Nach einer guten Woche Hamburg ging‘s zurück nach Toulouse … Doch er blieb nur‘n Tag … Freitag schwang ich mich auf meinen Drahtesel und galoppierte nach Bordeaux … Wie immer beim Motorradfahren, besonders bei monotonen Momenten auf der Autobahn, kreisten meine Gedanken um
alles und nichts.
„Wird es trocken bleiben; wie geht es dem Bruder, den Kindern meiner verstorbenen Freundin; hab ich genug Luftdruck auf den Reifen; was soll der US-Flugzeugträger an der südamerikanischen Küste; einfach mal wieder Säbelrasseln; was läuft in der Ukraine; wann überwinden europäische Staaten endlich nationale Egoismen, für
ein geeintes Europa;
wann war ich zuletzt in Bordeaux; wann wird dem materialistischen Kapitalismus Einhalt geboten; wieso ist Sarkozy wieder aus dem Gefängnis; wieso verschleudert der Mairie von Toulouse soviel Geld, obwohl La France pleite ist; wird Frankreich beim FCAS-Projekt dabei sein, oder wieder einen
Alleingang machen;
wer löst 2027 Präsident Macron ab; werden wir bald Helme beim Spaziergang tragen; gibt es bald Kauf.- / Konsumzwang, um das globale marktwirtschaftliche System zu schützen; wo lebt Nassim Nicolas Taleb außerhalb der USA; wann, wer gebietet dem weltweiten Großkapital Einhalt; wann verlier ich meine utopisch
naive Unschuld
und werde endlich ein verdammter Langweiler; werde ich in Zukunft auch weiterhin schreiben können; tanke ich gleich, nach Ankunft in Saint-German-du-Puch, oder erst Sonntag?“ … sprudelte es in meinem Kopf herum, ohne Antworten zu bekommen … grün-buntes Band aus Bäumen, Wiesen,
Weinbergen
und zwei Kühltürmen eines Atomkraftwerks zogen an mir vorbei … nur ein Turm aktiv … zweieinhalb Stunden später tanken im Dorf, bevor ich zu Kumpel K. fahr … Nach einem flotten Kaffee holten wir meinen Bruder am Flughafen Merignac ab … er kennt BDX nicht … bekommt ein All-Inclusive-Paket dieser
pulsierenden Stadt
sein Flieger ist pünktlich … gegen halb sieben rauschen wir in eine Tiefgarage im Stadtzentrum, direkt an der Garonne, los gings … Herrschaftlich, drückt‘s am Besten aus … Ich dachte am Ballindamm zu stehen, allerdings mit angenehmeren Temperaturen … In den letzten Jahren hat
sich Bordeaux
sehr verändert … digitales Business und viele andere Vorzüge der Stadt, eine natürlich die Lage, erklären den permanenten Zustrom von 15.000 neuen Bewohnern pro Jahr … Wir schlendern ins Herz von Bordeaux, vorbei an prachtvollen alten Bauten, denen man ihr altes Geld ansieht …
Sklaven und Wein!
So lautet die Erfolgsformel der Vergangenheit … merke ich, wie sich mein widerspenstiger Zeigefinger in mir aufspannt … auch Frankreich hat die negative demographische Entwicklung erfasst … Vormals Klassenbester in Europa mit 2,4 Kindern pro Familie, ist man heute auf
1,4 Kinder
abgerutscht, womit auch auf Frankreich die gleiche Schrumpfung zukommt, wie dem deutschen Rentnerstaat, auf dessen Straßen und Fußwegen mehr Babyboomer und Rentner herumpilgern, als junge Menschen und Nachwuchs aus biologischer eigener Bodenhaltung … Auch Frankreich stöhnt unter
Inflation.
Dazu gesellt sich ein 55%iger Staatsanteil, der die Finanzierung, alleine schon von den nackten Zahlen her, heute und in der Zukunft unbezahlbar macht, ganz zu schweigen vom Abtrag des Schuldenbergs … Stirnrunzelnd muss ich mir wieder eingestehen, dass meine eigene Situation zu privilegiert ist, als dass ich einen
echten Eindruck
von der Wirklichkeit der anderen 85% hab, egal ob in Deutschland oder Frankreich … Noch dazu ohne Kinder und Haustieren … Schuldig fühle ich mich trotzdem nicht, nur verpflichtet, Boden unter beiden Füßen zu behalten … In solchen Momenten denke ich an ein paar meiner Lieblings-Dichter, meistens
Arthur Rimbaud
und Konstantinos Kavafis … Beiden fühle ich mich aus vielen Gründen nah … Poetische Auflehnung ist mir ein Bedürfnis, besonders in Zeiten, wo kein Schwein sich für Poetik und Lyrik interessiert … Wie überleben denn die anderen? … Pflanzt man sich vor‘n Fernseher, zieht sich ‘ne Serie rein? Oder ‘ne Doku?
