir, ich wäre grau geworden, sagten sie und hatten Recht … Wir nahmen in der Kapelle Platz, wir lauschten den Worten der Rednerin, treffend beschrieb sie M. ihre Lebensfreude, ihr großes Herz, ihre
Leidenschaft für alles.
Wie eine Pandemie breitete sich das Schluchzen in der Kapelle aus … Auch ich schluckte ein paar Mal, bekam Tränen in die Augen, wusste aber, dass es Tränen aus meiner Vergangenheit waren … denn da gab es reichlich viel, sei es seelische Verletzungen, Enttäuschungen, Unausgesprochenes und ein Sack voller
ungenutzter Möglichkeiten.
Zwischendurch lief Herbert Grönemeyer, der wie M. aus Bochum kommt … Alles in Allem eine schöne und würdevolle Feier, für mich war es auch gar keine Trauerfeier, denn wir hatten ja das Glück M. gehabt zu haben … Und sie hat sich, im Gegensatz zu den Meisten, redlich bemüht, nichts
anbrennen zu lassen.
Was mehr will man einem Menschen wünschen? … Wir können den Tod nicht besiegen … Ständig ist er da draußen, verrichtet unerschütterlich sein Werk … Aber wir können ihn täglich, mit hoch erhobenem Haupt bekämpfen … Können ihm einen weiteren Tag voller Licht abringen … So schweiften
meine Gedanken umher.
Was tun wir mit dem Leben? … Tun wir das uns Angemessene? … Was ist das mir Angemessene? Was bedeutet – ein gutes Leben führen? … Erste Zweifel hatte ich mit acht Jahren … Es war reine Neugier, als ich mir Schopenhauers „Aphorismen“ aus der elterlichen Bibliothek griff … Hatte der
ein ernstes Gesicht.
Schopi und ich wurden nie Freude … Aber seine ewige Fragerei, seine unermüdliche Neugier, den Dingen auf den Grund zu gehen, alles Dinge, die wohl die meisten Philosophen auszeichnet, DAS war mein kosmisches Gazoline … An diesem Punkt waren wir gleich … Und was ich die nächsten
47 Jahre beobachtete,
gefiel mir nicht … Es war keine innere Ablehnung, aber auch den elterlichen Routinen und Ritualen fehlte es an Leben und Spontanität … Im gesamten Freundeskreis sah es ähnlich aus … Familien glichen wie ein Ei dem anderen … Elternpaare hatte man, so schien es aus Sicht meiner unwissenden Kinder-Augen, aus …
Katalogen ausgesucht.
Es wuchs keine Abneigung gegen Familie, aber eine gegen Normen, Anpassung und der bürgerlichen Tendenz, alles nach „Gut und schlecht“ zu sortieren … ein ewig wiederkehrendes Muster und Mantra, was sich, egal ob in Schule, Militärdienst, Studium und Arbeit niederschlug … Für mich, aus meiner Sicht, lief alles aus
dem Ruder.
Von jeher lebten wir falsch und unnatürlich … Egal ob es die nahezu religiöse Bedingung von Monogamie in Beziehungen ist, Rollenverteilungen von Mann und Frau und ganz besonders, das unsichtbare Netz der vielen Hoffnungen und Erwartungen, einschließlich unserer westlichen Einstellung,
der Tod sei was Schlechtes.
Und vermutlich ist Trauer, beim finalen Davonsegeln eines nahen Menschen, eine zutiefst egoistische Sache, nicht nur, weil man „Dies und Das“ nicht mehr zusammen machen kann, sondern auch, weil es mich vielleicht aufscheucht, wachrüttelt und ins Mark trifft, wieder ein paar Jahre, orientierungslos, vor
mich hingelebt zu haben.
All dies jedoch, das wusste ich, traf auf unsere liebe Freundin M. nicht zu … Sie hatte alles gemacht, was sie wollte … Ihre Lebensfreude und Leidenschaft für das Leben selbst, nebst aller Dingen darin, war mehr als nur ansteckend, sie zeigte damit allen einladend und indirekt:
„So geht Leben! So und nich anners!“
Als romantisch verklärter Träumer und sentimentaler Mensch kontrolliere, lasse ich meine Gefühle und Emotionen von meinem Logos, meiner Vernunft, dem Kutscher führen … Unterdrücken tue ich nichts, aber Staudämme vollständig unkontrolliert zu öffnen, gar einzureißen finde ich unangemessen
und nicht richtig.
Vermutlich läuft in jedem sein eigener Film ab, wenn er so eine Urne ein letztes Mal betrachtet, bevor er Rosenblätter und Sand symbolisch draufwirft … So schlenderte ich gemütlich zurück zum Auto und schmunzelte liebevoll über uns Menschen, als wir uns danach beim Italiener trafen, wo es allen schon wieder sichtbar besser ging, als zuvor
in der Kapelle
und beim letzten Abschied dann bei Urnengang, „als würden Tod und Leben sich unseren Routinen beugen, anpassen“ … dachte ich, als ich Mantel und Degen an der Gardarobe ablegte. Auch war ich mir nicht sicher, ob unsere christliche Kirche richtig abgebogen ist, besonders wir preußischen Protestanten …
Unsere Arbeitswut,
unsere Versessenheit nach Leid, um sich nach ausreichend Geißelung alles Schöne zu verdienen, irritiert mich auch heute, knapp 40 Jahre nach der Konfirmation … Nicht ständig Müßiggang zu betreiben ist ja klar, man muss, sollte aktiv sein, aber gleich leiden? Nee, dass ist doch ein bisschen zu viel des Guten … Viele Fotos machte ich,
wir lachten, aßen und tranken,
viele Stunden … Längst steckte jeder in seinem Trott. Irgendwann kam Dunkelheit, es wurde Abend, Nacht … Jeder ging zu Bett, hing Gedanken nach, oder auch nicht … Ein nächster Tag, mit neuem Licht kam bestimmt … Mag es auch herbstlich sein, wir riechen Laub, feuchte Erde, nasse Wiesen, und man merkt es deutlich …
das Feuer brennt noch in uns …