Zweite Woche Athen … bin gefühlt irgendwie schon ewig hier … in den Tag hineinleben, so fühlt‘s sich an, längst sind alle Routinen von mir abgefallen … vor mich hinvegetieren wie eine Pflanze, oder ein Tier, dass zwar über Witze lacht, aber nicht erklären kann, warum … Wärme und Hitze kochen mich windelweich … In der Woche morgendliches,
tägliches Baden
In der Ägäis, ist als einzige Routine übriggeblieben … schon ab 9 Uhr morgens stehen 30 Grad an … alle Bewegungen lösen noch mehr Wärme aus, du kraulst durch die dicke heiße Luft hindurch, fühlst dich schnell müde wie die abgewrackte Berge Stahl … permanenter Teppich aus Moped-Geknatter, Hupen, Musik
und Sprache.
„Ela Malaka …“ den ganzen Tag geht das so … Malaka hier, Malaka da … um hier zu leben brauchst du gute Nerven, dazu ein robustes Fundament aus Aufgabe, Arbeit, Familie, Partnerin oder Hobbies … als Single musst du Backgammon und Schach spielen, dann überlebst du, damit kommst du durch den Tag, ohne alleine zuhause
zu verschimmeln.
Überhaupt, du spürst hier so etwas von Endgame-Stimmung … zwei Kriege sind zwei zu viele … ob Hamburg, oder Athen, 30% weniger Geschäft für Taxifahrer, vermutlich auch für andere … Inflation und hohe Spritpreise treiben auch Lebensmittelpreise hoch … bin natürlich Pazifist, aber ganz im Ernst, unter uns Pastorentöchtern:
Europa ist zu defensiv.
Längst sind Wirtschaft und Ökonomie neue Kriegsschauplätze … Künstliche Intelligenz, Cloudcomputing, Smartphones, Nvida, Blackrock, Space-X und Sheriff Don Blondie … FCAS hat wieder mal gezeigt, wie es um unser Europa steht, wie rücksichtslos männliche Alpha-Leader in Politik & Industrie mit unserer aller
Zukunft umgehen!
Man möchte im Strahl kotzen … keine Ahnung wie es den anderen 500 Millionen Europäern geht, aber die Leader machen ihren Job nicht … nicht einmal durchschnittlich gut, nein – sie machen ihn SCHLECHT! … Alles verzieht sich zurück in seine nationale Komfortzone, aus der niemand ausbricht, weil keiner den ersten Schritt macht?
Zum Heulen.
Im Zwischenmenschlichen, das Gleiche … alles wird reduziert auf Geld, Alter, Herkunft … welche Möglichkeiten sich MIR mit dem ANDEREN bieten … alles, selbst unsere Freizeit ist verkommen zum Deal, zum Handel, Value-Maximierung pro Zeiteinheit … Inseln der Ungezwungenheit, des Spiels, des lockeren Daseins, ohne
Erwartungen?
Sind selten geworden … Im Gegenteil, jetzt wird AI / KI uns den Garaus machen … egal ob Politik oder Wirtschaft, man klammert sich am Strohhalm AI fest, als wäre es eine Kreation von Jesus himself … Ideen und Einfälle für Klimaschutz, umweltfreundliche neue Arbeitsmärkte, und regenerierende Energiegewinnung sind längst
ins Hintertreffen geraten,
seit Europa wieder aufrüstet … natürlich nicht gemeinsam, sondern wieder jeder mit seiner eigenen Rechthaberei … muss seit einiger Zeit an Stefan Zweig denken … ihm muss es ähnlich ergangen sein, als er vor 100 Jahren aus Europa flüchtete, weil aufkommender Nationalismus ihn dazu zwang … zum Glück habe ich eher selten
jene Melancholie
in mir aufsteigen, die meine gute Laune versauern könnte … ein Abend im K.O.T.E.S. – keine Ahnung, ob es Montag oder Dienstag … sitze mit Nikos am Tisch, wir schweigen zufrieden um die Wette … eine dunkelhaarige Frau Mitte dreißig kommt dazu … ganz korrekt formell, in so einer Art Kostüm, hatte ein Interview … nach einer Weile plaudern
wir über das Leben,
Arbeit, Kunst und Liebe … sie dreht richtig auf, bin ganz baff, hänge an ihren Lippen … sie fliegt herum, hebt ab zu den Sternen, hüpft von Planet zu Planet … rutsche unruhig auf meinem Stuhl herum, Nikos bemerkt das, lächelt verschmitzt in sich hinein … sie redet ohne Pause, höre ihr gerne zu … Sprache und Wahrnehmung sind der
Hammer!
