Eine kurzfristige Reise nach Rochefort … Broterwerb, diesmal an der Atlantikküste … morgens um sechs gings los … Null Grad draußen, „Winter is coming!“ … mein Mietauto plästert Sahara-Luft ins Weltall … eine Stunde später saust Agèn vorbei … weitere Stunde später … die üblichen Staus um
Bordeaux herum
sorgen für Abrissbirnenstimmung … Gedanken an bekannte Menschen sprudeln plötzlich hoch … schreibe ein paar Nachrichten auf Insta und Whatsapp … die Sonne geht auf … welch ein Anblick, immer wieder von Neuem … mag Dunkelheit immer weniger … und Kälte erst … alles unter
30 Grad
ist mir zu frisch, alles unter 20 ist ‘ne Zumutung … alles unter 10 Grad aber ist nicht mehr akzeptabel, aber so gar nicht … doch genau die, haben wir jetzt überall in Europa … außer in Hellas natürlich, da ist die Welt noch in Ordnung … 10:30 Ankunft in Rochfort, nicht zu verwechseln mit Roquefort,
dem Käse,
wenngleich die in Rochefort bestimmt auch welchen machen, bin mir da ganz sicher … in La France macht jeder Ort seinen eigenen Käse, soviel ist mal sicher … wir wursteln tagsüber mit Lokalisten herum … man zeigt was man wie macht … alles ganz nett und sehr interessant, wie immer,
wenn man woanders ist.
Viele Gebäude sind hier sehr alt … obwohl der Hafen an der Charente klein ist, kann man die Dockanlagen von Louis Katorze noch gut erkennen … dutzende Kriegsschiffe hat der Bourbone hier bauen lassen … was ich gegen Abend beim Einchecken bemerke, im altehrwürdigen Mercure Rocherfort
La Corderie Royal.
Weil Ludwig der viertel-vor-vierzehnte hier dutzende Kriegsschiffe fertigen ließ und reichlich Tampen und Taue brauchte, haben die Rochefourter eine 300m ewiglange königliche Seilerei gebaut … Richtig gelesen: 300m man steht staunend davor, ich zumindest bekam den Mund nicht mehr zu.
„Bonsoir Monsieur“
Auch die Empfangsdame strahlt was Festlich-adliges aus … „Bonsoir ma petite fêmme noir“ wiederholt mein menthales System No.2 aus der Erinnerung von „Django unchained“, einer der unvergesslichen Dialoge von Christoph Walz … Kinderstube, gutes Benehmen und
Moralischer Fortschritt
Lassen mich daher den inhaltlich nicht nur falschen Satz eben NICHT sagen, da die junge Dame mir gegenüber erstmal pitch-white ist, sondern auch, weil ich diesen Humor einer unbekannten Lady kaum zumuten möchte, weswegen ich es bei den nüchternen Worten belasse …
„Ich habe ein Zimmer reserviert“
„Schauen Sie, gehen sie direkt hier die Treppe hoch, gleich hier über uns, im ersten Stock befindet sich ihr Gemach“ … sie ist so freundlich, dass ich kurz davor bin mir den Mund mit Ricard auszuwaschen … schon geht‘s rauf, die fürstliche Treppe hoch.
Alles plüschig hier.
Öffne die Tür zum Zimmer mit Stolz & Glorie … dunkles, warmes Loch, herrlich … jemand hat viele Stunden vorgeheizt, es ist warm wie in einer Sauna, großartig … Karte in den Schlitz gesteckt … flackerndes Licht blendet mich … Scheiße! Erschrecke mich zu Tode … Ein Mann in Uniform
hängt an der Decke.
Hat sich erhängt, verdammter Mist, wieso erlebe ich immer sowas … erhole mich langsam erhole vom Schock … zum Glück hängt er nicht, sondern prangt in ‘nem riesigen Ölgemälde lebensgroß vor mir, da steht, wacht er also … der Leibhaftige, er ist es tatsächlich, der große, unvergleichliche
Napoléon Bonaparte.
Enge weiße Brokathose, sein Gemächt links tragend, mit breiter Kaiser-Scherpe und Reichsorden, einem Fernglas oder Marschallstab in der Hand … zumindest glaube ich, dass es Napoléon ist, auch wenn mich seine wilden Locken irritieren … er hat sonst immer eher schütteres Haar, ein wenig
fettig, mit Haartolle,
die mich an Schweineschwänze erinnert … hat man ihn idealisiert gemalt? Könnte sein, Louis der Vierzehnte trug ja meistens Perücke … Wenn es aber nicht Napoléon ist, wer dann? Hängen die sich hier gar eine Nummer zwei, drei, oder zehn an die Wand? Würde mir die Franzosen sehr ans Herz
wachsen lassen.
Ein paar Mal erschrak ich noch, als ich in meinem Hotelzimmer herumschlurfte … auf die Palme brachte mich das sogar … was hängen die einen Kriegsherren in mein Zimmer … soll ich dann friedlicher schlafen, gar behütet, beschützt weil Onkel Napoléon über mich wacht, ganz
Im Ernts?
Man fühlt sich doch nicht wohl wenn man nackt herum rennt, während einer mit Säbel und Uniform hinter dir steht … Napoléon hin oder her, geschenkt! Und wenn sie hier Alexender den Großen hinhängen … Sollen mir doch alle gestohlen bleiben, diese Herrscher-Heinis … dabei ist
Bonapartes Geschichte
irgendwie auch traurig … krepiert an Krebs, oder Vergiftung, sicher ist man sich da nicht wirklich, wie auch, ist ja lange her … wird gerade Anfang fünfzig, der Arme … lässt sich auf seiner verdammten Insel in seinen letzten Tagen von so ‘nem künstlichem Hofstaattheater unterhalten und aushalten,
bis er wegsegelt,
um sich und seine sterblichen Überreste von einem Segelschiff, mit dem Namen „Schöne Henne“ zurück nach La France bringen zu lassen, um sich – vermutlich auf ewig – in den Invaliden-Dom in so ein rotes Marmor-Monster zu „betten“ … sogar ausgeräumt haben sie den armen Kerl, Herz und Eingeweide
getrennt beerdigt,
was für ein Theater … als wenn es eigenständige Persönlichkeiten sind, was ich zuweilen gerne bestätige, so ganz nebenbei … vielleicht essen Franzosen deswegen so gerne Andouillette … müsste man mal eine Studie, eine Doktor-Arbeit dazu starten, um das gründlich zu untersuchen,
falls man‘s noch nicht g‘macht hat.
Ägypter und ihre Pharaos sind so als Erstes vorgegangen, einbalsamieren und so … Totenkult, sag ich nur … glamourös und pompös, so sind die Dinge hier gerne in der fünften Republik … Zum Glück blieb es bei nur einer Nacht mit Napoléon … selbst als Gemälde stört er … jedenfalls mich,
den Preußen.
Wer weiß warum … meine Rückfahrt verlief glimpflich … alle Staus um BDX herum waren überschaubar, nicht allzu lang … gegen Abend kamen wir in Toulouse an … auch hier glitzert es überall in der Altstadt … Girlanden, grüne Plastik-Weihnachtsbäume, mit und ohne Beleuchtung … Nun denn, du
Christliches Abendland.
Wollen mal schauen, wie lange, wie oft wir noch Weihnachten feiern … kostet ja alles eine Menge Kohle, Energie und Zeit … außerdem können wir ein paar Rituale irgendwann mal beenden, nach über 2000 Jahren, finde ich … zumal wir das ganze Jahr über futtern und trinken wie die Weltmeister.
Wär das nichts?