Es stürmte und donnerte … schüttete aus Kübeln, die Welt schien verrückt zu sein, ja, untergehen zu wollen … Hunde und Katzen regnete es … hätte nie gedacht, mich so über Regen zu freuen … wochenlang bei 40 Grad gegrillt zu werden … du veränderst dich … fühlst dich wie eine Echse, ein
großes Reptil.
Regungslos daliegen, einfach dasitzen … rausstarren, warten auf Godot … aufs nächste kalte Bier, einen weiteren Schoppen Wein, oder Regen … den ganzen Tag merkte man’s schon … dunkler und dunkler zog sich der vermaledeite Himmel zu … er schloss uns ein, nahm uns in den Schwitzkasten,
drehte die Heizung hoch,
erhöhte die Luftfeuchtigkeit … längst dachte ich, auf Kuba, oder sonst wo in tropischen Gefilden zu sein … Gott verlassen herumkrabbeln … ich ölte vor mich hin … musste mehrmals loslachen, einfach so … zum einen, weil mir die Situation so skurril erschien … „überhaupt, diese Scheißextreme“,
maulte ich herum,
alles schien völlig übertrieben … selbst der Klimawandel konnte sich nicht benehmen … von einer Stunde zur nächsten wechselte er durch alle Jahreszeiten … sogar der Luftdruck spielte Jo-Jo … ständig flippt man aus, jeder Mensch auf Kante genäht … Verpackungen die nicht aufgehen … es dauert nur Sekunden,
bis ich austicke,
wer soll da Nerven behalten … noch dazu mit diesen „verschissenen Medien“, die dir die ganze Zeit diesen vermaledeiten „Drecks-Piss-Scheiß-Müll“ von Nachrichten vor die Stufen kotzen, als wären sie zu faul aufs Klo zu rennen … „Nein, Fehlanzeige!“ das ist ihr schmutziges
Geschäftsmodell,
weil wir – angeblich – mit Blumen und schönen Nachrichten nicht umgehen können … stattdessen lieber die nächste Kreuzfahrt buchen … und für Unsummen letzte Karten der nächsten Kaisermania ergattern … noch schlimmer finde ich, dass während unsere Dünnhäutigkeit zunimmt, wir meinen mit Höflichkeit zu übertreiben,
mit Bienveillance,
jene Freundlichkeit, die eigentlich eher – wie Güte – daherkommt, die ich genau deswegen manchmal … zu viel, fast zum Kotzen finde, weil es nicht selten … am Limit, wenn nicht drüber ist … doch das passiert jetzt ständig – überall … nicht falsch verstehen: Freundlichkeit und
Zuvorkommenheit
sind im Straßenverkehr nicht nur großartig … sie retten sogar Menschen-Leben … wenn du aber nicht merkst, dass hinter dir Dutzende mitfahren, in einer Reihe, ganz brav, die alle nach Hause wollen, nach der Maloche auf dem Bau, der öden Bildschirmarbeit im Büro, alle in der langen Schlange brav mitfahren, angeführt mit einer
auf Höflichkeit
gebürsteten Mini fahrenden Brigitte, oder einer Marie-Claire, die bei jedem Tausendfüßler bremst, um wirklich als größtes Vorbild der fünften Republik von der unsterblichen Akademie Francaise aufgenommen zu werden, weil sie wirklich wahrhaftig, obwohl sie selbst bei Grün bremst, nicht selten
eine Vollbremsung hinlegt,
weil irgendeiner die Straße überqueren will, sich es sich dann plötzlich doch anders überlegt … kein Wunder das deine Halsschlagadern dann wie Akazienstämme anschwellen … was mir als Mopedfahrer komplett Banane ist, weil ich mit dem Motorrad sowieso mache was ich will,
da ist es kein Problem,
diesem ungeschriebenem französischem Gesetz, Bienveillance zu zeigen, dem Folge zu leisten … immer wieder beobachte ich, wie Rüden und Bracken hinterm Steuer schäumen, nicht selten in Lenkrad, oder Lenker beißen … genau in solchen Fällen, merke ich, dass in mir
ein Wikinger
mit Namen Björn lebt … dann spüre ich ganz deutlich, dann fühl-weiß ich, (eine Wort-Kreation von Freundin N.) dass dieser Wikinger nicht nur existiert, sondern das er da ist, im hier und jetzt! … wie er dann komplett ausflippt … wenn ich ihn im Gedächtnispalast drinnen höre, diesen furchteinflößenden
Barbaren,
wie er pöbelt und schreit, während seine gewaltige Streitaxt über den Boden schleift, mit wachsendem Appetit, das riesige Hackebeil an irgendwem auszuprobieren … dann weiß ich, dass mein Kutscher jetzt alle Hände voll zu tun hat, um auf ganz sicher zu verhindern, dass in Toulouse keiner losschreit
„DAS ist SPARTA!“
Moralischer Fortschritt ist was Großartiges … der feinsinnige Intellektuelle in mir, ist ihr größter Höfling … doch in diesen raren Minuten der Raserei, braucht es robuste Zügel, Zaumzeug, „oder eine dégustation mit me, myself and I“ so meine Idee, die mir seit Wochen im Kopf herumspukt.
