Ausverkauf – Odyssee 2025

Genau so kommt mir gerade Vieles, vielleicht sogar Alles vor … So, oder so ähnlich schoben sich einige dieser ewig unzufriedenen, skeptischen, von Natur aus kritischen Gedanken vor meine vor brauner Sorge gewellte Stirn … Ohne Ziel schlenderte, flanierte ich durch die Straßen vom Stadtzentrum von

Toulouse.

Jene 30 Grad und Sonnenschein erinnerten meine Sorgen daran, dass der Sommer, zum einen, noch nicht vorbei ist, und zum Anderen, dass ewige Empörung dir Stimmung und Visage versaut … „Sorge dich nicht, lebe!“ … so, oder so ähnlich lautet auch einer der Titel von diesen ungezählten Lifestyle.- und

Well-Being-Bücher.

Sich ständig mit Scham, Ärger, Zorn und Melancholie einzucremen ist genauso Mist, wie als dauergrinsende Marionette herumzufliegen, als gäbe es keine Schlechtigkeit auf der Welt … Ausverkauf! Wieder mal lud der Bürgermeister von Toulouse ein, durch die gesperrten Straßen vom Stadtzentrum zu spazieren …

Vorbei an Dekoration

Klamotten, Schuhen, Möbeln, Kunst und sämtlichem Nippes, den man sich vorstellen kann … Während drinnen in meinen vier Wänden die letzten zwei Lilien still ihren Todeskampf mit bekanntem Ausgang ausfechten, glänzt und strahlt es draußen um die Wette, inklusive angepriesener Ware, die wir vermutlich genauso schnell wieder

wegwerfen,

wie wir sie kaufen. Aber was soll’s … irgendwann muss man der nackten Wahrheit aufs Arschgeweih, in den aufgerissenen Rachen, oder auf die zum Beißen bereiten gefletschten Zähne glotzen … Es nützt alles nichts, früher oder später kommt uns der Klabautermann holen. Warten auf Godot … Was also vorher mit der eigenen

Zeit machen?

Womit, frei nach Camus, die Leere füllen? … Genau hierfür liefert der Ausverkauf Teilantworten … Wie wär‘s mit shoppen gehen? … Und Freunde treffen? Oder einen heben? Oder wie wär’s mit ’nem Konzertbesuch? So bütten Elektro im Ponyclub, hinten am Flughafen? Oder Sport machen? Warum nicht ein

gutes Buch lesen?

Was ist eigentlich mit Schlechten? … Was ist die Definition? Schlechte Bücher für meinen Geist? Für meine Gedanken? Meine Stimmung? Oder einfach schlecht geschrieben? … Vielleicht lass ich das mal mit dem Qualitätsmerkmal „Gutes Buch“ … Klingt mir zu sehr nach Marschall Reich-Ranischky und seine

literarische Leitkultur.

Keiner seiner vielen Lese-Empfehlungen bin ich nachkommen … Schon beim Lesen der Liste fängt meine Haut an zu jucken, als würden mich Viren, der Schmutz von 1000 Jahren, zumindest vergangener Jahrzehnte befallen, als könnte sich all das wie Patina festsetzen, die man genauso nicht mehr los wird, wie die eigene Geschichte, oder die eines

ganzen Volkes.

Marschall Radetzky’s gibt’s in jedem Land … Auch in Frankreich … In La France erlebe ich es regelmäßig, dass man sich sehr bemüht, mich verständnisvoll anzulächeln, wenn ich zugebe, dass ich außer Beethoven, Tchaikovsky, Chet Baker, Serge Gainsbourg und George Moustaki auch Team Scheiße, Slayer und

Motörhead höre.

Bei Büchern das Gleiche … Begeisternd stimmt man mir bei Vielem zu, posaunt gemeinsam ähnliche Namen, bis ich bei Francois Villon und Louis-Ferdinand Céline lande … dann blinzelt der Kompatriot ein paar Mal, meint im Stillen sich verhört zu haben, um sogleich, nachdem er die paar Rillen vom Vinyl übersprang nun endlich wieder auf

Spur zu sein scheint,

genauer gesagt, endlich die Schallplatte gut-bürgerlicher Höflichkeit abspielt, fein durchwirkt von jenem kaum sichtbaren Maschendraht, der in den kulturellen und vorzeigbaren Synphonien und Kompositionen jeder lokalen Leitkultur eingewoben ist, den man allen leicht verloren gegangen Emigranten, Ausländern, Flüchtlingen und sonst

wie Zugereisten

vorspielt, die man ohne Schwierigkeiten, jahrelang antrainiert and andressiert von Eltern, Familien, der nächsten Umgebung und daher tief in die eigene DNA eingebettet bleibt, zum Kanon gehobener Verhaltens-Bourgeoisie zählen darf, der selber nur wenig so zuwider ist, wie das leidenschaftliche Austauschen

von Geschmäckern,

oder das hitzige Debattieren über soziale und wirtschaftliche Gerechtigkeit, unabhängig zu welcher politischer Couleur man zählt, dass mich diese nahezu glitschige Höflichkeit in solchen Momenten blitzartig an den gleichen öden und verkappten Muff erinnert, wie ihn großelterliche Kaffee-und-Kuchen

