Um 11 :15 Start im Stadion, so las ich es … Pünktlich stand ich an-der Straße … und genauso pünktlich ging’s los … Erste Autos mit Werbung kamen angerauscht … manche mit Musik, manche ohne … manchmal saßen, oder standen Frauen und Männer auf den Ladeflächen und schrien
Werbejingles in Mikros.
Wo bin ich denn gelandet? … Was soll das Theater, das ist ja schlimmer als wie Karneval! … Auch schmiss man uns alles Mögliche, wie Kamellen um die Ohren … Sonnenhüte, Gummibärchen, ungezählte Werbezettel … Getränkedosen zum Glück nicht, die reichte man runter für Diejenigen, die schnell genug
grapschen konnten.
Und das konnten alle, außer ich … Weltfremd wie immer stand ich am Bordstein und sah der gierig raffenden Masse zu, wie sie alles haben will, was umsonst ist … ein paar Mal mussten Polizisten eingreifen, weil sich ein paar Ladies anfingen zu zanken, wer denn jetzt zuerst die lechzenden Klauen und Zähne in
Werbegeschenk schlug.
Es wurde voller und voller … Minuten verstrichen, doch der Zug von ungezählten Werbefahrzeugen – manche aufwendig umgebaut, einer sah aus wie ein riesengroßer Strauß Porre, ohne Scheiß – wollte und wollte einfach nicht abreißen … 20 Minuten dauerte es mittlerweile … Doch der Menschenmasse gefiel es …
ganz prächtig.
Mit jeder Minute jubelten sie lauter … 30 Minuten, immer noch kein Rennradfahrer … mit welcher Engelsgeduld Polizisten gleichgültige Passanten zur Ordnung riefen … dass eine gesperrte Straße tatsächlich bedeutet, dass sie gesperrt ist, fand ich bewundernswert … Ein paar meinten nicht hören, den Geboten …
gehorchen zu müssen,
was sie schnell bereuten … Personalien wurden aufgenommen und die unzufriedene und ungehaltene Bourgeoisie drückte ihre Unzufriedenheit aus … „Was soll das denn? Also jetzt, in Echt? Sie wollen meine Personalien aufnehmen, weil“ … Es ging hin und her, es wurde immer absurder …
arroganter Pinsel
dachte ich, wie ruhig der Gendarm blieb … schwer beeindruckt haben die mich … immer öfter hörte ich Trillerpfeiffen … nicht selten wurde es knapp, wenn einer dieser ungeduldigen Idioten wieder meinte über die Straße rennen zu müssen, während die endlosen Werbeprozession nicht abriss … In solchen Momenten …
klopft der Misanthrop
an meiner Haustür … 45 Minuten, es hörte nicht auf … hoch stand die brennende Mittagssonne … „mein lieber Scholli, wie das vom Himmel brennt!“ … ein paar Mal fliegen Gegenstände an meinem Kopf vorbei … nur in letzter Sekunde ducke ich mich weg … Erschlagen von Werbegeschenk, steht auf …
meinem Grabstein,
dachte ich sarkastisch … 60 Minuten, die Prozession war endlich zu Ende … Aber wo verflixt und zugenäht blieben die Radfahrer? … „Entschuldigen Sie, Monsieur Gendarm, wann kommen denn die Velos?“ … jetzt war ich gespannt, mittlerweile sah ich aus den Augenwinkeln, wie die …
meisten Zuschauer
wieder Tagesgeschäften nachgingen und von dannen trotteten … „gegen 13:15“ … bekam ich zur Antwort … Wie bitte? Hatte ich was überlesen? … Ich also wieder nachhause, greife mir den Flyer vom Mairie von Toulouse … Tatsächlich, da standen zwei Zeiten, na bitte …
ganz korrekt & akkurat.
Wie konnte ich das übersehen? … Doch über mich wunderte ich mich schon lange nicht mehr … Mittlerweile traue ich mir alles zu … 13:00 Uhr! Wieder stehe ich pünktlich an der Rue du Languedoc … Wieder kommen unendliche Autokorsos … Mal machen sie Werbung für Sportkleidung und so Zeugs, mal …
für Rennräder,
die sie auf ihren Gepäckträgern spazieren fahren … dann endlich kommen sie … angekündigt von einem Hubschrauber, der mir ausreichend Indiz gibt, dass es jetzt losgeht … und da kamen sie … husch-husch-husch … 30 Sekunden dauerte es und knapp …
200 Rennradprofis
sausten vorbei … 30 Sekunden, hallte es in meinem Kopf nach … was für ein Aufriss … auch fiel mir auf, dass weniger Zuschauer dabei waren, als um 11:15, als es Werbegeschenke hagelte … irgendwie fand ich das ernüchternd und, ja wirklich, ein Stück weit – total peinlich!
Show und Lärm
Das ist uns wichtig … die Sache selbst, ob Sport, Politik oder sonst was, scheint zuweilen unwichtig … Was ist uns Europäern überhaupt wichtig? … Nur noch Verteidigung? Aufrüsten, für Krieg gewappnet sein, falls der Hunger des russischen Bären größer wird, wenn er streitbarer als „nur“ …
mit der Ukraine
wird und sich mit noch mehr Nachbarländern, gar Nato-Partnern anlegen will? … Oft scheint‘s mir so. Nachdenklich und schockiert schlich ich nach Hause … „Hm, irgendwie muss ich das alles erst mal sacken lassen und richtig verstoffwechseln“ … Angewidert war ich, genau das trifft es am Besten:
Angewidert!
Auch der Lärm … Alles schrie man aus den Lautsprechern unfassbar laut heraus, dass ich mir manchmal die Ohren zuhielt … bestimmt sah ich aus wie der Mensch von Edvard Munchs Schrei, oder so ähnlich zumindest … eigentlich kenne ich mich als Frohnatur … Kippte das etwa?
Hatte ich ‘ne Midlifecrisis?
Eine Freundin ärgerte mich vor ein paar Tagen damit … Mein neues größeres Motorrad wäre ein erstes sicheres Zeichen für sie … auch wäre ich mürrischer und gleichgültiger als sonst … Hm, stimmt schon, eigentlich war’s mir egal, was sie sagte … die Tour-de-France hatte mich bewegt … sie erinnerte mich daran, dass ich mein ganzes Leben
Großveranstaltungen meide.
Wenn Menschenansammlungen zu groß werden bekomme ich schnell Gänsehaut … kann dann förmlich spüren, wie Spannung und Potential hochschnellen … alles ist dann möglich, wirklich alles … Nicht vergessen, nicht umsonst konnten wir im Mittelalter Frauen wegen ihrer Haarfarbe …
öffentlich verbrennen.
Heute machen wir das fiel bequemer vom heimischen Sofa aus, wenn wir mit dem digitalen Fegefeuer Millionen Menschen beeinflussen und lenken … ihnen allen möglich Scheiß zum Fraß vorwerfen, nachdem wir nicht nur ständig, immer zu gierig grapschen, allem Hinterherhecheln … nicht mal schweigen können wir, sondern wir müssen dann
auch noch reagieren …