Fortschritt – Odyssee 2025

„Hm, sieh dir das an, kaum ein Radfahrer ohne Leuchtweste und Helm“ … Nachdenklich kratz ich mich am Kinn … In Momenten wie diesen weiß ich nicht, ob ich rückständig, altmodisch, schlecht informiert, oder schlicht zutiefst skeptisch, bis hin zu revolutionär geblieben bin … Oder gar alles

gemeinsam, zusammen?

Wer weiß das schon so genau … Place Esquirol, Ecke Rue de Metz … Alles wuselt quer durcheinander, Busse, Radfahrer, Auto’s, Motorräder und Fußgänger … Alles ohne Ampel und Sheriff, fasziniert, fast wie gebannt schaue ich zu … Alle tasten sich vor, schätzen Absichten und Geschwindigkeiten ab,

irgendwie klappt‘s dann,

man einigt sich, findet einen Kompromiss … Mal weicht man aus, wartet ein wenig, geht oder fährt ein paar Schlangenlinien, um Fahrzeuge und Passanten und es geht weiter … Alles ohne Hupen und Pöbeln … Frieden, wahrhaftigen Frieden empfinde ich in solchen Momenten … Sogar ein wenig Hoffnung

flammt dann auf.

Hoffnung, dass wir das irgendwie doch noch hinbekommen … Sicher stört, irritiert es mich, wenn die Nachbarskinder mit ihren Drohnen spielen und über meine Terrasse fliegen … Doch solange keine in meinen gedeckten Apfelkuchen stürzt, mir die mit Vanille-Zucker verfeinerte Sahne um die

Ohren haut,

stört mich das nicht … Ist nicht alles eine Frage von Abwägung und Häufigkeit? … Fliegen sie jeden Tag rüber, dann könnte es sein, dass ich etwas mache … Keine Ahnung was, darüber denke ich erst nach, wenn es soweit ist … Doch bis dahin bleibe ich – sorglos … Klingt vermutlich naiv

und blauäugig.

Nun, das trifft auch zu … Ich bin nämlich tatsächlich blauäugig und naiv! … Frieden zu bewahren, um jeden Preis finde ich vernünftig … Als Preuße weiß man nämlich, was Krieg bedeutet … Zwei Großväter gingen in die große Scheiße, nur einer kam wieder, wie versehrt er war, fanden wir nie raus … Ob der Apfelbaum des Nachbarn über‘n Zaun

wächst,

ob sein Laub mir den Rasen vollknallt … Ob die Nachbarshunde auf den Gehweg kacken, aus unerfindlichem Gründen, immer auf den Teil vor meinem Zaun … Ob die Nachbarsfrau des Nachts Heavy-Metall hört, ob die Königin der Nacht sie in ohrenbetäubenden Schlaf trällert, oder sie ihren ehelichen

Pflichten nachkommt,

mit allerlei Geschrei und klatschendem Katenschinken … gründlich durchgepökelt vom Ehegatten, der nach einem gefrusteten Tag im Büro jetzt den Cognac getränkten Lederknebel im Maul trägt, um seiner Hildegard ordentlich heimzuleuchten, während ich in Stille und Andacht, die Minima Moralia vom

lieben Adorno fertiglese,

dass ich in Minutenabständen das Buch zusammenklappe und schmunzle, um es bald erneut zu versuchen … Oder ob der Sohn mich mit seinem bis zwei Uhr Morgens laut aufgedrehtem Video-Ballerspiel zwingt mit Ohrenstöpseln zu schlafen, all das, ist mir herzlich egal … Ich nehm‘ es hin,

ganz ohne Groll … Ja wirklich, das gelingt mir … Dahinter verbirgt sich, außer Naivität und meiner bekannten Blauäugigkeit, eine Denkweise, die immer konstruktiv-optimistisch ist … Ob Nachbarssohn nur zum Spaß über meine Terrasse fliegt, aus dem ungeplanten Moment und Zufall heraus, gleiches auch bei

anderen Nachbarn macht,

oder ob er das macht, um mich zu ärgern, dass habe ich selber in der Hand … Vielleicht liegt es daran, dass ich beim Radfahren niemals Leuchtweste und Helm trage, aber EU-Ursula eben schon … Wenn ich den hellenischen Sommer genieße, creme ich mir Arme, Beine und Gesicht überhaupt

nicht ein.

