Bastille – Odyssee 2026

Eine Woche Toulouse … noch dazu Bastillen-Tag … schon beim Eintauchen in den französischen Alltag am Flughafen, merke ich’s … leben bei Kolonialmächten gibt einem das gewisse Extra an Allem, was du dir denken kannst … natürlich, man muss sich schützen … in meinem Fall – Pass.- und die gute alte …

Einreisekontrolle.

Vier grimmig dreinschauende Gendarme, die in kleinen Boxen sitzen … sie kommen mir wie Wachhunde vor, sollen wohl auch so rüberkommen, alles wegbeißen, was kein Leckerli mit hat … dunkelhäutige Mitmenschen vor mir werden nervös, nesteln in Taschen herum … sofort gehen bei den Wachhunden die Ohren hoch, verstärkte

Aufmerksamkeit,

Alarmbereitschaft … und tatsächlich, nach kurzem Intermezzo mit den vier Gendarmen, tauchen weitere auf, die die bunten Menschen diskret in einen Nebenraum weg.- und fortführen … „die Nächsten bitte, Sie da, kommen Sie schon“ … man lässt keinen Zweifel aufkommen, wer hier das Sagen hat … militärische Ansprache,

„Bonjour“,

ich reiche meinen Ausweis durch den kleinen Ausschnitt im dicken Glas … fest sieht der Dobermann mir in die Augen, legt seinen Kopf etwas zur Seit, wie Zeus und Apollo von Higgins, bevor sie hinter Thomas Magnum hinterherrennen … stoisch lächle ich ihn an, denke mir voller tückischer Schadenfreude, fast halblaut „bin selber bei einer

Kolonialmacht

großgezogen worden … natürlich siehst du, bei welcher, oh-ja, meine Großeltern, deren gesamte Generation war wahrhaftig gründlicher unterwegs als ihr hier … schau also nicht so ernst, deine Knarre macht mir keine Angst im Gegenteil … aufgepasst, wir Preußen sind im Schnitt 20cm größer … und unser Fucking-Schuhputz, sogar unsere

Uniformen,

sind schick und schwarz genug gewesen, für, ja was eigentlich? … Und? Lässt du mich durch, oder muss ich erst „sur le pont d’Avignon“ singen, oder erklären, was Charlie Hebdo und Le Canard enchaîné für Franzosen bedeuten, nein? Läuft das heute einfach mal – so? … Glaube, der Wachhund kann mein‘ inneren Monolog hören, oder an meiner

Stirn ablesen,

langsam, formell schiebt er mir den Ausweis zur Durchreiche, sieht mich erhaben an … sein verschmitztes Schmunzeln um die Mundwinkel bilde ich mir sicher ein … „bonne journée“ … erleichternder Besuch in der Keramikabteilung … Sprung auf meine „fette Elke“ und Abfahrt … dann die große Überraschung: Hier ist es noch heißer als in

Athen!

Wir haben‘s erst 10:30, aber schon locker 35 Grad, krass … knattere in die Stadt rein, runter zur Garonne, wie schon, erst seit 10 Jahren … Fußball-WM und Hitze … welch tolle Kombination … die ganze Stadt riecht nach Maggi und Pisse … langsam winde ich mich, wie ein zittriger Aal durch die kochenden

Gedärme der Stadt.

Hunde, Katzen, Kinder, Männer, Frauen, sämtliche Kreaturen bewegen sich wie in Zeitlupe … unsere Gehirne? Funktionieren nur noch eingeschränkt … Endlich. Schließe meine Bude auf … „Boah ey, heiß wie’n Backofen!“ … Nacktheit, meine einzige Antwort auf die fehlende Klimaanlage.

Tropische Feuchtigkeit

Im Marché Les Carmes … bin ja blank, muss alles einkaufen … ich öle ab, wie ein rauschiger Eber, rieche aber hoffentlich nicht so … große Hafenrundfahrt mit Weinkauf … drei Mal lade ich zuhause ab, laufe neu aus … kaufe eimerweise griechischen Joghurt, Gemüse und Salat … wie in Athen meide ich Sonne, wandere stets im bevorzugten

Schatten herum.

Schon seit zwei Wochen denke ich nix mehr … „so also fühlen sich Tiere, eigentlich ganz angenehm“, meine Birne hat auf so eine Art Notlauf.- oder Überlebensprogramm eingeschaltet … irgendwann bin ich durch, im wahrsten Sinne des Wortes … verschwitzt wie ein katholischer Priester, dem der

Angstschweiß,

sein Arsch-Delta bewässert, beim Gedanken daran, bei pädophilen Freuden ertappt zu werden, knie ich vor meinem brummenden Kühlschrank, dem ich Höchstleistung abverlange … mit letzter innerer Spannkraft, ich schwör, danach bin ich zu nix mehr fähig, klammern sich Gedächtnispalast,

samt Geist,

an Gesetze von Sachlichkeit und Effizienz, um die vibrierende Kühlbox maximal zu füllen … und siehe da, es wurde gut, tatsächlich, ich bekomm alles rein … meine lieben Nachbarn haben mir Essen und ein Bier reingestellt … großartig, Glück, wer solche Freunde haben darf … knacke ohne Umwege

mein erstes Bier.