Aus Tripolis, Peloponnes kommt sie … lebt seit ihrem 18 Lebensjahr in Exarchia … bestelle ein neues Bier, sie biegt ab Richtung Malerei, ihrer letzten Ausstellung hier im K.O.T.E.S. … zwischenzeitlich wechselt sie von Englisch in Deutsch, dann in Französisch … „Wie gerne würde ich jetzt eine Zigarette rauchen“ denke ich mir, schiele zu
Nikos Schachtel,
der lächelt und nickt … da ist es geschehen, komme mir vor wie ein Betrüger, ein Eroberer, oder ein Mount Everest Besteiger, vielleicht alles zusammen … jedenfalls nicht als Gewinner, die finde ich langweilig, zum Teil eitel, furchtbar, einfach zum Kotzen … Randgruppen, Künstler, vom Schicksal gebeutelte sind die spannenderen Menschen, haben
meist mehr gelernt,
aus ihren vielen Unfällen, Scheidungen, ihrem vielschichtigen Scheitern … „Ich heiße Dimitra“ … sie scheint einen riesigen Wortschatz zu haben, eine Mischung aus Achterbahnfahren und Museumsbesuch … sie zaubert vierdimonsionale Gegenstände aus dem Nichts … beschreibt detailliert, was ihr geschehen, widerfahren, warum
sie malt, was es ausdrückt,
was Kunst im Allgemeinen, im Besonderen, für sie, sich selber ist … irgendwann wechsle ich auf Tequila auf Eis, unsere multidimensionale Unterhaltung geht weiter … wir knabbern Erdnüsse, nippen an unseren Getränken, landen irgendwann bei Philosophie, Dimitris Liantini, fliegen weiter zu Recht, ihre Heimat, ihr Métier, wir bestellen
Wodka on the rocks
keine Ahnung wie spät es ist, fühle mich wie im Flow … wir haben eine großartige Synchronisation, sie gibt mir tiefe Einsicht in ihre Erlebnisse … sie hat das Talent dir Sterne vom Himmel zu pflücken … und ich begreife auf einmal, warum solche Menschen beeindruckend sein können … beeindruckend und auch –
beängstigend.
Autos, Motorräder und Roller knattern die Kolokotroni-Straße hoch … warmer Wind bläst hin und wieder durch uns hindurch … Georgios Klangteppiche strömen aus dem K.O.T.E.S. heraus … ihr Rock flattert unterm Tisch herum, während wir munter weiter unseren Wodka trinken … hundert Dinge flattern mir durch den Kopf, während ich …
ihr zuhöre.
Wir sehen uns ihre Bilder an, die sie im K.O.T.E.S. ausgestellt hat … auch sie dichtet, schreibt Poesie, Lyrik … wir tauschen unsere Nummern aus … sie schickt mir ihre Poesie-Sammlung … irgendwann brechen wir auf, glaube es war gegen Mitternacht … wir gehen zusammen, erst nebeneinander, dann hintereinander, sie hat einen strammen Tritt,
wie ein Soldat.
Auch weiß sie am besten wo sie wohnt … bestimmt haben wir immer noch 30 Grad … Graffitis springen mir ins Auge, Geräusche, Gerüche, Bewegungen … mein Geist leuchtet wie ein Christbaum … nein, scheiße, er brentt lichterloh, in Flammen steht er … gleißend hell fackelt er vor meinen Augen, wie eine überdimensionierte
Wunderkerze.
