unter dieser Nummer … musste mich verwählt haben … versuche es noch mal … gleiches Ergebnis … „merkwürdig, muss was Falsches aufgeschrieben haben“, so, oder so ähnlich erkläre ich’s mir … überhaupt, seit bald einem Jahr, fasert alles so vor sich hin … beide Bücher liegen brach … tägliche Poetik und Lyrik hat überlebt … aber, was soll’s,
es ist Sommer.
Mein erster in Toulouse … ohne Urlaub … früher war ich, zum Beispiel, zuletzt noch mit meiner Freundin S. in den Ferien unterwegs … jedes Jahr, immer zwei Wochen im August … dies Jahr, seit 2019 zum ersten mal – wieder nicht. Sommer in Toulouse … Pass-Franzosen sind jetzt im Urlaub, wie ich früher, als …
Hybrid-Franzose.
Tägliches durchkraulen der Wärme … Sie macht was mit mir, krempelt, stülpt mich um, von innen nach außen, alles reduziert, minimalisiert sie und sich … ab 13 Uhr wird es spannend, meine Bude verwandelt sich in ‘nen Backofen … draußen steht die Luft … über 40, bestimmt … drinnen, keine Ahnung,
wieviel,
fühlt sich warm, sehr warm an … Gedanken an Harald Juhnke … keine Ahnung, wo die herkommen … muss mir was überlegen … wegen der Wärme, vielleicht ist jetzt … doch, genau … wenn nicht jetzt, wann dann? … Ziehe mich an, schlüpfe in Schuhe … los doch, auf.- und zuschließen … stehe draußen auf der
heißen Gasse.
„Boah, was ein heißer Wind“, schleiche wie eine Marionette durch die Straße … Marsch der Verzweiflung … du willst wenig Kontakt mit Stoff und Sonne haben … genau so, bewegen wir uns … eine absurde Mischung aus Pinguin und Pinocchio … „Bonjour“ bei Doryann, dem Schuhladen für Damen mit
Geschmack.
Stehe an der Rue du Languedoc, über mir flimmert das rettende Kreuz der Apotheker … „43 Grad“ lese ich da, „na, wer sagts denn“ … schlurfe wie eine Mumie mit Gepäck weiter Richtung Midica … habe das Gefühl, dass ich … wirklich, werde immer langsamer … Kälteschock beim Reinkommen, 20 Grad Differenz … aber
mindestens!
Wasser läuft mir den Rücken runter … grabe mir einen Kanal durch die kalte Luft, bleibe vorm leeren Regal der Ventilatoren stehen … „Sie sind nicht der Erste“, lacht der füllige Mittvierziger mich an, „versuchen Sie es gegenüber bei Darty, die sind zwar teurer, aber vielleicht haben Sie Glück“, gesagt und
auch – getan.
Wieder raus in die flirrende Hitze … „was eine Sauna“, echt, also wirklich, im Ernst … so was hatten wir, also in Echt jetzt mal, bestimmt Jahre nicht, „kein Wunder das es überall brennt“, murmle ich vor mich hin … überquere Place Esquirol, schraube mich in den kalten Laden hinein, „Bonjour, bienvenu“ höfliches Security-Personal,
natürlich schwarz,
wie üblich … schwebe herum und siehe da, freue mich, als wär’s die Bundeslade … eine Palette voll mit Ventilatoren, sechs Kartons zähle ich … scheint ‘ne anständige Größe, „Entschuldigung?“ … Ein spindeldürrer Knabe um die 25 segelt mit goldener Uhr heran … sein Parfüm, extrem feminin … muss an alte, oder ganz ganz …
junge Damen denken,
er baut sich strahlend vor mich auf … will mir was erzählen … stemmt seine Hände in die Hüften, „sehe ich da Nagellack, oder was“ … als wär‘s der „Prêt-a-Porter“, meine Güte … er flackert, blinzelt mit seinen riesigen Schmetterlings-Augen … will mir ganz sicher … muss mir … hat es sich fest vorgenommen … mir auf jeden Fall … also, das muss ja wohl möglich sein, diesem verdammten Hetero-Kerl da so ein Propeller zu verkaufen, und sei es …
„Kann ich Ihnen helfen?“
„Sicher, sicher – habe da eine Frage, wie lang ist er?“, mir fällt das Wort „hoch“ nicht ein, sofort grinst er mich an, übergeht höflich meine Tölpelhaftigkeit, während er wie ein Drohne um mich herum fliegt, die jede Möglichkeit nutzen will, was auch immer zu tun … lächelt mich unentwegt strahlend an … wartet, ob ich mich doch noch
selber korrigiere,
endlich erscheint ein rettendes Wort am Horizont … pflücke es mir sofort herunter vom Firmament, benutze es direkt, roh, unbehandelt, unelegant … wie Wikinger zuweilen sein können … „Durchmesser, ich meinte natürlich, den Radius, beziehungsweise, Durchmesser“ … er beugt sich vorne über, fängt mit so einer Art …
Glucksen an,
schlackert mit Beinen und Knien über Kreutz … Schmidtchen-Schleicher mit den elastischen Beinen … gluckst und gurrt, kriegt sich kaum ein … muss wohl seine Art Lachen sein … wiederholt meine Worte, wieder und wieder … beugt sich hinten über, fällt, biegt sich in seinen eigenen Rücken vor Lachen, „Durchmesser … !!“
Glucks-Glucks-Glucks.
