„Verdammte Scheiße! Na logisch, das ist doch Sprit! Oder was? Natürlich! Es stinkt nach Sprit, nach fucking Benzin! Verdammt, ich flipp‘ aus – was haben die denn kürzlich in der Werkstatt gemacht? Lack poliert, Innenraum durchgesaugt, mir ‘nen Duftbaum reingehängt, aber die beschissenen
40 Jahre alten
Benzinschläuche drinnen gelassen? Ich scheiß die Wand an!“ … Vielleicht war‘s viertel vor acht, später auf keinen Fall … wenn ich im hohen Norden bin, wenn ich dann zur Maloche rocker und die alte Landstraße entlangschruppe … denkmalgeschütztes Kopfsteinpflaster, maximal zulässige Höchstgeschwindigkeit 30 … wie immer bin ich deutlich drüber, weil‘s dann weniger …
laut rumpelt.
Plötzlich stinkt es nach Benzin … also gleich rechts ran … ich reiße die Haube auf und siehe da: Es fließt in rauen Mengen, im Gegensatz zur Straße von Hormus … wozu ist man Mitglied im Automobilclub? … „Guten Tag, ADAC-Pannenservice, womit kann ich helfen? wollen Sie eine Mitgliedschaft abschließen? unsere unschlagbar günstige
Rechtschutzversicherung?
Oder eine Urlaubsversicherung?“ … die junge Dame klingt nach 18, maximal 26 Lenzen … „na prima!“, denke ich … „auch die ist nach dem letzten Verbrauchertest, siehe Heft 15/2024 unschlagbar günstig, weil wir“ … wird sie so weiter machen, bis ich Kopfschmerzen habe, oder …
sie anschreie,
oder es vorher schaffe, ihr einen Stock in die Speichen zu stecken … „entschuldigen Sie, können Sie mich hören?“ … „weil wir die einzigen sind, die von ganz Europa sprechen, weil“ … okay, sie wird es durchziehen, ich hasse es, unfreundlich zu sein … „weil für uns Europa, Albanien einschließt“
„Hören Sie?“
„denn wie Sie bestimmt wissen, liegt Albanien zwar oberhalb von Griechenland, ist aber nicht Mitglied der EU und wenn Sie, nur mal als Beispiel, stellen wir uns das mal zusammen vor“ … jetzt ist sie schon beim WIR … „Sie würden sich eine Tour nach Griechenland über Albanien vornehmen, wo sagten Sie wohnen Sie?“ … das ist meine Chance … „ICH habe eine
Verdammte PANNE!“
Totenstille … fünf Sekunden, dann zehn … „einen Augenblick, ich verbinde Sie mit dem Pannen-Service“ … mehrmaliges Knacken, mittlerweile sind meine Fenster runtergekurbelt, um den Spritgestank rauszulassen … „Gudn Dach, ADAzeh-Pann’serviss, wie kann ‘mer helwe?“ … kommt der aus
Sachse, oder Hesse?
„Hören Sie mich?“ … man glaubt gar nicht, wie laut die A1 bei Stapelfeld dröhnt, wenn man zum morgendlichen Berufsverkehr davorsteht und mit ausgeschaltetem Motor einen lokalen Akzent verstehen will … „Joh, isch hör se, wadd ham se, wo stehn se? Und vor Allem, dat müssn wa zuerss mah machen, irre
ADAC-Mitgliedsnummer,
ham se dieh da, wie lauded seh?“ … was will er haben? Meine, was? … „Hören Sie mich?“ … mittlerweile ist auch meine Birne voller Benzingestank … „Irr Mitgledsnummah, de bräuschts isch jezz“ … spinne ich, oder was? Ich versteh den Heini nicht … „Hallo? Hören Sie: Ich habe eine Panne, ich stehe hier an der
Auffahrt zur A1 bei“
„Ohne Irr ADAzeh-Meddgleddsnummäh kann ech nex machn“ … das darf doch nicht wahr sein … Ach nee, natürlich! Jetzt kapier ich … „Hören Sie: ich habe meine ADAC-Karte nicht dabei, auch kenne ich die Nummer nicht auswendig … hören Sie: Ich stehe hier in, hören Sie mich eigentlich?“ … „Tschuldigung, ohne Ihre Nummer können wir leider nicht“ … „Ich stehe Auffahrt Stapelfeld, Richtung Hamburg“ …
„Wie heißen Sie?“
„Was sagen Sie? Ich heiße“ … laut schreie ich meinen Namen, so laut, dass mir die Ohren klingeln … „Was? Sie heißen Gerd Gipfel? Warten Seh“ … verdammte Axt, gleich flipp ich aus … boah und das stinkt hier, kaum auszuhalten … wenn ich mir jetzt ne Kippe anstecke, explodiert der ganze Scheiß-Laden …
„Nein! Hören Sie: Ich heiße …“
„Nein, so einen Namen haben wir nicht als Mitglied, tut mir leid … wollen Sie eine Mitgliedschaft abschließen? Dann können wir Ihnen sofort helfen und unsere gelben Engel“ … was, der jetzt auch, oder was? … „haben ihre gelben Engel Gummischläuche und Schlauchschellen dabei?“ … lautes, mehrmaliges Knacken in der Leitung.
„Wie bitte?