Erster Schluck, wie immer ein Geschenk der Götter … stumpfes Anstarren des glühenden Innenhofs, Fragmente, vollständige Gedanken sind es bestimmt nicht … Fragmente, Erinnerungen von Bukowski und John Fante sprudeln plötzlich hoch … zweiter Schluck, freue mich über’s kalte Bier, als wär’s ein verdammtes …

Weltwunder.

Wie’n eigenständiges Wesen, über das ich sämtliche Kontrolle abgegeben habe, schiebt sich mein rechter Arm über den Tisch und wühlt in der Post herum … „Scheiße! Fuck! Siehst du das? Sieh genau hin! So eine verfluchte Kacke! Preußisches Pflichtbewusstsein steckt so tief in dir und deinem

Unbewussten,

du wirst das nie wieder los!“ … plötzlich machen meine Hände gemeinsame Sache … reißen sämtliche Post auf, sortieren durch, Müll auf den Boden, wichtige Informationen bleiben auf dem Tisch … Sprachnachrichten und Shortmessages prasseln aufs Handys ein … öffne mir‘n zweites Bier, „boah

wie das zischt!“

Eine lange Siesta, sowie’n Abend voller Electro-Royal von ByteFM runden meinen ersten Tag beim Kolonialisten ab … Gute Nacht! … Sonntagmorgen, griechischer Kaffee, erste Gedanken sprudeln hervor … Gedanken an jene Frau, die tiefe Spuren auf Herz und Seele hinterlassen hat … sehe es als

gutes Zeichen,

dass mein Gehirn offensichtlich arbeitet … und das ich Mensch geblieben bin … eines meiner großen Themen, die eigene Mitte finden … klingt nach Esoterik, sagen Unwissende, ist aber das Gegenteil, ist reinste Naturwissenschaft, Physik, vielleicht mit einer Spur Psychologie und Quantenphysik … hab es

schon früh bemerkt,

wenn man zu feinsinnig und sensibel ist, keine Schutzmechanismen hat, sich nicht behaupten, durchsetzen kann, dann macht man dich fertig, du gehst zugrunde … riechst du einmal nach Kaninchen, schwinden Nimbus und Attraktivität … wenn du Glück hast, ist‘s nur das … bist du aber zu

sensibel und romantisch

geht’s ab ins Fegefeuer … man grillt dich sofort … ohne innere Widerstandskraft geht‘s nicht … man spuckt dich aus, tritt auf dir rum … unsere Gesellschaft ist von Darwinismus und Raubtierkapitalismus durchdrungen, permanenter Wettbewerb und Kampf … Pazifisten? Können gleich ins Kloster, gehen,

auf ihren Berg,

oder hängen sich am nächstbesten Galgen selber auf … du wirst auch nicht verstanden, kannst es keinem verständlich machen, dass deine Schreiberei so lebenswichtig ist, wie Luft zum Atmen … man schreibt nicht, weil es einem gut geht, man schreibt, weil es einem – nicht gut geht – doch wie soll man jemandem erfolgreich erklären,

der anders empfindet,

dass die meisten Dinge, die Menschen, Familien, unsere Gesellschaft tun, für dich nicht passen? Noch dazu, wo du vielleicht schon verschiedene Versuche, Tests gemacht, durchlaufen hast? … Wie? In Wort, Schrift und Malerei habe ich es versucht … alles vergeblich … bleibt also nur das Schreiben als Therapie für mich übrig, da

Taygetos

nicht erlaubt, schon besetzt ist … nicht nur wegen Dimitris Liantini … Sonntagabend, ich gehe in eine meiner Lieblingsbars … kaum sitze ich bei meinem Bier, kommt eine obdachlose Frau im Rollstuhl angefahren … ihre Beine sind offen, sie ist schmutzig, sie lebt schon länger draußen, dass sehe ich

leider sofort.

„Haben Sie ein paar Centimen für mich?“ … beim Schauen in ihre Augen, packts mich heftig, meine Nerven fahren Karussell … immer picken sie MICH raus, immer sprechen sie MICH an … ich gebe ihr 50cent, mehr habe ich bar nicht … „danke, Mister“ … sie rollert weiter zum Eingang der Bar.

„Entschuldigung,

schauen Sie, ich habe Geld für einen Cappuccino, ich hätte gerne einen“ … weiter kommt sie nicht, die Chefin faucht sie sofort weg … „Wir geben Ihnen keinen Kaffee, unsere Gäste wollen hier in Ruhe eine gute Zeit haben, einen guten Tag!“ … eisern und kalt, ist die Faust, die mein Herz mit brutaler

Gewalt umklammert.