„Länge!“ Gurr-Gurr-Gurr … klatscht sanft weiblich, krass feminin in die Hände … nicht auf die Oberschenkel … schüttelt sich wieder und wieder … „Hi-hi-hi-hi-hi“ lacht jetzt spitz und schrill, wie eine alte Hexe, während seine Äste und Rinde zucken und zittern, als würde es ihm gerade kommen … fängt an zu kreischen, als er
„40cm!“
mit größter Mühe aus sich herauspresst, als wäre er eine überdimensionale Zahnpastatube, die man nur mit besonders viel Kraft aufrollen kann, um letzte Reste rauszustreichen … „40cm?“ wiederhole ich, weil sein „Karante“ für mich eher nach „Tarantel“ klingt, als jene besagte Zahl …
„Verkauft!“
antworte ich lakonisch … will wissen, ob er mir sonst noch helfen kann, während er mir ein halbes dutzend Mal erklärt, was für eine gute Wahl ich getroffen hätte … wie toll das Produkt … seine Langlebigkeit ist … sowie unfassbar viel mehr, während seine schlackernden Gebeine um mich herumfliegen, wie eine vierbeinige
Springspinne,
die auf irgendetwas lauert, um, was auch immer als Nächstes zu tun … endlich kann ich mich von ihm lösen, packe den Karton und sehe ein paar andere Kunden anrauschen, die mit den gleichen leuchtenden Augen, die verbleibenden fünf Exemplare bestaunen … bloß weg hier, ab nachhause in meinen …
kleinen Backofen.
Keine Ahnung wie viel, vielleicht 10 Kilo wiegt das sperrige Gezumpel … Obacht, lieber Spartiate, schön erhaben, mit erhobenem Haupt nachhause gehen … bloß nicht lächerlich, gar überfordert aussehen … elegant, stolz wie irgend möglich stakse ich mit meinem Ventilator vor der Brust, statt Sparta-Speer die Rue Bouquières hinunter, wie
König Leonidas.
Nichts lasse ich mir anmerken … weder das mir das Wasser in Strömen den Rücken runterläuft … noch, wie der schwere Klotz an meinen Armen zieht … auch nicht, dass meine schweißigen Hände loslassen wollen … „nix da, schön festhalten, los doch, streng dich jetzt mal an, aber so richtig!“ … feuere mich an, presse den verflixten Karton noch fester zusammen, als wär’s die wichtige, heilige
Papyros-Rolle
die ich von Marathon nach Athen bringe … jetzt kommt die trickreiche Stelle, meine ganz persönlichen Thermophylen, allerdings heute ohne Xerxes … muss den Schlüssel aus meiner Hose herausfingern … verdammt, nicht leicht mit dem schweren Scheiß in der linken Hand … so, genauso, in die Hüfte gestemmt, „boah, das zieht, das geht ab, so eine Kacke!“ … mein linker Arm zittert, will nicht mehr … „geh auf du Fuck-Scheißtür,
verdammt noch mal!“
Zittrig, schwankend, wie die Arme eines besoffenem Don-Kosaken, versucht die rechte Hand Schlüssel und Schloss, Yin und Yang zusammen zu bekommen … sie kreist um Klinke und Schloss herum … „Fuck! Jetzt werden sogar meine Beine weich, ich merke es genau … „Los doch, rein da, verdammt und zugenäht, ich flipp‘ aus!“ … meine Geduld geht den Bach runter, ist genauso wie ich, „los, sag es ruhig!“ …
völlig hinüber.
„ENDLICH! Ich scheiß die Wand an!“ … in einem letzten Aufbäumen von Genauigkeit, Präzision, Hoffnung und erzwungener Konzentration … „Schrunk!“ laut rastet der Schlüssel ein, welch Glück … „Was? Zwei Mal abgeschlossen? Bist du ein Patient“, gehe hart mit mir ins Gericht … „Bummm“, schmeiße die Tür mit Schwung auf … sie ballert gegen die zwei Krücken, die ich …
2019 auf Kreta gewann.
