Heute fiel es mir wieder auf … ständig ist was los in der Stadt … entweder eine Demonstration, manchmal ein Straßen.- oder Musikfest, oder, wie heute, ein Marathon … Natürlich hängt über den Straßen ständig irgendein Lametta, damit alles noch viel hübscher ist … bald ordnet der Bürgermeister wohl
Weihnachten an.
Dann verwandelt sich das Herz von Toulouse in eine Dragqueen, die es mit ihrem Chi-Chi und Federboas dermaßen übertreibt, dass selbst ihre größten Fans ins Schwitzen kommen … wenn dann noch ein Marathon stattfindet, bei bestem Wetter, mit Sonnenschein und strahlend blauem Himmel, dann ist wirklich
alles auf den Beinen.
Endlich kann man wieder jubeln, flanieren, futtern und reichlich trinken … es gibt doch nichts Schöneres als Spazierengehen, mit oder ohne den Hund Gassi zu führen … Sonne tanken und dazu noch ein wenig Spektakel angeboten zu bekommen, oder nicht? … Ist doch prima, alles maximal auf Anschlag,
selbst beim Entertainment.
Zuerst wunderte ich mich über die vielen gesperrten Straßen in der Innenstadt … „noch eine Demonstration?“, fragte ich mich … als ich dann aber das laute Jubeln und Gejohle höre schwanke ich zwischen Wachsamkeit und Gelassenheit … dann sehe ich erste Läufer und kapiere … darin sind sie Spitze,
die lieben Menschen,
das Spektakel … Guy Debord hat dazu ein großartiges Buch geschrieben … genau an dem Punkt befinde ich mich wohl, zumindest, wenn ich die Fragezeichen im Gesicht durchzähle, wenn ich morgens im Bad vorm Spiegel stehe … sie sind nämlich bei Weitem nicht weniger geworden, sondern haben sich
sogar vervielfacht.
Nichts als Fragen, wohin ich auch blicke … völlig fassungslos und sprachlos bin ich geworden, als Don Blondie sich zum zweiten Mal aus der Asche erhob … beim ersten Mal, hab ich die US-Amerikaner in Schutz genommen … sie hatten sich halt geirrt … leider verlor das Argument dann seine Wirkung,
beim Zweiten Mal.
Ähnlich ging es mir dann bei den drei Landtagswahlen in Ostdeutschland, wo die AfD so kräftig zulegte … erwartet hatte ich es, aber wenn es dann geschieht, seufzt man dann doch schon etwas schwerer, als wenn man es nur durchdenkt … daher ist meine Vermutung, dass ich gerade meine ganz
eigene Transformation
durchlebe, quasi richtig tief drin bin und zwar – mittendrin … sogar das Schreiben ist davon erfasst worden … habe ich zu Zeiten mit meiner Freundin S. fast täglich an meinen Büchern geschrieben, liegen alle drei brach, mittlerweiel seit Sommer 2025 … seit dem schreibe ich nur noch Poetik und Lyrik,
sonst gar nichts mehr.
Samuel Beckett ging es ähnlich, als er Proust las … für ihn war da glasklar, auf keinen Fall mehr beschreibende Literatur zu verfassen, sondern stattdessen, hinter den Vorhang zu sehen, sich ausschließlich nur noch um das verdeckte und psychologisch tief Verborgene zu kümmern … nur so konnten Meisterwerke wie
„Warten auf Godot“
und das „Letzte Band“ entstehen … ein wenig ähnlich geht es mir heute auch, du musst dich halt irgendwann entscheiden … Willst du über Offensichtliches schreiben, oder über alles andere? … Es ist eine radikale Umkehr, weg vom Kommerziellen, hin zu den Schwergewichten, die eine größere
innere Spannkraft
benötigt, als wenn du hunderte Seiten lang beschreibst, wie du Kaffee und Kuchen mit den lieben Eltern und Großeltern einnimmst, wie toll Muttis luftgetrocknete Wäsche duftet, während man ihr Taschentuch im rechten Ärmel verzweifelt sucht usw … Solche und ähnliche Gedanken habe ich, als ich Richtung
Palais Justice
abbiege und unter einer Platanen-Alle herumschlendere … und immer wieder Gedanken an Dimitrios Liantinis, wie er 1998 mit 56 auf den Taἵgetos geklettert ist … vermutlich nach dem er seine Fragezeichen als Strauß zusammen-gebunden hat … vielleicht konnte er aber auch ein paar von ihnen in …
Ausrufungszeichen verwandeln
und ist deswegen gegangen … als er erkannte, dass es keine Heilung für das Leben gibt … dies und ein paar andere Theorien, sind meine Grundlage für die Annahme, dass wir Menschen uns in eine Gesellschaft des Spektakels verwandelt haben, weil sich so die großen und schweren Fragen des
eigenen Lebens,