Alle finden das leichtsinnig von mir, manche nennen es hinter vorgehaltener Hand – dumm … Nahezu naiv und eben – blauäugig, sag ich mit Augenzwinkern … Warum ich trotzdem keinen Sonnenbrand bekomme, will keiner wissen … Aber genau das, nämlich Ursache und Wirkung,

genau diese beiden,

nur sie, interessieren mich … In Hellas trage ich nämlich ständig Bermudas und eines meiner geliebten kurzärmeligen Leinenhemden … Irgendwie scheint sich meine Haut an die Sonne gewöhnt zu haben … Auch sind Dinge wie Dauer und Zeit entscheidende Faktoren. Fahre ich vier Stunden Moped von Athen nach Koroni trage ich natürlich alles lang .

Ob dieNachbars-Drohne

in den Apfelkuchen kracht, oder auf meinem frisch gemähten Rasen landet, macht für mich einen Unterschied … Wenn sie nicht abstürzt, lediglich meinen Garten überfliegt, ist es mir fast egal, ob es morgens, mittags oder nachts passiert … Licht schalte ich beim Radfahren auch nur dann ein, wenn ich in

einer Ecke fahre,

die so dunkel ist, dass ich Licht brauche, um zu sehen, oder gesehen zu werden … Unter Umständen Beides … Im Stadtzentrum von Toulouse braucht man zum Beispiel kein Licht … Alles ist so hell erleuchtet, dass jeder jeden sieht … Regeln finde ich okay, aber ich wende sie immer dem Moment

angemessen an.

Natürlich kann ich mir ‘ne eigene Drohne kaufen und sie in solchen Momenten starten, wenn der Nachbarsohn mal wieder ‘ne Spritztour macht und ich ihn damit zum Umdrehen zwingen … Aber das finde ich nicht interessant, geschweige attraktiv, meine Lebenszeit damit zu verbringen, auf die

Nachbardrohne zu reagieren,

noch dazu den Luftraum des Nachbargrundstücks regelmäßig zu beobachten … Wo komme ich dazu? … Nein, das kommt überhaupt nicht in Frage … Es ist letztlich mit Allem das Gleiche … Meine Nachbarn fahren fast ausschließlich Elektro-Fahrräder … Manche von ihnen sind wahre Panzer, bis

zu 3 Kinder,

sitzen hinten drauf … Robuste Stahlkonstruktionen, wahre Monstren sind das … Natürlich parken die auf den wenigen Motorradparkplätzen und rauben uns Mopedfahrern Nerven und Geduld … In solchen Momenten aber sage ich mir, dass ich es vermutlich ähnlich gemacht hätte … Auf mein Recht

pochen

finde ich schlimm, sogar noch peinlicher, als Jene, die das ganze Dilemma auslösen … Auch denke ich nicht darüber nach, woher all das Lithium kommt, wenn nicht aus unseren gut bezahlten Wirtschafts-Kolonien … Ob ein Elektro-Fahrrad umweltfreundlicher ist als ein Bio-Fahrrad,

genau diese Überlegung,

überlasse ich aus ganz vielen Gründen jedem selbst … Ein rein mechanisches Fahrrad ist für mich eine der genialsten Erfindungen überhaupt … Nicht nur, wegen der wirklich und wahren Umweltfreundlichkeit, aus kurz.- mittel.- oder langfristiger Sicht, sondern weil für mich die einfachen Dinge,

großartig sind.

Mit meinem Kumpel L. teile ich mir einen alten BMW Baujahr 1987… Man braucht keinen Laptop, um ihn zu warten, geschweige Software und einen Master in Computer-Science, um ihn zu verstehen … ich will ja nur Auto fahren, mehr nicht. Warum man in Deutschland aber unpünktliche Züge, eine nur schleppend fortschreitende

Digitalisierung

akzeptieren soll, sowie einen Bundeskanzler, der sich in alter Herrschermanier dazu berufen fühlt, den deutschen Arbeitnehmern die Leviten zu lesen, während er selbst, nebst sämtlicher Strategie-Abteilungen aller DAX notierten Aktiengesellschaften die letzten Jahre tief und fest geschlafen haben, egal ob bei Volkswagen in Niedersachsen, oder

BMW, Porsche, Daimler

und wie sie alle heißen, im fetten Süden, ist nicht nur herabwürdigend, sondern alles andere als fortschrittlich … Es klafft eine immer größer werdende Kluft zwischen ökonomisch-technischem und sozial-humanen, nennen wir ihn menschlich-moralischen Fortschritt … Wirtschafts-Wachstum darf kein Totschlagargument sein

finde ich.