Mit letzter Kraft schmeiße ich den Karton auf den Tisch … „Endlich! Mein Gott!“ … gehe zum Kühlschrank, reiß mir ein kühles Blondes heraus, Marke „Estralla Gallicia“ … „Boah, wie das zischt!“ Bin komplett durchgeölt … „so, auf geht’s Ober-Gefreiter, sehen Sie zu, reißen Sie sich zusammen, dass ist hier kein …
Kindergarten,
haben Sie verstanden?“ … schimpfe mit mir, höre meinen alten Spieß quatschen … „na los, sehen Sie zu, reißen Sie den Scheiß-Karton endlich auf … ja, genau, so … na endlich, genau … packen Sie den ganzen Kram … Mensch, Soldat, reißen Sie sich zusammen … stellen Sie sich nicht so dumm an … nun packen Sie doch den ganzen Kram gleich wieder zurück, damit Sie … Nein, nicht lange rumstehen lassen, meine Güte,
kapieren Sie es nicht?
Ist doch zu eng in ihrem kleinen Backofen“ … zerre die Plastiktüte vom Ventilator runter, als wärs ein Kondom … sehe wie die vielen Kleinteile vom Bausatz wie in Zeitlupe auf den Boden prasseln … inklusive Fernbedienung, die federleicht auf den Boden schwebt … ich ahne es, „haben bestimmt keine Batterien reingetan, verdammte Arschkrampen“ … sehe mich wieder losrennen, um Energie-Zellen zu kaufen … Nehme noch ein oder …
zwei Schluck,
einen sehr großen … mache mir eine zweite Flasche auf … ziehe meine Klamotten aus, hample nackt in meiner Bude herum … „soll mir egal sein, was meine Nachbarn denken, es ist zu heiß für Vorwürfe“ … nackte Füße klatschen hektisch auf dem Holzboden herum … dann endlich steht er da.
Stolz und prachtvoll.
Ziehe mir neue Klamotten an, bringe den geliehenen Ventilator zurück … bekomme bei meinen Freunden B. und J. sogar Batterien in die Hand gedrückt … „willst du noch kurz auf ein Bier reinkommen?“, normalerweise immer, heute jedoch … genauer gesagt, jetzt, bin ich total fertig …
mit der Bereifung.
Krabble zurück nachhause … kaum ist die Tür auf, schmeiße ich die Batterien in die Fernbedienung und zünde, starte die Höllenmaschine … „Vrooooommmm“, welch ein Geräusch, herrlich wie der die Luft bläst … „ahhhhhh – so ist es viel besser!“ … habe Bilder von der Ägäis im Kopf … mit angenehmer
hellenischer Brise.
Träume rum, habe den Kopf voller loser Fetzen … stelle meinen neuen Kumpel überall auf … probiere 100 verschiedene Stellungen und Möglichkeiten … trage ihn abends hoch … er soll über mein Bett blasen, wenn ich schlafen will … „so vielleicht?“ … justiere herum, zentimetergenau … „nee, vielleicht hier? Oder doch so? Ja …
so ists besser“
„Vroooom“ … lasse das Ding zigmal anlaufen … gegen Mitternacht haue ich mich hin … bestimmt noch 35 Grad bei mir unterm Dach … lege mir ein nasses T-Shirt auf die Stirn … dazu, jetzt aber Obacht … der große Moment, reiße stolz den Ventilator an … er bläst herrlich, aber auch ziemlich …
LAUT.
Stecke mir Ohrenstopfen rein, wie früher … klingt wie das Dröhnen von der JU-52 … denke ich stehe 1944 in Stavanger auf dem Rollfeld … Schlafe total unruhig, schlecht … in Wahrheit – Scheiße … Nächster Morgen … fühle mich gerädert, überfahren, kann kaum geradeaussehen, muss was ändern … bringe den Ventilator wieder runter.
Seine Blaserei
finde ich schon irgendwie schön, natürlich … aber der Lärm, selbst mit Ohrstopfen … meine Güte, werde immer dünnhäutiger … noch dazu, ist schade, dass man ihn nicht noch weiter runterregeln kann … weiß auch nicht, keine Ahnung, es ist kompliziert … kein Wunder dass in Athen jeder ‘ne Klima hat … schlafe jetzt ohne … überlasse dem nassen T-Shirt die nächsten Nächte …
Muss mir auch unbedingt ein Thermometer kaufen …
Muss mir … genau, noch so viel – Halleluja!
Prost, auf die Sonne – Amen!
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