Ob unsere Gelben Engel Gummischläuche und Saugschellen dabeihaben? Wadd erlaub‘n Se sisch?“ … Berlin oder wadd? Wieso berlinert der jetzt rum? … „mer sann doch nedd de Beate Uhse, Gummischläuche, Saugschellen und Latexkostüme womöglich haben wir nicht, lass‘n Se dadd mit diesam läscht‘gen
Teflonstreichen,
sonst mähldn wir dosch der Bullisei ond, de mocht janz sischa ah Telefon-Rück-Verfolgung, sein sa sich da janz sischah“ … es riecht immer stärker nach Benzin … „ham sah jetzt ihr Nummah, oh nedd? Or iss das nur a blehd Straichsch?“ … mit wütendem Kampfgeschrei, lege ich auf, schmeiße …
im Geiste
einen altmodischen Hörer in seine dunkelgrüne Gabel … mit quietschenden Reifen mach ich einen U-Törn … und fliege gleich darauf mit wehenden Fahnen nachhause … Kopfschmerzen schleichen sich hinter meine Augen, „na wunderbar, war ja mal wieder klar“ … angekommen, fix das Auto geparkt …
Motorhaube auf
und-und … „na prima, wie alles hier im Sprit schwimmt“ … muss das Leck orten, schmeiße den Motor wieder an … „oh, wie schön, schau nur wie das pisst“ … Motor wieder aus … „denk nach, denk nach, was brauchst du? Schläuche, Schlauschellen, Seitenschneider, los geht’s“ … ich renne rein,
suche in leeren
Werkzeugkästen, in denen nur noch Ikea-Inbus-Schlüssel sich die Klinke geben … vorbei die Zeit, wo man alles selber reparieren konnte … „doch was ist das? Ein alter Bremsbehälter vom BMW 02 mit zwei Schläuchen dran, super!“ … hier ein paar Kabelbinder, ein Teppichmesser, oh, schau mal, eine
Wasserpumpenzange,
okay, sieht ganz gut aus … ich bastle mir einen zurecht, kannibalisiere ein paar andere Leitungen, um Schellen zu kriegen … ein paar Mal brechen neue kaputte Stellen an der porösen Spritleitung auf, kein Wunder, das Auto ist 40 Jahre, die Gummischläuche werden ähnlich alt sein … irgendwann hält die verdammte Scheiße dicht.
„Na endlich!“
Motorraum leer machen, alles einsammeln, Hände waschen, Haube zu und losfahren … ein Hochgefühl stellt sich ein … in bester Stimmung und reichlich Elan sause ich eine Stunde später als geplant auf die A1 … hinterm Kreuz mit der A24 beginnt der Stau … „Auch das noch!“ … heute nimmst du
alles mit!
Resignation ist es nicht, als ich sehe, dass dieser gewaltige Stau nur deswegen täglich entsteht, weil vor der Elbbrücke ein Blitzer steht … „ja, richtig gelesen“ … vor der Abfaht Willhelmsburg steht noch einer … mehrere Fahrbahnverengungen, lassen uns über die breiten kaputten Straßen schleichen,
Tempo 30,
„ein Schild, dass man bald wohl auch auf Autobahnen findet“, ätze ich rum … Zum dritten Mal brummt mein Handy wie wild … 0800er Nummer … „wer soll das sein … „drei Mal schon? Was soll das?“ … eine Sprachnachricht wird hinterlassen … bin neugierig, höre es mir an, während wir langsam Richtung …
Köhlbrandbrücke rollen.
„Schönen guten Tag, hier ist der ADAC. Sie haben uns vor kurzem angerufen. Unser Pannenservice teilte uns mit, dass ihr Gespräch abrupt unterbrochen wurde, weswegen wir davon ausgehen, dass Sie Empfangsschwierigkeiten, oder dergleichen gehabt haben müssen,
daher senden wir
Ihnen unser Angebot per Sprachnachricht: Wollen Sie in den Urlaub? Suchen Sie eine der führenden KFZ-Rechtsschutzversicherungen? Oder wollen sie gar von unserem breiten Angebot unserer ADAC-PLUS-Mitgliedschaft profitieren, die wir IHNEN, nur heute, für das unschlagbare
Angebot von 187€ pro Jahr
anbieten können, vorausgesetzt, Sie entscheiden sich noch heute … oder, trauen Sie sich was und wollen es gar mit der All-Inklusive Platin-Version versuchen, was bedeuten würde, das SIE und nur SIE, einer der wenigen Kunden wären, die auch in Albanien, außerhalb der Europäischen Union,
vollen Versicherungsschutz
genießen? Wollen Sie? Dann rufen Sie uns umgehend zurück … unsere Nummer lautet – 0800 …“ Am höchsten Punkt der Köhlbrandbrücke überlege ich für einen Moment zu springen … verwerfe den Gedanken aber wieder, weil man da oben ja nicht parken darf, geschweige in Gedanken schweifend
eine Pause machen.
„Außerdem, wer sollte den Wagen dann abholen?“ … oder die fällige Versicherung überweisen, die Werkstatt darauf hinweisen, dass sie die porösen Gummileitungen gegen Neue ersetzen sollen? … Wer würde sich um’s Tanken kümmern, um den Luftdruck, all die wichtigen Dinge, um das Auto zu warten
Um es weitzufahren … ?
Eben – drum …