einfacher und besser aussitzen lassen … Ist leicht nachzuvollziehen, finde ich … vielleicht ist es weniger mein Weg, aber verstehen tue ich es nur allzu leicht … Für mich funktioniert das nicht so gut … Bei zu viel Spektakel fühle ich mich wie zugekleistert, oder dicht-tapeziert … überhaupt, ist das die große
Erkenntnis für mich,
nicht weniger schockierend, als wie groß, zu begreifen, dass man in den letzten Jahren sein Selbst im Abstellraum stehen hatte, weil man gewohnt war, zu geben, selbst wenn es nicht registriert wird … immer um Frieden bemüht, auch wenn deine weiße Fahnen regelmmäßig zerschossen werden … wenn du erkennst,
dass unsere Defizite
uns mehr antreiben, zueinander bringen, einander zu finden, als die gemeinsamen Interessen und Werte … wenn du erkennst, dass du überhaupt nichts mehr brauchst, als deine Rechnungen, Einkäufe und Miete zu zahlen … wenn du das Spektakel nicht mehr brauchst, weder fürs Entertainment, noch als ausgleichenden
Anker für die,
für manche, alles zerfressende und verschlingende Einsamkeit … meine Furcht vorm Alleinsein finde ich spannender hinzuschauen, als mir eine Netflix-Serie reinzuziehen … überhaupt, das Auseinandersetzen mit dem eigenen Selbst und nicht dem Selbst der geliebten Partnerin … Gerade für uns Männer, das kann ich euch sagen,
ein ganz heißes Eisen.
Ich glaube zu viele entpacken sich spät … oft kommen dann unerwartete Dinge zum Vorschein, nicht selten entdeckt man Gefühle wie Angst, Entscheidendes im Leben verpasst zu haben … Oder sei es mehr Erfahrungen gesammelt zu haben … Somit ist das Spektakel eine fabelhafte
Erfindung für alle,
die nicht weiter ins Grübeln kommen möchten … Noch dazu, wo man so viele Dinge braucht und kauft, um sich vollständig zu fühlen und nicht nur Anspruch auf den eigenen rechtmäßigen Platz in der Gesellschaft zu haben, sondern ihn dann, mit stolzerhobenem Haupt auch für alle sichtbar einzunehmen und genau
diesen Platz,
nie wieder zu räumen, weder freiwillig, noch sonst wie … „all die harte Arbeit haben wir doch nicht umsonst gemacht, oder was? Jetzt bin ich mal dran … jawohl, verdient habe ich mir das, und zwar redlich, richtig amtlich anerkannt … seht mal, hier, von Taufe, bis Diplom, alles ordnungsgemäß, ein wahres Prachtexemplar,
ja, das bin ich!
Dass ich jetzt natürlich auch nur mit anderen ebensolchen Prachtstücken Verbindungen eingehen will, nicht mit irgendjemandem, sondern mit einem herausragenden super talentierten Menschen eine Beziehung, sogar Kinder haben will, vielleicht sogar eine Ehe, das ist doch klar,
oder etwa nicht?“
Unser vermeintlicher Anspruch, lässt die Peitsche auf unseren eigenen Rücken knallen, längst sind wir alle uns selbst die besten Gutsherren*innen geworden … Uns braucht niemand mehr antreiben … dass haben wir selber schon lange durchperfektioniert … Sämtliche Messstellen und Sensoren sind in Stellung gebracht.
Meine Smart-Watch
sagt mir genau, wie viele Kalorien ich zu mir nehme und wann ich wie viele Schritte gegangen bin … Jetzt mit der künstlichen Intelligenz kann ich mich in einen super-smarten Übermenschen verwandeln … bleibt nur noch die Frage, wann wir endlich ewig Leben werden … Bestimmt sind ein paar
Milliardäre bereit.
Ganz in Gedanken schlendere ich die Rue du Languedoc entlang … ein DJ und eine sehr laute Moderatorin heizen den letzten Läufern ein … der Bass schüttelt mich durch, so laut sind Anheizerin und ihr Gehilfe … ich flaniere weiter und sehe die beiden letzten Läufer kommen, die eine rosafarbene
Fahne tragen.
Langsam ziehen sie vorbei … Wieder hat Toulouse ein weiteres Spektakel erfolgreich beendet … Überall stehen Notarztwagen und Polizeimotorräder … Spaziergänger und Ordnungskräfte sind nett miteinander, als hätte es keine konfrontativen Situationen auf den letzten Demonstrationen gegeben, als gäbe es
nicht Schlechtes
auf der ganzen weiten Welt … für einen kleinen Moment stellt sich ein Gefühl von „Friede, Freude, Eierkuchen“ ein, bis ich zuhause ankomme, den Laptop aufklappe, zu schreiben beginne und über Dimitrios und Guy nachdenke … dann hat mich die Realität wieder eingeholt, sowie die vielen
Gedanken und Fragezeichen …
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