Im Broterwerb spür ich es ganz deutlich … es ist wie Butter, die man immer dünner aufs Brot schmiert … jeden Monat, jeden Tag, immer ein bisschen weniger … man glaubt zu träumen, zu halluzinieren, so minimal wird es stetig weniger und weniger … „ist doch wie gestern, oder täusche ich mich?“ Man glaubt zu spinnen – und – tut es natürlich
überhaupt nicht!
Genau das sind sie, die magischen Momente, in denen man zweifelt … „bilde ich mir das alles nur ein, oder IST es weniger?“ … Inflation wirkt ähnlich, meist schleichend, ganz ohne Big Bang, hier ein paar Cent, dort ein paar mehr … vor kurzem kostete 1L frische Bio-Milch 1,79 dann plötzlich 1,89 … dann gibt es ein neues Etikette, plötzlich 1,99€.
Sind ja nur 20 Cent,
aber es läppert sich … wenn man genau hinsieht, gibt es Produkte, die sich schon mehrmals um 25 und 50% verteuert haben … genauso ist es heute in der Berufswelt … man muss immer mehr machen, mehr mit weniger Personal, dank KI zum Beispiel … du spürst, dass du immer mehr arbeitest, längst bist du dir selbst
der beste Gutsherr.
Überall erodiert, schrumpft die Mittelschicht … passend zum 90 jährigen Geburtstag vom Keynesianismus … unverändert halten wir daran fest … überall sehen wir, dass dies System Länder, Leute, den ganzen Planeten ausbeutet, doch wir verharren stockstarr, wenn es um Veränderungen geht,
wir rennen
erst mal los, ohne zu wissen wohin … wie gerade bei der KI … als würde man einen Schraubendreher, als Multifunktions-Werkzeug gebrauchen … „sehen Sie her, der neueste Hit, ein Schraubendreher, mit dem sie Nägel in die Wand hauen können, der sogar als Wagenheber funktioniert, oder als Schere, Zange, Messer, quasi für ALLES
können Sie ihn
verwenden, welch Revolution … schauen Sie doch nur, wie prima das funktioniert“ … staunend oder entsetzt kannst du dich umsehen … was aber auf jeden Fall passiert, ist ein sang und klangloses Verschwinden von Solidarität und Zusammenhalt, egal ob in Europa, einem Staat, oder in kleineren Einheiten wie – Familien. Jener
Generationsvertrag,
überall viel beworben … bis heute an ihm festgehalten … er ist und bleibt, genauso wie unser Wirtschaftsmodell, das auf Wachstum basiert, aus der Zeit gefallen, beziehungsweise, steht gerade im größten Risiko, als Errungenschaft nach dem zweiten Weltkrieg, erstritten von hart arbeitenden Menschen der 60iger, 70iger und goldenen
80iger Jahre,
nicht nur besagten Bach runterzugehen, sondern für alle Zeiten zu verschwinden … Jene neue digitale fragmentierte Welt, die Nationen und ihre Administrationen verzweifelt versuchen einzuhegen … ebenso wie Großkonzerne, deren Ideen.- und Phantasielosigkeit, man nehme nur das Beispiel Volkswagen … dermaßen frappierend daherkommt
und sprachlos macht,
dass sich alle Werktätigen, die viele Ebenen und Gehaltsboni unterhalb der Executives arbeiten und leben, auf die Idee kommen könnten zusammenfassend zu beobachten, dass jenes glorreiche obere Drittel, seiner Arbeit nicht nachkommt, nämlich den Konzern zu transformieren, proaktiv zu gestalten und in die richtige Richtung
erfolgreich zu lenken.
Was das alles mit Jazz zu tun hat? … Alles! Wirklich und wahrhaftig – Alles! … Eine stramme, dafür um einen Tag verkürzte Arbeitswoche näherte sich seinem Ende … ein verlängertes Wochenende in Saint-Germain-du-Puch bei Kumpel K. stand an … Endlich abschalten, besonders dringend wollte ich meine vollgemüllte
Festplatte formatieren.
So mein Plan … gegen frühen Abend rollte ich Donnerstag die A62 Richtung Bordeaux … eine Autobahn mit viel Geschichte, auch für mich … wie oft bin ich sie rauf und runter gefahren … alleine, oder als Beifahrer / Fahrer … jetzt also wieder … warme 35 Grad in Toulouse, nach der Maudstelle bei Blagnac klettert mein Thermometer auf
satte 38 Grad.
Hinter Fronton purzelt die Temperatur dann um 5 Grad nach unten … 33 stehen an, ist sehr angenehm … gemütlich als würde ich ein Kaltblut reiten, knatterte ich auf der rechten Spur mit 120 entlang … außer LKW’s rauscht alles links an mir vorbei … noch immer mag ich dies meditative Seele baumeln lassen, wenn du auf dem Moped,
deiner Mobilette sitzt.
Verdorrte und verbrannte Landschaften rauschen sanft an mir vorbei … beißend-stinkende Reste von verbrannten Tieren stechen mir immer wieder mal in die Nase … hier und da, letzte Spuren von Rauch und Qualm … seit meinem letzten Trip hat sich sehr viel in Südfrankreich verändert … ein wenig – zu viel!
