Keine Ahnung, ob es eine Art Kollateralschmerz ist, den mir die sechs Hitzewellen in Birne und DNA geschrieben haben … oder ob es ein von Kapitalismus, Spektakel digitalen Medien getriebenes, beschleunigtes, post-modernes Stockholm-Syndrom ist, dass bei zuviel Stille, Ruhe, noch dazu Kälte,
eine Art Phantomschmerz
erzeugt, wie nach einer Amputation, wenn dir das allzu vertraute Körperteil, oder deine Gedanken daran, deine Bilder, Gerüche und Erinnerungen, abhanden-gekommen ist, dass du ratlos und irritiert vor dich, in die Weite starrst, verunsichert, fragend und völlig übersehend, dass es lediglich die fehlende
Sonne und Wärme ist.
Regen, Feuchtigkeit und Nebel trieben mich mit der Mistforke vor sich her, wie einen Aussätzigen, der ziel.- und kopflos herumirrt, wie es mir schon seit Langem nachgesagt wird … Doch da: Was war das? Sonne und Temperaturen um die 20 Grad in der Region Bordeaux ließen mich hoffen … Kumpel Karsten freute sich
über meinen Besuch.
Freitag Spätnachmittag … erfreut spring ich auf meinen metallisch-grauen Gaul und gebe ihm die Sporen Richtung Westen … Jene 10 Grad lassen mich frieren, da helfen auch beheizte Griffe nur bedingt … immer mehr kriecht die Kälte durch meine Klamotten … wo sind, waren sie, die angekündigten
14 Grad und Sonne?
So weit meine Augen sahen, nichts als Nebel und graue Suppe … Reisetempo 130, bald 140, eine Art Reflex, um dem unbekannten besseren Wetter schnell näher zu kommen … teilweise ist der Nebel so dicht, dass mein Visier beschlägt … nur schemenhaft sehe ich den breiten Streifen Asphalt …
Es langt mir.
Es geht rauf und runter … nach einer Stunde kündigen erste Schilder den Ort Agen an … und, siehe da, „was war denn das?“ … erste Sonnenstrahlen bohren sich trotzig durch die Wolkendecke … 11 Grad, „wie schön“ … 10 Minuten später krabbelt das Thermometer auf 12, bald 13 Grad … ich juble wie ein
Hebephrener
unterm Helm … irgendwann sind es 14, dann 15 … Arme und Beine tauen auf, werden warm, noch dazu dies Sonnenlicht, wie es die grünen Wiesen und Landschaften, mit ihren Bäumen, Sträuchern, Häusern, Zäunen und den vielen Weinreben links und rechts von der A62 in Licht taucht …
Welch ein Traum.
Abfahrt Podensac … 16 Grad, ich klappe meinen Helm auf, genieße die angenehme Luft … verflogen, sämtliche Gedanken, über Politik, Wirtschaft, Migration und Staatsverschuldung … verflogen, vergessen, verdrängt, sämtliche Probleme der Welt … irgendwo bei Langoiran fahre ich andächtig über die gleiche Garonne,
wie in Toulouse.
Es geht weiter Richtung Créon … durch unendliche Kurven schraube, lege ich mich, umringt von Wald, Weinreben und alten verlassenen Häusern, seit Jahren unbewohnt, längst der Zeit und dem Verfall überlassen … Stille Zeitzeugen von Goldgräberstimmung, Aufschwung und Niedergang.
Dann komme ich an,
in Saint-Germain-du-Puch … Keine Ahnung was es ist, auch nach 10 Jahren verbirgt, hält Frankreich sein Geheimnis vor mir versteckt … Oft ahne ich es, in übermütigen, weinseligen Momenten, glaube ich es greifen zu können, glaube es kapiert zu haben … während der Alltag in Toulouse mich genauso wieder
davon entfernt,
wie in jedem anderen Land, so dass ich ratlos, irritiert dasitze und stehe, mit einem Gefühl von „wieder bei Null anfangen“ … bei was auch immer … In hellen Momenten packt es mich dann doch hin und wieder … dann glaube ich zu wissen, dass es der fehlende Auto-Wahnsinn Deutschlands ist, wo Autos Religion sind, oder fehlende
Rastlosigkeit und Hektik,
die in einer Art Lebenskunst mündet, die man leicht „Müßiggang“ oder „laissez faire“ oder, oder, oder nennen könnte … vermutlich tragen Apéro, die Liebe für Speis und Trank, im Besonderen Wein reichlich dazu bei … dutzende Male habe ich schon genau davon geschrieben … Und doch werde ich nicht müde,
es immer wieder,
so wie heute, darüber zu schreiben … Überhaupt, das Schreiben: Seit nunmehr 13, fast 14 Jahren schreibe ich jeden Sonntag eine neue Novelle … Manche geben dem Ganzen andere Namen, zum Beispiel Essay, Aufsätz usw … ausgefallen, ausgesetzt habe ich in all der Zeit, niemals – nicht einmal.
