Neustadt – Odyssee 2026

Es war mal wieder fällig … bin aus vielen Gründen seit ein paar Tagen wieder in Norddeutschland, genauer gesagt – Schleswig-Holstein … Es macht wenig Sinn, jemandem zu erklären, warum das Nördlichste aller Bundesländer so merkwürdig magisch ist … auch ist es nicht so, dass es dort nur

Flach und grün ist,

auf keinen Fall … wer die hügelige Landschaft noch nicht gesehen hat, der kennt nicht das Gefühl, hinter jeder nächstbesten dicken Eiche einen Wikinger zu erwarten … vielleicht ist es die Mischung aus grau-blau, kombiniert mit Sonne, die hier irgendwie besonders mysteriös daherkommt, als hätte

Odin persönlich,

oder Edvard Munch diese merkwürdige Komposition erschaffen … mein Bruder und ich wollten mal wieder Ostsee, Neustadt und Essen gehen unter einen Hut bringen … ehrlich gesagt, wird dein Gemüt zurzeit sowieso schon auf eine harte Probe gestellt, wenn du mit dem Auto unterwegs seid …Im Ernst:

Hamburg?

Solltet ihr meiden, nicht nur wegen geplatzter Wasserrohre … die Stadt leidet an chronischer Verstopfung und zu vielen Verkehrsschildern … selbst auf dem Weg in den hohen Norden, auf der A1, erwarten dich Baustellen mit ähnlich magisch-irritierender Wirkung wie das Meer selbst… niemand kennt ihre

wahren Bestimmung.

Wenn man über 50 ist, hat man grundsätzlich schon ein paar Kilometer hinter sich … warum man auf einer Baustelle zwischen Bad Oldesloe und Lübeck auf einem mehrere Kilometer langen Stück nur 40Km/h fahren darf, ließ uns genauso rätseln, wie die ost-deutsche Faszination für die blaue AfD, oder Don Blondies

Zollpolitik.

Mit 40 über eine deutsche Autobahn zu rollen, ist ähnlich bizarr, wie in Frankreich nach alkoholfreiem Wein zu suchen … niemand traut sich schneller als die auf leuchtend weißem Untergrund, fett rot umrandeten Gebots-Schildern aufgedruckten schwarzen Zahlen zu fahren … es gab kein Entkommen,

es blieben 40.

Hin und wieder erhaschte ich eingefrorene Gesichtsausdrücke, die mich mit ihrer an Granit erinnernden Gemüts.- und Regungslosigkeit an Kraftwerk und „wir sind die Roboter“ denken ließen … auffällig die Pärchen, wo jeder, oder einer von beiden mit Kopfhörern, Earplugs saß … schwer zu sagen was wir beeindruckender fanden,

die verbissenen

grimmigen Gesichter, oder die Erstarrung von Armen und Gesichtern … Irgendwann rollten wir wieder flott daher über Odins sanfte Hügel, vorbei an Lübeck, Schwartau und irgendwann Scharbeutz und Eutin, bis dann endlich – Schilder Neustadt ankündigten … „kleiner Zwischenstopp bei

Trigema, gefällig?“,

so verkaufte ich meinem Bruder die Idee, unter anderem neue T-Shirts zu kaufen … rein und raus, zick-zack und fertig, schwarz, weiß, zicke-zacke-hühnerkacke … 15min später parke ich den roten 40 Jahre alten BMW 320 direkt am Hafen von Neustadt. Herrlich. Kein Tourismus oder Dergleichen, alles ist still, leise und unaufgeregt, wie all die

Jahrzehnte vorher.

Menschen mit Mützen und Funktionskleidung sitzen in der Sonne … schwenken Klüvers, auf der Terrasse mit gleichem Namen … „boah, schön Sonne, schau mal“ … was wollen wir mehr? Eben … Während man in Hamburg die Hektik spürt, wie sie an dir zerrt und herumzupft, als würde man dich für ein

Hühnchen halten,

dass man rupfen muss … manche Rechnungen in Café und Restaurants bestätigen dies Gefühl, dass du dich ertappst, wie du vergeblich nach Federn an deiner Jacke suchst … in Hamburg fängst du dir ein Hupkonzert ein, wenn du bei Grün nicht flott-flott, dalli-dalli auf die Bäume kommst,

„pass bloß auf, ja?“,

während du in Neustadt den Eindruck hast, aus Zeit und Raum gefallen zu sein, sich alles zäh und gemächlich bewegt, als würde die Ostsee aus Quecksilber bestehen, deren Wellen sich nur in Zeitlupe bewegen … Kaffee, Bier und Fischbrötchen, so ähnlich stiegen Gedanken in uns auf, bis wir nach

einer Weile,

weiterschlenderten … jener alte Marinestützpunkt, mit seinen grau gestrichenen Schiffen davor, ließ mich wieder nachdenklich, noch etwas melancholischer werden … „wozu ist denn dieser riesige Kahn gedacht?“ mein Bruder hatte den gleichen Gedanken, als uns ein Schiff mit dem merkwürdigen