Stattdessen muss die politische Klasse, samt Wirtschaftslenkern anfangen, den stetig wachsenden Fortschritt-Tsunami in kleine verdaubare Wellen herunterzubrechen … Ob es die Umverteilung von privatem Vermögen ist, um öffentliche Investitionen abzudecken, Partnerschaften bei regenerativen Energien

fördern und stärken,

oder echte und wahrhaftige United-States-of-Europe vorbereiten, als Ziel angehen … Jene irreparablen Schäden des entfesselten Kapitalismus, seit ihn Ronald Reagan aus dem Käfig ließ, kennen wir alle zur Genüge, das Gleichnis des Käfers an der Mistkugel ist mehr als treffend, für alle folgenden

Generationen.

Über die zur Zeit ungebremste unkritische Begeisterung für die KI-Sau, die wir gerade durch die Gassen jagen, möchte ich ebenfalls nichts sagen, genauso wenig, wie über die Drohne des Nachbarjungen, die ich, Stand heute, erst ein einziges Mal hab fliegen sehen … Letztendlich wird‘s allen Staaten gehen,

wie uns Privathaushalten,

früher oder später … Wer über seine Verhältnisse lebt, muss sparen, seine Ausgaben reduzieren, idealerweise sozial-verträglich und nicht bei der Sozialversicherung, den Renten und sonst welche absurde Ideen, wo es in Europa doch so viele gibt, die vom Schaffen, der Arbeit der europäischen

Bevölkerung

sich aufs Äußerste bereichert haben … Geld, ist bei uns in Europa kein Problem, nicht im Geringsten, im Gegenteil … Kurz nach dem Brand von Notre Dame de Paris, fanden sich mehrere hundert Millionen Euro Spenden ein … Einfach so, ohne dass Manuel, oder irgendjemand mit dem Klingelbeutel,

als Bittsteller

rumgehen musste … Es sagt viel über die an Reichtum kaum zu übertreffenden obersten 1% der französischen, sagen wir europäischen Haushalte, mit welcher Lässigkeit und Lautlosigkeit solche Summen bereitgestellt werden können, während das ganze Land unter einer 120% Staatsschuld ächzt und

stöhnt,

so wie meine Nachbarin, wenn sie des Abends mal wieder vor die Kutsche gespannt wird … Ob der Umbau der Rue Metz in eine edle, mit Marmor verzierte Flaniermeile, besonders günstig war, wage ich zu bezweifeln … Ob es nötig war, vielleicht in Wahrheit gar nicht bezahlbar bleibt, weil einem das Wasser doch sowieso schon

bis zum Halse steht,

dass lasse ich ebenso kommentarlos in der okzitanischen Sonne stehen, wie der Prunk, an der Garonne, sowie das Trockenlegen und Feuchtdurchwischen des Toulouser Bürgermeister, der uns Motorradfahrern verbietet, wie früher, überall zu parken wo wir wollten, was unter Anderem zeigt, dass Toulouse sich in ein tourismus-umarmendes

Disneyland verwandelt.

Was ist die Moral der Geschicht‘? … Vermutlich, dass man nicht gleich nach Paris zum Invaliden-Dom, oder nach Versailles pilgern muss, um sich der prunkvollen, barocken und feudalen Vergangenheit und Gegenwart Frankreichs bewusst zu sein … Es langt, man besucht die allerschönsten

Dörfer Frankreichs,

die man auf der Homepage … www.les-plus-beaux-villages-de-france.org … bestaunen und später besuchen kann … Versteht mich nicht falsch, nicht ohne Grund ist Frankreich Tourismus-Land No.1 of the World … Es ist schlicht wunderschön … Noch dazu kann man hier gnadenlos gut essen und trinken.

Was will man mehr?

Es muss vielleicht nicht gleich ein Ländertausch sein, so nach dem Motto, die Deutschen bewohnen Frankreich und die Franzosen leben in Deutschland … Aber tatsächlich, übertreiben beide irgendwie ein wenig, jeder auf seinem Spezialgebiet, dass man meinen möchte, dass sie zusammen ein echtes

Traumpaar sind.

Was das ganze mit Fortschritt zu tun hat? … Was das alles mit Drohnen, Apfelkuchen, Cognac getränkten Lederknebeln, Initiativen wie „Unser Dorf soll schöner werden!“ … Marmor-Gehwegen, Elektro.- Auto’s und Rädern zu tun, sowie mit Atom.- Wind.- und Wasserkraft zu tun hat? … Ich denke, ganz im Ernst,

einfach alles …

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