Surft man im Internet
und landet, wie immer auf ’ner Porno-Seite, bei der man sich ‘ne doppelte Ladung Freude, Erleichterung abholt? … denke dann an Kumpel F. der als zweifacher Familienvater immer sagt … „Und zum Dank gibt‘s – Nichts!“ … Samstag-Abend: Kumpel JM kommt, typisch Winzer hat er einen Strauß
Flaschen dabei.
Wir fangen mit Austern an … weiter gehts mit Tsatsiki, dass ich Mittags angesetzt hatte, gefolgt von Huevos-Rotos, eine spanische Spezialität, bestehend aus Kartoffeln, Zwiebeln, Chorizo und reichlich Eiern, mit denen man am Ende alles ablöscht … Wir scheppern uns ordentlich einen rein … Kumpel K. stößt nach ‘nem Empfang mit letztem Tropfen Diesel um 19 Uhr dazu …
Feucht-Fröhlich
würde der Aral.- oder ADAC-Straßen-Atlas den Abend beschreiben … Wie immer geht‘s hoch her, Themen gibt es reichlich, allen voran Frauen, gefolgt von Wein, Essen und der allgemeinen Weltlage, die sich ja, mit zunehmendem Weinkonsum, immer drastisch-progressiv zuspitzt … Gedanken an
Athen und Hellas,
dass ich nicht genug Kontakt mit anderen Schreiberlingen und Dichtern habe … Mir geht‘s dabei weniger, um ‘ne intensive Liaison, wie sie Rimbaud mit Verlaine hatten … Denn obwohl Rimbaud ein ziemlicher Rebell für seine damalige Zeit war, nicht nur in seiner Poesie, auch in seinem schrillen
Verhalten,
brannte in ihm der gleiche heißbrennende Wunsch zur schreibenden Elite zu gehören, was sich in seiner emsigen schulischen Karriere schon zu Anfang abzeichnet … sein Feuer, dass seine Wut während der schöpferischen Phase entfachte, seine Schaffenskraft förderte, speiste sich wohl eher aus der kleinbürgerlichen
Einfallslosigkeit und Enge,
die ihm förmlich den Hals zuschnürte, weswegen er sich mit Flucht und geschickt inszeniertem Irrsinn zu befreien versuchte … bis heute ein wiederkehrendes Motiv vieler französischer und auch deutschsprachiger Literaten, man mag nur an Céline, später Michel Houllebecq, oder Peter Handke,
Rainald Goetz,
sowie all die anderen denken … nicht zu vergessen, der unglaubliche Klaus Kinski, der mit seinen Kapriolen, bis heute Nachahmer findet … oder man denke nur an den bemitleidenswerten Benjamin von Stuckrad-Barre, der sich, trotz und / oder wegen moralischer Verirrungen, den anderen, uns, seiner Entourage heute wieder Ratschläge auf
Instagram gibt.
Wer sich bewusst bemüht, mit dem Leben zu ringen … mit all den Haken, Ösen, den Fallen und Sackgassen darin, verdient unser aller Hochachtung … Wer das mit Anstand und Vernunft tut, darf dann, wenn es selten bleibt, zu irritierenden, bis schockierenden Werbe.- und Marketingmaßnahmen greifen.
Christoph Schlingensief
nutzte gezielte Provokation, um Menschen wachzurütteln … Und ich? Keine Ahnung … ich lasse mich wie ein betrunkenes Schiff vom Strom hinabtragen … es gibt keinen Sinn im Absurden, kein Richtig im Falschen … es bleibt mein täglicher Versuch, gefüttert von Verzweiflung, die sich aus
Ablehnung
einer menschenverachtenderen Welt speist … Heute Mittag brach ich wieder auf … Sprühregen kühlt mein Temperament runter … Nach Bégerac Richtung Agèn kam die Sonne raus … mein Moped zeigte 20 Grad Außentemperatur an … So galoppierten Gaul und ich, dem
Süden entgegen.
Da alle vorm Napf saßen, blieben die Straßen leer … erst kurz vor Toulouse wurde es voller … Üblicher Verkehr vorm Sonntags-Kaffee … Ich schraube mich ins Stadtzentrum … kurz nach drei … ich parke wieder am Place Saintes Scarbes, entfalte meine leblosen Beine, strecke und recke mich,
sehe mich um,
freue mich, wieder zuhause zu sein, merke, wie mich die zweistündige Regungslosigkeit, sowie Regen und Wind durchgefroren hat, schlurfe in meine Wohnung, spring aus klammen Klamotten und genieß
’ne dampfendheiße Nachmittagsdusche …