„Vergiss es, man kann Athen nicht beschreiben … du musst es erleben“ … wie oft ich das erzählt, meinen Freunden vorgeschwärmt hab‘ … Ach, Scheiße! Keine Ahnung, ungezählte Male… am Ende muss es jeder selbst rausfinden … die 45 Grad vor drei Wochen kann ich jedenfalls nicht vergessen.
Sonnenbaden,
auf der Oberfläche der Sonne … so unfassbar fühlte es sich an … außer trinken und Schatten suchen macht man, kriegt man nicht viel hin, ich jedenfalls nicht … Was soll ich sagen: Athen hat so viele Seiten … mal Straßenhure, dann elegante Diva und natürlich diese unglaubliche Vergangenheit und die heutige
mächtige Präsenz.
Wenn nicht das ganze Abendland hier seinen Ursprung nahm … dann zumindest, der größte Teil davon … selbst kritische Stimmen sprechen von mindestens 80% … nun denn, von mir aus … man könnte jetzt darin abtauchen, wieviel vom Wissen, von den Errungenschaften wir heute, im Jahr
2025 nutzen,
doch das lass ich lieber, aus Pietät … Wenn man wie ich schon ein paar Mal hier war, seine Athen-Liste, plus Empfehlungen hellenischer Freunde abgearbeitet hat, dann sucht und findet man sowieso, was einen am Meisten interessiert … in meinem Fall, die Musik-Bar K.O.T.E.S. die dank meiner Freunde B. und J. ihren Weg
zu mir fand.
Warum? Wieso dieser Spot so auffällig … so, herausragend ist, dass ich fast jeden Abend dorthin pilgere? … Was ihn so besonders macht? … Hat Athen nicht hunderte, gar tausend andere Spots und Dinge, die man mindestens genauso hervorheben muss? … Meine ehrliche Meinung und Antwort
Heißt: NEIN! ῸCHI !
Scheiße! Natürlich kann ich sie schon hören, die Stimmen meiner Freunde … wie sie mit mir schimpfen, wis sie die vielen Roof-Top-Bars, Museen, Restaurants, hunderte schöne atemberaubende Spots und Ungezähltes mehr aufzählen … All die Konzerte im Odeon, im Kallimarmoro, das Daphni-Kloster und haste nich‘ gesehen …
Natürlich
könnte ich über Tourismus, steigende Preise für Akropolis (2023=20€ vs. 2025=30€) etc. reden, sowie das ethisch-sozial entgleisende, polarisierende Großbauprojekt „Ellinikon“ am alten Flughafen und à la Zeit & Taz moralische Zeigefinger schwingen … über Hitzewellen, Wasserknappheit und …
modernes Raubrittertum,
so zumindest fuhrwerken inländische & ausländische Investoren herum und schieben immer schneller, mit beschleunigter Gentrifizierung die Mehrheit der Bevölkerung an die Grenzen von Existenz und Wohnraum … so wie überall, wo die hässlichen Fratzen des Kapitalismus, Macht und Geld, zusammenkommen und sich
rücksichtslos bereichern.
Doch genau DARÜBER … möchte ich NICHT reden … sondern viel lieber über 340 Tage Sonnenschein, über die großartigen Menschen, die hier wohnen, über die angenehme zurückhaltende Art, wie ich es von Balkan-Völkern wie Slowaken, Tschechen, Bulgaren, Rumänen und natürlich
Hellenen kenne.
Derartige Zurückhaltung und kaum merkliche Präsenz geht Franzosen, Briten, Spaniern, Italienern und allen Deutsch-sprachigen völlig ab … Von US-Amerikanern wollen wir aus Gründen des guten Geschmacks, sowie ein Mindestmaß an Moral und Kultur gar nicht erst reden … Es gibt nichts
Vergleichbares!
Für mich ist Athen ’ne Mega-City … groß genug, um mich jedes Mal erneut zum Staunen zu bringen, als würde ich sie das erste Mal sehen … Meine Interessen liegen allerdings alle im Schatten, will sagen, weit entfernt von Glanz, Glorie, Alexander dem Großen und all den anderen dusseligen Helden, deren Gebeine in protzigen und größenwahnisinnigen Prunkbauten und den dazugehörigen Marmor-Särgen schlummern … Mich stattdessen interessiert vielmehr der
Präsident des Universums,
der in Athen auf Platte mit ‘ner Katze und mehreren Kartons als Dach lebt … an der Kreuzung Ecke „Thermopilon“ (wie passend) Pireos Tsaldari … dort lebt und regiert er seit vielen Jahren … meine Interessen sind von Dunkelheit verborgen, dort wo es schattig und feucht wird, wo man den Hauch, den Atem des Dschungels im Nacken spürt, auf der anderen Seite des Styx … und immer genau dann, wenn ich überraschend auf Gleichgesinnte treffe, blühe ich auf … wie in diesem Melting-Pot
K.O.T.E.S.