Kulinarisch warm
machen wir uns den Freitagabend und gingen Samstag, frisch gestärkt nach einem guten Frühstück auf die Jagd nach einer Lammschulter … Schon seit Jahren will ich eine schmoren, ist es doch eines meiner Leibgerichte … Bei einem Super-U-Supermarkt werden wir fündig … Auf dem Rückweg, touren wir über, durch die …
schöne Landschaft
zwischen Garonne und Dordogne … Selbst die sechs Hitzewellen, haben meine Verehrung für die Sonne nicht kleiner werden lassen, im Gegenteil … irgendwann, ich war gerade in Gedanken, mein Kumpel biegt mehrmals in kleine Straßen und Feldwege ab, steht er da, der riesige Hahn,
vom Chateau La France.
Bestimmt 10m ist er hoch … glänzend, als hätte man ihn erst gestern geputzt … seine Krallen sind riesig, packen, halten die Erde fest, auf der er steht, während er, mit stolzgeschwellter Brust Luft holt … Vorstellungen von seinem gewaltigen Schrei … diverse Geschichten ranken sich um ihn.
2018
sah ich ihn zum ersten Mal … Heute – zum zweiten Mal, während ich in der Sonne draußen sitze, bei locker, bestimmt 20 Grad … Wie soll ich es beschreiben: Man kann sein Leben ändern, durchaus … man kann das Auto abschaffen und die neu entstandene Zeit, den mentalen Freiraum, mit
l‘Amour,
Essen und Trinken füllen und verbringen … ganz locker gelingt, geht das … wenn man sich genug bewegt, genug Sport macht, hält man sogar sein Gewicht und verwandelt sich in keinen Obelix, oder Gérard Dépardieu … einer langt, gereicht der Welt vermutlich auch … Irgendwann gegen 20:30
liegt die Lammschulter
auf dem Tisch … sie sieht köstlich aus, sollte sie so schmecken wie sie aussieht, kann es passieren, dass ich zufrieden bin, dafür das ich das Gericht zum ersten Mal selber mache … Früher werkelte ich in der Werkstatt, damit Motorrad und Rallye-Auto fahrbereit blieben … und heute stehe ich
in der Küche,
um über Ofentemperaturen, der Zartheit von Fleisch und der Karamellisierung von Gemüse zu philosophieren … Natürlich kommt mir das alles oft absurd und schräg vor … Protestantismus und Preußentum stecken dir tiefer in den Knochen, als du es ahnst … besonders, wenn du oben bei den Wikingern
aufgezogen wurdest.
Leid, Entzug und Mangel erscheinen dir wichtig, um Genuss, Schönheit und Lebensfreude auszubalancieren … Sogar den Römisch-Katholischen sind ähnliche Reflexe nicht ganz fremd … wenngleich nicht in der gleichen Ausprägung, finde ich … Doch auch sie meinen Pflicht und Defizite zu brauchen, ähnlich
den Normannen.
Nicht selten hat es merkwürdige Ausprägungen … besonders im menschlichen Miteinander … Alles verkommt zum Handel, den man oft auch – verhandelt, ständig abwägt … Gerade heute, mit künstlicher Intelligenz, erscheinen mir sämtliche humanistischen Werte und Errungenschaften wichtiger denn je.
Zu viel Zeit,
verbringe ich mit dem Smart-Phone … Nachrichten, Neuigkeiten und Vieles mehr, möchte ich nicht verpassen, will niemanden lange warten lassen … Nicht selten beschwert man sich, wenn ich nicht flott genug, in weniger als 1h auf Nachrichten antworte … Richtig erscheint mir das ganz und gar nicht.
Vor Allem,
wenn man mit Familie und Freunden beschäftigt ist … Eigentlich habe ich gar keine Zeit für Whatsapp und Konsorten … Aber ich glaube, dass ist einer der Gründe, warum ich nicht genug Zeit zum Schreiben habe … Es kommt zusammen mit einer Phase von ungewöhnlich vielen offenen, unbeantworteter Fragen … Viel mehr als ich
es früher gewohnt war.
Und so ist es nicht verwunderlich dass ich nächste Woche, wo ich Urlaub habe, gar nichts geplant habe … keine Reise, kein Besuch, rein gar nichts … Soll meine Mediterranisierung ruhig weiter fortschreiten … Und sollte sie ihren Zenit erreichen, weiß ich, was als Nächstes dran ist … nämlich die
Überfällige Balkanisierung …
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