Athen! – Odyssee 2025

Wie eine Faust schlägt mir die Hitze entgegen … „Fuck ist das heiß!“ … Wie im Tran taumeln wir die wacklige Metalltreppe herunter … ein paar Mal bleibt die Familie vor mir stehen … schon meine ich Babyspeck brutzeln zu hören … In Toulouse sah ich mit Bermuda und kurzem Leinenhemd mutig, ein wenig abenteuerlich aus … Für Athen bin ich

gut vorbereitet.

Wie flüssige Lava kriecht die Hitze in den offenen Bus … Es riecht nach Hektik, Ungewissheit, ein bisschen Furcht und Panik … Endlich schließen die Türen … Totenstille. Jeden packt die Hitze wo’s wehtut … Längst vergessen sind 1h Verspätung … hab ja leicht reden, ohne Anschlussflug auf ’ne Insel, wie die meisten meiner

Mitflieger.

Nach dem 3h Flug neben der fünfköpfigen Familie, mit drei kleinen Kindern zwischen 3 und 7, empfinde ich sogar die Hitze erfrischend … dabei hab ich gar nichts gegen Kinder, im Gegenteil … Franzosen überlassen alles irgendwie der Umgebung, gerne auch dem Staat, obwohl sie sich über selbigen gern beschweren … Selbst bei übelster

Schreierei & Streiterei

lacht meine frankophone Umgebung … wie reizend doch alles ist … Bullshit! Dabei sehen die drei Gören aus, als würde der Spacken von der Kinderschokolade ihr Bruder sein … während ich meine dunklen Gedanken in meine hinterste Zelle wegschließe … fast kühlt sie mich runter … bis deren Mutti dreizehn Mal „nein“ sagt und beim vierzehnten Mal nachgibt … endlich bekommt Prinzessin …

ihren Willen.

Ganz Muddi dachte ich … kurz vorm Aussteigen müssen wir auf den Bus warten … die Kleine nutzt den Moment, um zwei Stewardessen, samt Eltern in Beschlag zu nehmen … irgendwann merkt sie, dass was nicht stimmt … langsam dreht sie sich um, sucht, findet und erschrickt

… als sie mich anschaut.

Spüre weder Groll noch sonstwas … kann sagen, das ich echt absichtslos schaue … Zehn Sekunden später klammert sie sich an Mamas Beinen fest … neugierig sehe ich in den Flieger hinein, sitze nach Athen immer in der letzten Reihe … „was ein stechender Geruch, wie aus’m Schweinestall“ … Sämtliche Deos haben

aufgegeben.

Im Bus gib’s schöne Beine zu sehen … „Hm, lecker, schön fest im Fleisch“ … meine Gedanken lassen mich lächeln … ernte neugierige Blicke … „Zisch-Zisch-Pfffffff“ … wie eine Dampflokomotive faucht der gelblackierte riesige Schuhkarton, der uns über das Rollfeld schippert … und herum schaukelt

wie eine Hafenbarkasse,

denke ich … als seine Türen schließen … Glänzende Gesichter, dunkle Flecken unter Armen und Hosenböden … manche farblos, manche nicht … „ist die dicke Busfahrerin besoffen oder was?“ … fährt uns kreuz und quer über’n Flughafen … sitzt vorm Lenkrad, wie‘n Schlachter beim Ausweiden

von Schweinen.

Endlich! … „Zisch-Pffff – Zisch-Pffff“ … Türen fliegen schwungvoll auf … benommen purzeln wir aus den Eingeweiden des metallenen Kasten … wieder riech ich Speck und verbrannte Borsten … endlich drinnen … kühle Luft umarmt uns, wie die Arme des Klabautermanns … Im Slalom lauf ich um Hindernisse und

Menschen herum.

Mal weich ich Bänken aus, mal Ansammlungen … übliche französische Gruppen, Rotten, die sich darüber austauschen, was man abends gemeinsam essen und trinken könnte … wer mit kochen, aussuchen dran ist, wer, warum Chablis eigentlich NICHT mag … sowie viele andere Dinge, die lustig sind, solange ich …

in La France bin.

Kumpel S. wartet an an der Akropolis mit‘ nem Motorrad … Xénophon fährt mein Taxi, damit ist er der zweite mit diesem Namen, nach dem antiken Dichter und Philosophen … Wir reden über Oliven, 800 Bäume hat er in der Nähe bei Kalamata … ist 69 Jahre alt … sein Gesicht erinnert mich an

Charles Bukowski.

Seine Frau ruft ihn zwei Mal an … Wir plaudern weiter und … Schon stehen wir vorm Parthenon … „Mach’s gut, schönen Tag noch“, schon ist er weg … Eigentlich kann ich Hitze gut ab, die hier jedoch ist neu … scheint mir irgendwie was ganz anders zu sein … Klar ist es heiß in Juli und August, aber nicht so … Also rauf aufs Motorrad von …

Motorent.gr.

