„Son-ne Sonne!” rief Kumpel L. als wir in Neustadt in Holstein ankamen, wir dank seiner Park-App online unser Park-Ticket lösten und Richtung Klüvers marschierten, um unser‘n schwer stechenden Bierdurst zu stillen … Hinter uns lag‘ ne Odyssee mit Kriechfahrten, Baustellen, Schlange stehen, sich verfahren und
natürlich – Stau!
Warm wurde uns, als wir gleich nach‘m Losfahren merkten, wie inflationär oft man 30km-Schilder einpflanzt, mit dem Zusatz-Hinweis „Straßenschäden“ … Oft schienen es nur kleine Risse und Verformungen zu sein, die ‘ne Kl.1 Straße zu ‘ner 2+ oder ‘ner 2 degradieren, was 30km/h wie einen
schlechten Scherz,
aussehen lässt … Noch besser ist dann nur noch, dass viele Autofahrer*innen mit genau 30 vor dir her kriechen, dass du entweder sofort anfängst Fingernägel zu kauen, dich hier und dort im Gesicht voll Verwunderung kratzt, eine Abkürzung zu den Schattengewächsen wählst, oder neurotisch
in der Nase herumbohrst.
Richtig heiß wurde uns dann aber, als ‘ne junge blonde Dame mit ihrem elektrischen Mini die 30 weiterfuhr, als man wieder 50 erlaubte, da sie vom Schreiben und Herumtippen auf ihrem Smartphone, dass sie wie viele kurz unterm Rückspiegel angeschnallt hatte, so abgelenkt war, das sie Umgebung, Tacho und
Realität vergaß.
Verlässlich wie’n weiblicher „Jackass“ nahm sie sämtliche roten Ampeln und Schlaglöcher von Wilstedt, bis zum Kisdorfer Golfplatz mit … Natürlich biss L. mehrere dutzend Mal ins Lenkrad, weil alle Möglichkeiten zum Überholen der Landwind verwehte, weil heute mehr Traktoren als Autos unterwegs schienen.
Schlepper groß wie Hochhäuser,
mit übermannsgroßen Rädern zogen übervolle Anhänger mit Mais hinter sich her … Jedes Mal stellte ich mir die Frage, ob die gewaltigen Wirkelschleppen gehäckselter Maiskolben noch beeindruckender sind, als die schiere Größe der Anhänger, die mich an riesenhafte Einkaufswagen erinnerten,
noch dazu 1,5 Spuren
vereinnahmten, dass wir jedes Mal halb im Graben fuhren, um nicht ramponiert, oder gleich völlig verschrottet zu werden … Alle Straßen platzen heute aus den Nähten, nicht nur, weil man den Elbtunnel mal wieder über’s Wochenende gesperrt hatte, sondern weil all die Baustellen auf
Bundestraßen und Autobahnen
wie beispielsweise der A1 dir den Eindruck vermitteln, dass jetzt wirklich ganz Fucking-Deutschland eine riesenhafte Baustelle geworden ist … Mit knirschenden Zähnen gruben wir uns eine Schneise durch die Straßen bis hoch nach Bad Segeberg, meist übers Land, bis wir auf die glorreiche Idee kamen, kurz vor Bad Segeberg
links abzubiegen,
in der Hoffnung, parallel zur B432 fahren zu können und hinter Möbel-Kraft hinzu zu stoßen … Weitere Baustellen, inklusive Sackgasse der einzigen Querverbindung, verhagelten uns nicht nur die Suppe, sondern zeigten, dass Intuitionen zwar grundsätzlich richtig liegen, aber selbige keine Ahnung von
Arbeitswut,
norddeutscher Straßenbaubehörden haben … „Alter! Diggah! Schau dir die Scheiße an, ’ne verdammte Sackgasse! Und wir haben nicht mal Bier mit! So eine verfluchte Kacke“ tobte L … Längst ahnte ich, dass sein Durst ins Unermessliche gestiegen sein musste und jetzt auch noch das!
„So, ihr Ficker
schön ’nen U-Turn hier … voll auf Colt-Sievers-Style!“ Reifen quietschen, wimmern, mein Kumpel wirft den Wagen herum, als wär’s ’n Einhandsegler … Zurück ging die wilde Fahrt an die B206 … „Hier, schau: Da vorne müssen wir rechts auffe Segaberga“ rief ich erfreut aus.