Tagesrealität der Kolonialmacht … Im K.O.T.E.S. von Athen geben sie Obdachlosen den Cappuccino umsonst … habe es mehrmals beobachtet … wie hat es mich berührt, das zu sehen … und wie gibt es mir einen Tritt in die Magengrube, hier das Gegenteil zu erleben … Nein! Was für die eine Bar in

Athen und Toulouse

gilt, nehme, ziehe ich nicht als Verallgemeinerung heran … hüben wie drüben gibt es Barmherzigkeit … bewegt hat es mich dennoch, beides … Montag der 13.Juli … gemeinsamer Abend mit Freunden, Kumpel K. kommt aus Bordeaux … B. und J. meine Freunde und Nachbarn sind mit von der abendlichen …

Apéro-Partie.

In meinem Kopf fährt die obdachlose Rollstuhlfahrerin herum … während unseren Unterhaltungen, stelle ich mir Fragen, die ich nicht stellen will, fischt mein Unbewusstes Antworten, die es nicht finden möchte … mein Essen ist vorzüglich, weil ich es mir leisten kann … gegen 23 Uhr Feuerwerk zur Feier

der Bastille.

Status und Geld sind alles beim Kolonialisten … man muss damit umgehen können … und nicht zu vergessen … England, Frankreich, Portugal, Italien, Spanien und Deutschland … wir alle waren und sind heute immer noch – Kolonialisten, Wirtschafts-Kolonialisten zwar, aber genauso ausbeuterisch und …

moralisch verwerflich.

Freitag-Mittag … ich mache Mittagessen mit Kumpel J. … wir sitzen bei Fisch zusammen, gerade will ich mir eine Gabel genehmigen, als plötzlich ein junger Schwarzer neben unserem Tisch seht … „ich habe Hunger“ … staunend, tief zerrüttet, schaue ich seine leeren, geöffneten, bittenden Hände …

wie erstarrt,

hängt meine Gabel in der Luft … genau in der Mitte zwischen seinen leeren Händen und meinem wartenden Mund … langsam weicht der Schock … auch der Wirt kommt bereits angetrabt … „Komm, sieh zu, dass du Leine ziehst, das geht zu weit, meine Kunden beim Essen anbetteln!“ … Zornig und

widerwillig,

sehe es ganz genau in den Augen des Schwarzen, zieht er von dannen … stummes weiterkauen und trinken … „fand das total schockierend“ … fängt Kumpel J. an, bricht zaghaft unsere Erstarrung auf, sind beide mitgenommen … „ich auch“, stimme ich ihm zu … „wird wohl mehr werden, müssen uns

darauf einstellen“

denkt mein Kumpel laut weiter … wie soll ich all diese Momente ertragen, ohne zu schreiben … zumindest kann man diesen Menschen geschriebene Sichtbarkeit geben … natürlich können sie sich nichts davon kaufen, geschweigen fressen und trinken … und ich, was mach ich damit? Ändere ich

irgendetwas?

Und was würden die Gendarme vom Flughafen sagen, wenn sie den Schwarzen in seinen abgerissenen Klamotten, in seinen Badelatschen gesehen hätten, wie er um Essen bettelt? Hätten sie ihn mitgenommen? Und dann was? Was wäre mit ihm dann passiert? Kommt er in den Knast? Wird er eventuell gar

abgeschoben?

Und was ist mit mir? … Werde ich nur deswegen nicht abgeschoben, weil ich Deutscher bin, der in Frankreich lebt und arbeitet? … Wenn man in Deutschland bald wieder „Deutschland den Deutschland“ und in Frankreich „Frankreich den Franzosen“ schreit, was dann? … Darf, muss ich in Toulouse dann sofort

Auschecken?

Keine Ahnung, wie es meine die Schreiberei nicht unbedingt unterstützenden Ex-Freundinnen heute, oder damals sehen, gesehen haben, aber ich finde, dass man es fühlen kann, dass unsere nationalen Ideen und Ideale ausgedient haben … und dass gleichzeitig, die Europa zersetzende und ständig uns attackierenden

Vier Großmächte,

denen nichts lieber ist, als ein möglichst zerstrittener, national geprägter Kontinent Europa, in den die sechs Kolonialisten, ihre alten Spiele treiben, während die vier großen, von außen, sehr erfolgreich destabilisieren, so sehr sie nur können … und leider sehr viel Erfolg damit haben, da altmodische, überholte

toxische Alphatiere

nach wie vor, in Politik und Wirtschaft, den Ton angeben … weit gefehlt, die große Feigenblattsuche nach Frauen, oder jungen Generationen … ständig sitzen Silberrücken vor dir, herrschen dich an und sagen wo es lang geht, weil immer noch viele der Meinung sind, das nur das unser Weg ist, der für die romantisch verklärte Ordnung sorgt.

All das,

fühlte ich in diesen drei verschiedenen Momenten, egal ob es die scharfen Wachhunde am Flughafen, die vom Leben gezeichnete obdachlose Rollstuhlfahrerin ist, der hungrige Schwarze, oder Éric Trappier, der im letzten gescheiterten europäischen Großprojekt FCAS / SCAF immer von sich und seiner Firma

aber nie von Europa …

von einem UNS …

redet, sondern …

viel von sich …

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