„Boah, leck mich am Arsch!“ … Ein Riesenfön drückt mir ne üble Hitze auf nackte Arme, kippt Lava auf meine Brust, ich glaube meine Haut brutzeln zu hören … dazu dieser heiße Wind … „Alter, wie krass ist das denn!“ … dröhne ich in die Hitze des frühen Abends … vermutlich bleibn‘s die letzten laut ausgesprochen verzweifelten deutschen Worte des Tages

in Athen.

Geschmolzenes Gummi lässt Straßen glänzen, als wären sie nass … quietschende Reifen, wie die Höllentore zum Schafott … nackte Haut, kurze Kleider lenken mich beim Fahren ab … „Schön aufgepasst, sonst gibt’s Unheil“ … mahn ich mich zur Konzentration … bin mit 15 schon mal ge-crashed, natürlich wegen einem …

Mädchen.

Musste einfach hinsehen, während mein Kumpel vor mir meinte zu bremsen … heute dafür ganz seriös, ermahne ich mich … „boah, hast du die da gesehen? Ich werd verrückt, was für ein“ … keine Ahnung, ob‘s die Hitze ist, oder was auch immer … Athen lässt mich die Leiter höher erklimmen … faszinierend, diese ungefilterte

Wucht Leben.

Nach 10min biege ich vom Boulevard ab, endlich: Exarchia … kleine Mopeds drängeln sich eng an Bussen vorbei, wildes Gehupe links und rechts … eine Alarmanlage trötet vor sich hin, niemand nimmt Notiz davon, nur ich … wildes Parken in erster und zweiter Reihe … dann endlich, geschafft: Methonis … Schnell das

Moped im Schatten parken.

Drinnen erwartet mich ein herzliches Willkommen … Flott schmeiße ich meinen Rucksack in die Ecke, ich muss erst mal raus, zum Ankommen … Jedes Mal muss ich erstmal ziellos herumrennen … wie ein streunender Hund, der sein Revier markiert … wie gut mir dieser Dschungel tut … und wie groß er doch wirklich ist,

mein Hunger,

nach Unordnung, Chaos und Unsicherheit … Als müsste ich das ganze Bürgerliche von mir abwaschen, abstreifen, entsorgen … gleich, schau nur da vorne, ein großer Müll-Container, ja genau dort gehört der ganze Quatsch reingeschmissen … nur das Nötigste übriglassen, Schluss mit dem Schaulaufen, dem Her-Zeigen vom

Gutbürgertum,

mit seiner vermeintlichen Hochkultur … seiner Etikette, seinen Regeln, hier gilt all das nicht … hier im Dschungel herrschen die Gesetze des wilden, ungefilterten Lebens … hier zählt was du sagst und was du tust und wie das zusammenpasst … draußen kaut die Hitze auf mir rum … bald gehe ich langsamer,

Zen-Modus.

Hier spürt man sich und sein Leben … Hier hocken wir dicht auf dicht … Jeder spürt dass was nicht stimmt … schon länger ist es so … hier schaut man der alles verschlingenden Hure Kapitalismus zu, wie sie alles frisst, beiseite drückt, vereinnahmt … alles haben will, muss, jetzt … ja bitte, sofort … morgen ist mir

zu spät, verstanden?

Ein bisschen plötzlich, bitte-sehr! … Geld und Macht haben Vorfahrt … Fairness, Moral, gar Barmherzigkeit … wer kann sich son’n Scheiß leisten … Hier sieht man wie man aus Verzweiflung weitermacht … bis zum allerletzten Atemzug … aufgeben zählt nicht … jetzt dazu noch, mit unglaublichen

Hitzewellen.

Zwischen 14 und 18 Uhr sind die Straßen leer … Wer kann, sitzt in irgendeinem klimatisierten Loch und harrt der Dinge die da kommen … zwischen 19 und 20 Uhr füllen sich die Straßen wieder … man merkt schnell, dass es immer noch zu heiß ist … 22 Uhr: Endlich geht die Temperatur runter … gegen Mitternacht haben wir

35 Grad.

Immer noch! … Fühlt sich krass an … Es sind mehr die hohen Temperaturen in der Nacht, als die brennende Hitze am Tag … Unter 30 wird es nicht mal mehr in den Morgenstunden … Ohne Klimaanlage lässt es sich nicht ertragen, ausgeschlossen … Konsequent habe ich mich allen Museen Athens verweigert … Die Wahrheit ist, des es mich

irgendwie langweilt.

Mich reizt das Echte … richtige Ruinen ansehen, statt in klimatisierten Glaskästen bestaunen … irgendwie mein Credo … Mit Motorrad statt mit klimatisiertem Auto rumfahren … Jene gut-bürgerliche Tendenz, es sich immer gemütlich und nett zu machen … alles sollte am Besten herrschaftlich und natürlich

großartig sein.

Grenzen und Kasten einreißen … „unter den Talaren, der Muff von 1000 Jahren“ … könnte leicht ewig so weiter machen … lass es für heute aber besser sein … bleibe ein paar Mal andächtig stehen, wenn ich mir die raue Schönheit ansehe … wenn flirrende Hitze durchs Viertel drückt und es mir wieder und wieder …

die Sprache verschlägt …

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