„Geht los!“
gab der Kapitän entschlossen zurück, schaltete den roten BMW mit wildem Zwischengas runter, als wär’s ‘n alter Peterbilt oder Freightliner aus den brennenden USA und blickte dabei genauso zornig drein, wie Käpten Ahab, als er Moby Dick mit seiner fetten Harpune, sowie einer Kanonade
Schimpfwörter bedeckte.
Wie ‘ne Bimmelbahn ruckelten wir Richtung Ostsee … „Alda! Schau dir das an! Strich fünfzig, nein, warte, sieh nur, der Struller fällt auf 45, sogar auf 40 zurück … leck mich am Arsch! … Ich halte das nicht mehr aus … Ich scheiß die Wand an!“ … Erste Heimkehrer von Mittagessen und
High-Speed-Trögen
schienen ins Fresskoma gefallen zu sein, so gemächlich die mit ihren Kutschen rumgurkten … Kumpel L. stand kurz vor der Kernschmelze … Aber wie mir schien, behielt er immer noch tapfer seine Nerven unter Kontrolle … „Hier! Na endlich: Das ist er, sieh ihn dir an … rechts hast du den besten
fucking Radweg
von-ner ganzen weiten Welt, aber Hans-Werner muss auf der verfickten Scheiß-Straße fahren! Was für ein verdammter Wichser … Schau dir die Schlange hinter uns an! … Siehst du das, du Schwanzlutscher? … Hast du das gesehen? … Ja? Nein? Alter! Ich flipp aus! … Schön mit Profitrikot, als wär‘s die
Tour-de-France
und er selber hat sie alle abgehängt … Ganz alleine, holt der Stricher sich sein Gelbes Trikot, bei seinem ersten Gesamtsieg der Tour! … Alda! So ein vermaledeiter Ficker … Was fährst du hier rum, du Fotze, häh? Langt dir der Scheiß-Drecks-Piss … dieser-verfickte-first-Class-Fahrradweg nicht? Musst du uns allen hier auf der Straße auf
die Eier gehen,
mit deinen rasierten Beinen, deiner Racing-Leggings? Noch dazu in bonbon-rosa? Du verdammtes schwules Scheißviech!“ … Keine Zweifel: Kernschmelze erreicht … Es gab keine zwei Meinungen … Mein Kumpel ging ab wie Tschernobyl … Lichterloh brannte er ab … Löschen? Völlig unmöglich,
ich kannte ihn.
Wenn er erstmal so in Fahrt war gab’s kein Zurück … Irgendwann fanden wir eine Lücke … endlich kamen wir an Lars Ulrichs geistigem Bruder vorbei … „Du verdammte Scheißhausfotze!“ … Nach all den Jahren konnten mich L‘s Wortkreationen begeistern, nicht minder überraschen.
Glücklicherweise
rollten wir flüssig voran, krochen endlich auf die A1, um nach nur wenigen Minuten wieder runter zu fahren … Tatsächlich, wir hatten es geschafft: Neustadt in Holstein. Fast ohne weitere Unterbrechungen, wenn nicht das Hamburger Cabriolet vor uns rumgezuckelt wäre, als würde es uns
abschleppen wollen.
Was alles in Summe nicht schlimm gewesen wäre, hätte mein Kumpel nicht im selben Moment von seinem Drama zu erzählen begonnen, im AEZ mit seiner Tochter einzukaufen, was er leider abbrechen musste, weil er vor lauter Baustellen und Staus nicht an den Ring3 kam und deswegen alles abblies … Als er genau in dem
Moment,
wo er die ärgerliche Situation noch einmal durchlebte, dies gottverdammte Schneewittchenmobil ausbremste, da nützten weder Sonne, noch der Fakt angekommen zu sein … Schon zog ich den Kopf ein. „Fahr zu, du vollgepisste Nazihure! Da kommst du aus fucking Eimsbüttel oder Scheiß-Rotherbaum all den langen Weg aufs Land
herausgekrochen,
um uns hier vor der Flinte rumzuhüpfen, geht’s denn noch? Na los doch, die Ampel schaffst du auch noch in Rot, wenn du langsam genug weiterschleichst!“ … Endlich kamen wir an. Auch das Cabrio parkte am Hafen … „Wenn die mich anquatscht vergesse ich mich,
ich schwör‘s dir!“
Zum Glück waren Durst und Hunger größer … Schon marschierten wir zum Klüvers, harpunierten einen gerade freigewordenen Tisch, schrien nach ’nem Humpen Bier, bekamen ihn und nahmen einen großen Schluck … Endlich, nach all der Aufregung, auf dieser ursprünglich gemütlich gedachten Altherren-Ausfahrt
kehrte wieder Friede ein …
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