Nikos Louvros ist Künstler, Politiker und Inhaber dieses … nennen wir es mal, Kulturvereins, der mit George, meiner Meinung nach, den besten Resident-DJ der Stadt hat … George gestand mir, dass er den Namen „Resident-DJ“ so gar nicht mag … Er darf hier den ganzen Tag gegen Bezahlung seine
Musik machen,
was für ihn ein Traum ist, weil Nikos ihn machen lässt was er will … Überhaupt ist dieser stille Hellene (George / beide sind es nämlich) ein zurückhaltender Beobachter, der in erster Linie der Musik freies Geleit gibt, so seine Worte … er lässt die Dinge passieren … lässt alleine die Musik entscheiden und machen … er ist mehr ihr Gehilfe, ihr Werkzeug, der umsetzt, was sie vorgibt … jeder Tag ist für ihn
ein Unikat.
Was mir auch alleine schon aus spiritueller Sicht gefällt … Nichts wird programmiert, oder geplant, alles entsteht natürlich und rein zufällig … was mich, ihr ahnt es, nicht nur sehr berührt, wo es die gleiche Herangehensweise ist, wie die Meinige beim Schreiben, sondern weil es aus meiner Sicht der einzige Weg ist, um absichtslose wahre Kunst entstehen zu lassen … Seit zehn Jahren ist
George DJ im K.O.T.E.S.
und Nikos besteht darauf ihn lassen zu machen, was er will … Überhaupt ist Nikos ein intellektueller Anarchist, der alles Zufall, Intuition und den Sternen überlässt … Lachend erzählte er mir, es klang fast wie ein Geständnis, dass er sogar Schach anarchisch ohne Regeln und Logik spielt, was manchen …
Schach-Meister,
die bei ihm ein.- und ausgehen, verzweifeln und Haare raufen lässt, weil er ein völlig unkalkulierbarer Spielpartner ist und immer für diverse Überraschungen sorgt … Und genau das will K.O.T.E.S. sein: Einen Ort der Freiheit schaffen, wo man das ganze Jahr, 365 Tage im Jahr …
Trinkt und raucht,
wo ständig tolle Musik läuft und wo man Schach und Backgammon mit Gleichgesinnten spielt … Bei den Parlamentwahlen im Jahr 2023 errang die gleichnamige Partei „K.O.T.E.S.“ einen Achtungserfolg und bekam reichlich mediale Aufmerksamkeit, als sie eine Petition gegen generelle Rauchverbote einreichten,
was außer Sympathie
auch viel politische Sichtbarkeit garantierte … Nikos und ich sprachen über Philosophie, über den lieben Dimitris Liantinis und seine Frau, die ich am Samstag auf dem Rückweg nach Athen in Kechries getroffen hatte, sowie seine Wurzeln, die bis 5-600 Jahre nach Südfrankreich, Avignon zurückreichen, als man
Papst-Hauptstadt
für 70 Jahre war … vermutlich die romantisch-familiäre Begründung, warum er heute Gauloises Zigaretten raucht … auch sind wir einer Meinung, dass Jesus der erste und vermutlich einzige Kommunist ist … wir hatten auch viel Spaß bei der gemeinsamen Beobachtung, dass Jesus heutzutage fast ausnahmslos von
den Rechten
besetzt wird, während die Linken eher atheistisch unterwegs sind … keine Ahnung, wie viele Stunden wir zusammen saßen, aber an einem Ort der Freiheit fühlt man sich so oder so aus der Zeit gefallen … so ging‘s mir am letzten Tag, völlig überrascht bemerkte ich, dass …
meine Zeit um ist.
Freitag15.August, Feiertag für Orthodoxe und Römisch Katholische … Mariä-Himmelfahrt, gerade eben parkte ich mein Motorrad bei motorent.gr … gegen 14 Uhr komm im K.O.T.E.S. an, George spielt Ruhiges … es ist leer, nur wenige Schachspieler ringen miteinander … „Fliegst du zurück?“ … „Morgen, ja …
aber ich komm‘ bald wieder … !“