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Smartphones retten die Welt – Teil2

Ich lebe im Stadtzentrum von Toulouse. Meine Wohnanlage war früher mal ein altes Kloster. Es ist völlig verbaut und verschachtelt, wie die Katakomben Roms. Überall gibt es Innenhöfe. Zusammengeflochtene Häuser bilden weit verschachtelte Gruppen, die dominokettengleich kleine Carées bilden, mal zu drei, oder vier Stockwerken aufgetürmt.

Einfachheit und Größe laden nur Studenten und Niedriglohnverdiener ein hier zu leben. Der asphaltierte Innenhof in den ich gucke misst dreißig mal dreißig Meter; Mandelbäume sorgen für einen Hauch Natur und Garten. Mir gegenüber wohnen ein paar ausgelassene Genossen, die ihre Stadtfahrräder dauergemietet haben.

Bei Sonnenschein pflegen die Genossen auf ihnen herumzufahren, manchmal ein paar Minuten, oft aber auch über Stunden. Den Figuren die sie fahren sind natürliche Grenzen gesetzt. Achten sind ihr Liebstes. Kreise sind auch oft dabei, oder Rechtecke mit abgerundeten Ecken. Oft telefonieren sie dabei mit ihren Smartphones.

Da Mützetragen auch im Sommer verbreitet ist, klemmen sich die Nachbarn ihr Telefone gerne darunter; wenn sie ohne Kopfbedeckung fahren ist einhändiges Fahren erstes Gebot. Fast immer telefonieren sie über Lautsprecher, halten also das Gerät in zwanzig bis dreißig Zentimeter Abstand vor den Mund und sprechen lauthals zur Muschel. Manche wiederum hören einfach nur Musik und singen mit.

Wenn die Sonne scheint, trauen sich auch junge Damen raus. Enge Sportleggins und Trainingshosen sind immer noch modern. Schminke und Makeup sind Pflicht. Zigarette rauchend stehen die Damen am Rand der Manage, in der sich die mutigen Radfahrer Hals über Kopf stürzen, um ihre beeindruckenden Runden zu drehen.

Je später die Stunde, desto lauter die Gespräche. Ich finde das normal. Alkohol hat eine wunderbar einladende Wirkung, auch wenn wir es oft von uns schieben. Er enthemmt uns, lässt uns Dinge sagen und machen, die wir uns sonst nie trauen würden.

Die rasanten Fahrten der Hasardeure haben mich oft von einer brennenden Frage abgelenkt: Warum fahren sie nicht durch Stadt und schauen sich die Welt an? Warum bevorzugen sie ihr Gehege? Sind es die Freunde, die ihnen applaudieren? Oder sind es die reizenden Damen, die sie mit ihren Kunststücken beeindrucken?

Ziehen sie ihre kompakte Welt, mit den bekannten festen Größen der großen weiten Welt da draußen vor? Ist Bekanntes attraktiver und leichter zu beeindrucken als Unbekanntes?

Sind offene Tore einladender als Geschlossene?

Ist Freiheit ein Segen?

Oder gar Glück?