Geborgenheit

einst verströmte … Niemals durfte Marschmusik zum Likörchen danach fehlen, sowie der Rauch von den Licht und Luft verdunkelnden Zigarren und Zigarillos, die allesamt in das gleiche verstaubte Gedankenmuseum gehören, wie das oberlehrerhafte Schwadronieren jenes Literaturkritikers, dem man seine

versteinerte Wut

nicht nur ansehen, sondern dem ich bis heute unterstelle, die moralisch immer noch waidwunde Bundesrepublik, bewusst mit altmodischer und langweiliger literarisch gutbürgerlicher Hausmannskost abstrafen zu müssen, um zumindest, im Namen seiner Familie, seiner Glaubensbrüder, sowie seinem

eigenen Schicksal,

jene kalt besonders gutschmeckende Genugtuung, vielleicht sogar jene späte Rache beschert, frei nach dem Motto, mögen ihnen allen dieser trockene Mist im Hals stecken bleiben … Anders lassen sich die kitschigen Listen all jener Buchempfehlungen nicht entschlüsseln, die mich am Ehesten an Arztromane, Groschenhefte und kommerzielles

Quotenvieh

denken lassen, mit denen Verlage im 21.Jahrhundert genauso Umsatz machen, wie jene Händler hier im südfranzösischen Toulouse, die ausschließlich Produkte bereithalten für Menschen, die schon alles und noch mehr haben, nur um ihren unersättlichen Hunger an Dekoration und Chichi regelmäßig zu stillen, um der gnadenlosen

Erkenntnis und Wahrheit

über unsere camus-eske innere Leere zumindest so lange zu entkommen, bis man entweder das nächste Glas Wein an den Lippen, oder das nächste Dekoschnäppchen erfolgreich erlegt hat, was den sich ewig wiederholenden Kreis zum großväterlichen Kaffeekränzchen,

inklusive blauem Qualm,

nicht nur fortwährend, wieder, immer wieder aufs Neue schließt, sondern womit sich glasklar bewahrheitet, dass wir alle nicht nur nicht weit weg vom Stamm fallen, weswegen wir natürlich ähnliche Reflexe von Genusssucht, sich das Leben gemütlich, komfortabel, gerne genauso gut-bürgerlich einrichten, nur eben

mit noch mehr

von Allem, sei es neuestem Unterhaltungs.- und Industrieschrott, den wir Dank unseres Glücks, viele Produkte zu erschwinglichen Preisen kaufen zu können, weil alle Rohstoffe, samt zeitintensiver Installation und Zusammenbaus, kaum bis gar nicht fair abgegolten auf dem Puckel unterbezahlter Menschen aus fernen Ländern, die in Minen oder

an Fließbändern schuften,

während ich unter strahlendem Sonnenschein das Leben genieße, was mich in Lebensstil, Anstand und Moral, gedanklich die gleichen Ledersandalen meines Großvaters tragen lässt, die schon vor 100 Jahren antik aussahen, als hätte sie der alte Sokrates erst gestern ausgezogen, womit mehr als nur natürliche

Kontinuität

In Sachen Menschheit, moralischem Fortschritt und eben auch im Schuhwerk gesehen werden darf, weswegen wir zwangsläufig akzeptieren müssen, dass Uraltes entweder zeitlos, immer wiederkehrend ist, oder ein Gegenstand, eine Moral, menschliches Verhalten ihren Endzustand erreicht hat, den wir allzu leicht, verblendet wie wir sind

Stillstand

nennen, wir, die immer so veränderungs.- und weiter.- höher und dollerwütig geblieben sind, dass wir oft den Baum vor lauter Bäumen nicht sehen, ähnlich der Aufklärung, die uns solange dazu zwang uns aufzuklären, bis selbst die Aufklärer sagten … „Halt! Wartet mal, schaut doch mal: die Antike hatte anscheind doch all …

die Jahre Recht!“

Mich deswegen täglich mit der Peitsche geißeln, oder dem schmerzhaften Opus-Dei Bußgürtel zu züchtigen, fällt mir im Traum nicht ein … Rumlamentieren liegt mir nicht … Auch habe ich kein großes Interesse, ziehe ich nach wie vor die gute Laune, der Schlechten vor.

Loswerden

möchte ich einzig und allein jegliche Ansichten und Gefühle von „Steht mir zu“ oder „habe ich verdient“ … Jegliche Formen von Unangemessenheit und Selbstzufriedenheit, gar nicht zu sprechen von feudal-barockem Egoismus und Egozentrismus … solche Verhalten finde ich unanständig … Stattdessen sich des Glücks

gewahr werden

das man, ich, bescheiden und zurückhalten lebt und genießt … dass könnte ein Anfang sein, um ein schnörkelloses Leben zu ermöglichen, samt unverbauter Erkenntnis, dass Dauer, Weglänge, sowie alles Weitere, was auch immer man darunter verstehen mag, völlig im Dunklen liegen, was mich nicht

Schrecken sollte,

sondern vielmehr einladen, Camus‘ ausweglose Erkenntnis, mit der Demut eines Daoisten, der Neugier eines Kindes und der Genussbereitschaft eines Südeuropäers anzunehmen … So oder so, wird alles auf ein ultimativen Ausverkauf hinauslaufen, egal ob durch Mutter Natur, oder von …

Menschenhand eingeleitet …

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