„Hinter Agen fährst du Landstraße“,
so nehm ich es mir vor … Und so geschieht es … Verglichen zu früher, kommt es mir immer noch merkwürdig und lustig zugleich vor, mit 70 über Landstraßen zu tuckern … irgendwie ist es die richtige Geschwindigkeit, es fühlt sich gut an … manchmal möchte ich noch viel langsamer fahren. Keine Ahnung ob es daran liegt, aber seit dem
12. August 2007
betrachte ich alles irgendwie aus dem Weitwinkel … seit dem geschahen und geschehen immer noch sehr merkwürdige Dinge … Fast Alles, was mir früher wichtig schien, habe ich über Bord geworfen … Zuerst setzte ich beim Materialismus an … Vieles musste einem stark wachsenden Bedarf nach Pazifismus weichen.
Schnelligkeit,
oder Schnelllebigkeit, liegen mir nicht, interessieren mich nicht mehr … Slow-Food und Slow-Life … so beschreibt es das am Besten … Hygge für Fortgeschrittene … Verbreitet ist so eine Haltung nicht unbedingt, schon gar nicht auf den Straßen, wo es immer „zack-zack“ gehen muss besonders in
Deutschland.
Sogar hier in Frankreich lasse ich jeden an mir vorbei, der von hinten auf mich aufläuft … habe da keinen Bock drauf, wenn einer drängelt … So zuckle ich Richtung Entre-deux-Mers … rolle über Stock und Stein, knattere durch kleine Dörfer und muss zum gefühlt tausendsten Male feststellen, Frankreich
… ist echt schön!
Nicht nur die Frauen, die hier leben, auch ihr Land ist es … Fast beseelt gleite ich über Straßen, an Wäldern, Schlössern und alten Gehöften vorbei … vergesse alles Böse, alles Unglück der Welt … erfreue mich am Leben selbst, wahrhaftig lebendig zu sein … Bei meiner Ankunft folgen K. und ich unseren
Ritualen,
die aus Einkaufen und danach Kochen besteht, verbunden mit Apéro, den obligatorischen Gläsern Wein … Eine breite Fülle von Themen kauen wir durch, bis wir spät zu Bett gingen … Freitag, fühlt sich wie Samstag an … wir haben uns vorgenommen, zur Domaine des Allegrets, ins schöne
Villeneuve-de-Duras
zu fahren, um dort Wein zu kosten und kaufen … Und so geschieht … Schon legt Kumpel K’s Citroen Xsara Picasso ab und nimmt Kurs, allerdings nicht ohne dutzende unbekannte neue Wege, Ecken, Chateaus, oder unbekannte Kirchen zu bestaunen … Butterfahrt mit Auto, so könnte man es nennen.
Ankunft 16 Uhr.
Offensichtlich erwartet uns die Hausherrin, was zeigt, dass sie meine Nachricht gelesen hat, die ich ihr aufs Handy geschickt habe, sie geht nicht gerne ans Telefon … „Schön dass Sie wieder da sind“ … wir begannen mit Allgemeinem, Wetter, Ernten … „letztes Jahr war wirklich großartig – heiß, aber wirklich fantastisch!“
Wer sagt’s denn.
Gibt auch in diesen merkwürdigen Zeiten Winzer deren Geschäft gut geht … Schon stehen wir im Proberaum für die Dégustation … „Oh, lecker der Weiße“ … mit und ohne Eichenfass … dann Wechsel zu rot … „100% Malbec, Katze-Etikette und „Voyage-d’Oenos“ … klingt alles sehr verheißungsvoll.
Und schmeckt auch so.
Wie jedes Mal, greife ich anständig zu und nehme ein paar Kartons Weißen und Roten mit … Doch welch Überraschung ist deren Hofhund … Erwartet man einen großen, bösen, gefährlich knurrenden Hütehund, Richtung Briard oder Berner-Sennen, sehen wir uns mächtig getäuscht.
Ein kleiner weißer,
mega-entspannter Mischling liegt in der Einfahrt und macht keine Anstalten, sich zu bewegen … Auch trabt er nicht, sondern geht uns hinterher und zwar so gemächlich, dass ich denke, der hat „die Ruhe weg“ … Vom Moment der Weinprobe an, weicht er nicht mehr von der Seite, ohne dabei störend zu sein,
im Gegenteil:
Kein Bellen, kein lautes Schnaufen, nahezu geräuschlos, bewegte er, lebte er so vor sich hin … „11 Jahre ist er alt“ sagte uns die Chefin … Sein Verhalten erinnert eher an Katzen, anstatt an den üblichen sabbernden und hächelnden Kadavergehorsam, den man von Hunden und manchen Herrchen kennt.
Sogar ein Wein
mit eigenem Etikette wollen sie ihm widmen … was ich großartig finde … wenngleich ich mir den Kopf zerbrach, wie man ihn wohl genannt hat … „Sokrates, vielleicht? Oder Diogenes?“ Wer solch eine Zen-Aura sendet, der verdient solche Namen, fand ich … „Nein, weder noch, er heißt
Ganz einfach – Jazz!“
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