Wir stapfen die Charilou Trikoupi hinauf, biegen einmal links, dann wieder rechts in die Zoodochou Pigis … zigmal sagt sie den Namen, doch ich versteh ihn nicht … keins meiner Sprachregister konnte den Namen irgendeiner Bedeutung, einer Sache, einem Ding zuordnen … mir ging es wie den Indianern damals, als sie die Schiffe der
Spanier nicht sahen,
weil sie keinen Begriff dafür hatten … dann stehen wir vor ihrer Wohnung, sie sprüht vor Energie, Worten und etwas mir Unbekanntem … „kommst du noch mit rein?“ Geist, Körper und Seele drehen und recken sich, ich lehne ab, wäre gerne mit reingegangen … merke aber wie hell erleuchtet mein Gedächtnis-Palast ist,
wie er Karussell
mit mir fährt … herzliche Verabschiedung … donnernd fällt ihre schwere Haustür ins Schloss … ich trabe zu mir nachhause … hechte den zweiten Stock hoch, schmeiße die Klimaanlage an, öffne ein Fix … raus aus den Klamotten, erstmal aufs Sofa setzen … runterkommen, landen, vorsichtig, sachte … lasse Tag und Nacht
Revue passieren.
Was für eine großartige Frau … du meine Güte … mein Kopf spielt Looping, das alte CBS-Video-Spiel, mein kleiner Flieger dreht endlose Runden in meinem geistigen Labyrinth … irgendwann ist mein Bier alle … Katzenwäsche und ab ins Bett … öffne ihre email, den Anhang mit dem Werktitel „The infinite Kosmos“ … lese langsam, achtsam
alle neun durch.
Wow … „hat die Frau viele Talente“ denke ich mir … malen und schreiben, beides gleichzeitig … hatte ich auch mal vor, kaue darauf „endless“ herum … irgendwann fallen meine Augen zu … mein Schlaf ist unruhig, träume von ihr, denke an sie … nächster Morgen … Nachricht von Dimitra, ihr ging es anscheinend ähnlich … das ist‘s,
das Athen-Syndrom.
Überall gibt es kreative Menschen … egal ob Hamburg, Madrid, Athen oder Mondonville … sie sind nach Herrn Gauß überall gleich verteilt … Mathematik nimmt keine Rücksicht auf Pass oder Nationalität … doch die Art, wie man in Athen mit unbekannten Leuten in tiefe Unterhaltungen abtaucht, ist, behaupte ich, einmalig in Europa … weder in Spanien, Deutschland,
oder Frankreich
ist mir Ähnliches passiert … man geht sofort aufeinander los, offen, neugierig, ohne Filter … auf Augenhöhe, man taktiert nicht lange, oder wägt groß ab, welchen Gewinn man selber, gar voneinander haben könnte … so eine unvoreingenommene absichtslose Neugier findet man selten bei den vier, fünf oder sechs großen Kolonialisten.
Superiority,
darum dreht sich alles, man spricht, handelt mit Erhabenheit, man gewährt den anderen … was auch immer und sei es die Zeit, die man, ist man glückselig genug, mit ihnen teilen darf, nicht selten zugeteilt bekommt, da alles einem Nutzen, einem Auftrag, einem Weiterkommen unterworfen sein muss … vermutlich einer meiner eigenen
Hauptthemen im Leben:
Wie in einer solchen Gemeinschaft, auf einem solchen Kontinent leben, wenn ich selber daoistische, altgriechische Werte und Verhaltensweisen schätze, anwende … so sieht glaube ich unsere Wahl aus: Entweder bleiben wir kantig und bauen aus uns selbst und unserer Unverrückbarkeit die eigene letzte Festung … oder du bleibst durchlässig
und offen für Unbekanntes
Und lässt dich den Berg des Lebens oft und verschieden genug rauf.- und hinunterrollen … bis du durch die ewige Bewegung, in jeden Garten, überall hin, ohne Schaden bewegt wirst … mühelos überall hineinpasst, um als Kugel, Kunstwerk der Erde und Zeit, als solches gesehen zu werden … welch schöne Wahl, entweder unverrückbare,
uneinnehmbare Festung …
oder schöne Harmonie …
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