Heute soll es sein,
bei Sturm und Wolkenbruch … und so geschah es … denn noch schien es trocken, nicht zu regnen … schwinge mich auf mein Rad … Ziel: Épicérie Crystal, Fachgeschäft für russische und östliche Delikatessen … Leonids Sohn steht hinterm Tresen … bestimmt heißt er Oleg, Dimitri, oder Josef … Er hatte das milde Lächeln eines Mannes der nicht
nur Verständnis,
sondern auch Erfahrung gesammelt hat … mit Ähnlichem oder Gleichem … „ich such‘ eine Flasche Wodka“ er lächelt immer freundlicher … „Russian Standard – eine runde Sache … Beluga ist natürlich das Beste, aber teuer. Dazwischen gibt es alles Mögliche, aber die beiden sind Eckpfeiler“ … stirnrunzelnd höre ich ihm zu, während sein Kühlschrank
russische Salzgurken,
sowie Balkan-Kabanossi preisgibt, welch ein Fest … doch die Hitze hatte mein Gehirn weichgekocht … „es nützt alles nichts“, stöhne ich, als hätte Björn die Zügel in die Hand genommen … „nehme den Beluga!“ … aus den Augenwinkeln leuchtet mich eine Flasche griechischer Retsina an … „Ja! Was sehe ich denn da, ist ja wie Weihnachten,
nehme die auch!“
Radle mit leuchtenden Augen, wie ein Besteiger des Mount Everest heim … fliege freudig in meine Bude, stopfe Wodka-Flaschen ins Eisfach und reiße gerade den Eimer Salzgurken auf, als die dunklen Wolken von ersten Blitzen zerrissen werden … Donner rollt über die Stadt … „keine Minute zu spät“, denke ich halblaut … „soll jetzt
die Sintflut kommen,
ich hab genug Bier, Wein und edlen Stoff aus Russland!“ Wer jemals die Don Kosaken live Life gehört hat, kann unmöglich Land und Leute verteufeln … schon gar nicht, mit preußisch-schlesischen Vorfahren … „ein erstes Bier, zum Anfeuchten!“, hätte Bloom gesagt … ich hingegen nehme ein Zweites und ich sehe, dass es gut ist,
sehr gut sogar,
dann endlich, der große Augenblick, dort, in der Manege, im Ring … zwei Kontrahenten, wie sie unterschiedlicher nicht sein können … in der einen Ecke, ein gewaltiger Schwede, mit Namen Absolut … jeder kennt, fürchtet ihn … in der anderen Ecke, nicht minder bekannt, dafür eher geschätzt … jener russische Bär, mit Namen
Beluga.
Beide eiskalt im Auftritt … Salzgurken führen die Schwergewichte in den Ring … ein durstiger Referee (moi) sitzt mit Björn und Bloom im Geiste zusammen … bauen uns bedrohlich vorm Tisch auf … da krachen fette Blitze ins Schwarze der Nacht … Donner rollen über uns hinweg, ich ducke mich, man weiß
in Wahrheit – nie!