Namen „ex Köln“

Ins Gesicht sprang … Gedanken und Gespräche, türmten sich in mir auf … der mysteriöse grau-ölige Himmel, mit den leuchtenden Farben der untergehenden Abendlandsonne, ließ mich an „den Schrei“ denken, ohne dass ich ihn anstrengen musste … ausgeschwitzt vom dunklen Wasser und letzten

Sonnenstrahlen,

wuchs das Bild nicht nur zur Übergröße in meinem Gedächtnispalast, sondern schwebte vor mir über die Bucht vom Neustädter Hafen, wie der Gefangenen-Chor von Nabucco sein Werk leise beginnt, um dann zum Ende furios z enden … endlich am Strand … plötzlich ist es völlig windstill … nur das leise

Glucksen und Rauschen

Der Ostsee in der Luft … andächtiges Schweigen beim Ehrenmal der Cap Arcona … dann taucht Restaurant „Kiebitzberg“ aus dem Nebel auf … muss endlich an den Strand, bevor wir reingehen, ich hocke mich in den Sand, peile den Leuchtturm von Pelzerhaken an … dort erwischt sie mich dann –

Stille und Faszination

für das Meer … egal ob Ägäis, Atlanktik, Nord.- oder Ostsee … es packt mich mit eiserner Faust, ein merkwürdiges Gefühl, eine Mischung aus Erleichterung, Schock und Erlösung – unbeschreiblich … in meinem Kopf herrscht Platzregen, ein Konfetti-Tsunami von Bildern … doch so wie er kommt, so

geht er wieder.

Wir gehen zum Restaurant-Eingang … wir lesen ein Schild „Inhaber: E. Panagiotopoulos“ … sofort lächle ich … gerade wollen wir reingehen, da wird die Tür rechts vom Haupteingang aufgerissen, „Personal“ steht drauf … sofort weiß ich, wer es ist … „Ela file mou, ti kaneis?“ … er strahlt mich an.

Evangelos, himself.

„Was machst du hier und nicht in Hellas?“ … wir plaudern kurz auf Griechisch, dann Deutsch … für mich, wie immer, ein großes Glück „Landsleute“ zu treffen … ein merkwürdiges Gefühl von Vertrautheit und Sehnsucht, obwohl ich erst vor Kurzem in Athen war … Wir gehen rein, bekommen

einen tollen Tisch,

mit Blick auf die Ostsee … „nimmst du auch Weißen, für den Aperitif?“ … wir sind uns einig … paar Minuten später kommt eine Frau zu uns an den Tisch … „Gia sou, kalispera“ … Schwester Vicky begrüßt uns … genauso umwerfendes Lächeln wie der Bruder … wir plaudern, bin hin und weg von ihr, von ihrem unglaublichem

Strahlen.

Keine Ahnung was es ist, vielleicht die offene Herzlichkeit, die ich in Westeuropa oft vermisse? … oder das vollständige Fehlen, von feudalem Kolonialisten-Gehabe? … Bestimmt eine Mischung aus Beidem, plus etwas Unbekanntem, bin mir da sicher … der Weißwein ist großartig, unsere Vorspeise

Piri-Piri auch.

Danach gibt es gegrillten Kabeljau, mit Kartoffelpüree und Salat … wir plaudern über Gott und die Welt, um uns herum viele Menschen auf Krücken aus dem nahen Krankenhaus, dass ich auch von drinnen kenne … Neustadt, welch buntes Kaleidoskop du bist, jetzt sogar um schönes

weiß-blau verschönert.

Wieder springt mein Gedächtnispalast auf ein paar Zeilen aus dem Buch von Zhuangzi … es hat die gleiche Magie wie die alten oder neuen Griechen, egal ob Kavafis, oder Liantinis … jene Schlichtheit der Sprache, verbirgt, bietet eine solche Tiefe an, wie ich sie so oft in neuen Büchern vermisse. Es ist keine Abkehr von

Gegenwart und Zukunft,

mitnichten … eher ein unabdingbares Insistieren, bereits entwickelte Errungenschaften auf keinen Fall preis.- geschweige – aufzugeben … man muss sich anstrengen, um Perfektes zu verbessen … nicht selten ist es besser, sogar weise zu erkennen, ein Ideal, gar nicht mehr …

verändern zu wollen …

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