Fester Biss in die Kabanossi … dann noch einer, ein weiterer, dann ein letzter Schluck Bier … jetzt gilt‘s, nun ist alles bereit, angerichtet von der Vorsehung … fische wieder im Eimer, gleich kleinen Fische versuchen die Gurken zu entwischen, da – endlich: „Habe ich dich, Kleine!“ … beiße hungrig ab,
vor mir zwei Gläser
voll mit Wodka, jetzt gilt es … draußen öffnen sich alle Schleusen … es prasselt, donnert, tobt … als zürnen uns alle Griechischen Götter zusammen, mit Zornesröte, Wut, Wucht und Schaffe … „nehmt Haltung an, Matrosen“ ruf ich in die Dunkelheit … stehe energisch auf … stoße den Stuhl nach hinten,
ein zweiter Biss,
dann, so wahr ich hier stehe … selbst der Kosmos will es – genauso … ein erster Schluck, er geht runter wie Öl … schmiert die Kehle ganz hervorragend … stimmt, Salzgurke passt gut zu Wodka … „hm, mild im Geschmack, angenehm mineralisch, ein wenig ölig, irgendwo ein paar
Gewürznoten,
kommt bestimmt von den Gurken“ Absolut ist eine sichere Bank … fängt ja gut an … beim großen Manitou, nehme eine zweite Gurke … nun kommt Beluga dran … noch ein Biss, ein Schluck Wasser, dann Köpper vom Zehner … ein großer Schluck flutet meinen gierigen Mund … er findet großen Gefallen an dieser
Zeremonie.
„Hm, sieh an, der ist ja noch feiner, richtig elegant auf der Zunge, regelrecht cremig … klingt bestimmt albern … ist, bleibt mir völlig egal … „hm, tatsächlich, sieh einer an, welch großer Unterschied … aber ist er groß genug, um den doppelten Preis zu zahlen?“ … Schon muss eine dritte Gurke dran glauben.
Neuer Schluck Wasser,
trinke das Glas Absolut aus … soll Europa Probleme mit dem Balkan haben … seit ein paar Jahren wissen wir es … die Urbanisierung ist fehlgeschlagen … und die Quittung zahlen wir jetzt mit diesem verrückten Klimawandel … bin vielmehr für Balkanisierung … grapschte mir noch ‘ne Gurke … noch eine Kabanossi, noch eine Gurke.
Ramms.
Schon leere ich das Beluga Glas … draußen geht die Welt unter … drinnen schenke ich Beluga nach, nehme eine weitere Salzgurke … sehe den Wassermassen zu, wie sie den Innenhof fluten … gischt peitscht in meine Bude … fühle mich wie 2016 … Überfahrt mit meiner Luli zur Insel Ouessant … fast zwei Wochen auf der Insel
schwer schaukelnde Fähre
musste mich trotzdem in die spritzende Gischt stellen … konnte nicht anders … sitze zehn Jahre später in Unterhose vorm Fenster, schaue dem peitschenden Sturm zu, trinke Wodka und futtere Salzgurke … als käme ich aus Moskau, Rostock oder Bad Doberan … jetzt fehlen nur noch Witt & Heppner „Wann kommt die Flut“ … und genau so
geschieht es.
Dunkle Wikingerstimmung über Toulouse … es schüttet in Strömen … Björn der Wikinger schärft seine Axt … Leonidas trinkt ein letztes Glas Wodka und befindet, dass für etwas Mehr-Geschmack noch ein Whiskey ranmuss … mit einem 15 Jahre alten Glenlivet runden wir einen geselligen Abend ab … längst stehen die Salzgurken im Kühlschrank,
sogar die Wodkas
liegen friedlich schlafend im Eisfach … nur Björn, Leonidas, Bloom und die anderen sitzen um den Tisch, starren stumm aus dem Fenster, sehen dem Regen zu … unnachgiebig trommelt er weiter, immer weiter … ein letzter Schluck, sogar der Regen wird weniger … es kehrt Ruhe ein am Himmel wie auf Erden … decke stillschweigend
den Tisch ab.
Hin und wieder müssen solche Abende sein … seelischer Stuhlgang, sagte Großvater Richard … denke daran, sowie an Anderes … genieße alle Momente diffus zu sehen, ohne sie benennen zu können, wissentlich, dass die Festlegung, Messung, die Linse auf Fokus zwingt, womit das große Ganze schwindet, bis nur ein kleiner
Unbedeutender Punkt …
Übrigbleibt, wo einst …
Das große Ganze …
Schwieg …
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